So schnell kann es gehen: Noch vor wenigen Wochen war der Begriff des Social Distancing wohl gerade einmal Infektiologen bekannt. Heute ist er im Wortschatz fest verankert und Alltag für die ganze Welt. Und nicht nur das, auch ein Teil der Kultur wird er nun immer häufiger. Netflix hat kürzlich angekündigt, eine Serie mit dem Titel "Social Distancing" zu produzieren.

Es wird eine sogenannte Anthologieserie werden, es sind also jeweils abgeschlossene Folgen, und sie alle drehen sich um das, was uns alle derzeit und womöglich noch länger beschäftigt: Abstand halten und Isolation.

Regie via Skype

Produziert wird die Sendung über "die neue, bizarre, verwirrende Realität, die wir alle erleben" von dem Team, das die Frauengefängnisserie "Orange is the New Black" erschaffen hat, rund um Autorin Jenji Kohan. Die Arbeiten daran beginnen sofort, also auch unter Einhaltung von "Social Distancing", was ihr sicher eine besondere Authentizität geben wird. Immerhin filmen sich die Schauspieler selbst daheim, der Regisseur gibt seine Anweisungen wahrscheinlich via Skype, Zoom oder ähnliches.

"Wir wollen Geschichten über diesen Moment in unser aller Leben erzählen – wie wir leidenschaftlich versuchen, verbunden zu bleiben über die Distanz", erklären die Produzenten, einen Ausstrahlungstermin gibt es aber noch nicht.

Die Not macht also erfinderisch, nicht erst jetzt. Auch andere US-TV-Produktionen haben schon das neue "Social Distancing"-Genre aufgegriffen. Die Macher der Büro-Comedy "The Office" arbeiten zum Beispiel an einem neuen Projekt, in dem sich die Kollegen nur via Zoomkonferenz treffen.

Spontanfolgen als historische Dokumente

"Parks and Recreations", die komödiantische Serie über ein Grünflächenamt, hat recht spontan eine Social-Distancing-Folge gedreht. Als Spendenaufruf wurde sie am 30. April ausgestrahlt, es war ein Zusammentreffen der bekannten Figuren via Zoom. Die Handlung drehte sich zum einen um das Bedürfnis, den Kontakt aufrechtzuerhalten in der Quarantäne und zum anderen um so allgemeingültige Home Office Probleme wie: Wer hätte jetzt wen anrufen sollen.

In drei Wochen wurde die Folge geschrieben, die Schauspieler mussten ihre Maske zuhause selbst machen und bekamen Stative für ihre Handykameras geschickt.

Reunions sind die bis dato beliebteste Ausformung des "Social Distancing-Genres". Den Anfang machte Fran Drescher, die alle ihre Kollegen aus der Serie "Die Nanny" virtuell um sich scharte, um mit einer Zoom-Lesung aus der allerersten Folge der Serie die eingebunkerten Zuseher zu erfreuen.

Immer mehr Reunions

Es folgten Wiedervereinigungen von den Damen der "Desperate Housewives", den Protagonisten der Tränendrüsen-Familienserie "This is us" und den Stars der Psychiaterbrüder-Serie "Frasier". Das waren freilich keine gescripteten "Aufführungen", sondern einfach Gruppeninterviews, mit denselben Zwischenrede-Problemen, die jeder Videokonferenzteilnehmer nun schon zur Genüge kennt.

Das war alles auch deshalb möglich, weil die Schauspieler ja sonst nichts zu tun hatten, sämtliche Dreharbeiten wurden wegen der Corona-Pandemie eingefroren. Das könnte sich nun ändern, wenn mehr auf die künstlerische, filmische Verarbeitung der derzeitigen Situation mit den möglichen Mitteln gesetzt wird.

Aber was, wenn all dies erst fertig wird, wenn die Pandemie vorbei ist und Social Distancing wieder zum Fremdwort geworden ist? Dann werden diese Produktionen vielleicht erst einmal auf nicht mehr allzu viel Interesse stoßen. Aber später werden sie zumindest kulturhistorisch spannende Dokumente sein.