"Was wäre wenn?" - eine Frage, die sich im US-Fernsehen stetiger Beliebtheit erfreut. Nicht zuletzt seit Amazon Prime mit "The Man in the High Castle" ein Amerika unter Nazi-Herrschaft porträtiert hat. Bereits 2004 schrieb US-Autor Philip Roth einen Roman, der damals als Allegorie auf die Ära Bush und den "Krieg gegen den Terror" gelesen wurde: In "Plot Against America" wird eine alternative Zeitlinie gezeigt. Amerika wählt hier Anfang der 40er Jahre einen rechten Präsidenten und schlägt sich nicht auf die Seite der Hitler-Gegner, sondern sympathisiert mit Nazi-Deutschland.

Roths Roman wurde kürzlich von HBO in eine beachtenswerte sechsteilige Mini-Serie gegossen. Die erste Folge in seit Kurzem auf Sky zu sehen, wie immer folgen weitere im Wochentakt. In der ersten Folge lernen wir die jüdische Familie Levin kennen. Herman (Morgan Spector) und seine Frau Elizabeth (Zoe Kazan) führen das beschauliche Leben einer amerikanischen Mittelstandsfamilie. Herman ist der erfolgreichste Verkäufer in einer Versicherung - eine Beförderung steht an. Zwar kommt am Sabbat der Rabbi vorbei, um für Palästina Geld zu sammeln, aber ansonsten hat man mit Gott außer einem lieblos gemurmelten Gebet beim Brechen des Brotes wenig am Hut. Denn der anstehende Umzug muss vorbereitet werden.

SA-Lieder im Biergarten

Doch das Paar gerät beim Häuser-Shopping in einer ganz und gar unjüdischen Vorstadt in eine Horde feiernder Deutscher, die munter SA-Lieder grölen. Hermans Neffe entschließt sich, mit jüdischen Freunden den Nazis eine Abreibung zu verpassen. Es kommt, wie es kommen muss: Fäuste fliegen, Augen bläuen. Das mit dem neuen Job muss man sich wohl noch überlegen. Gleichzeitig entschließt sich der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh, der in den 1930er Jahren in Deutschland von Hitler und Göring hofiert worden war und sich in der Folge durchaus wohlgefällig über den deutschen Nationalsozialismus geäußert hatte, als Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu kandidieren. Gewinnt er gegen Präsident Franklin D. Roosevelt, wird es womöglich ungemütlich für die Juden.

Es ist ein langsamer Start, den sich die Serie gibt. Die grauen Wolken sind noch fern am Horizont, aber man ahnt es: Da kommt was. Selbst die "New York Times", mit Autor Roth seit Jahren in inniger Hassliebe verbunden, gewann dem Roman rührende Momente ab und lobt die sorgfältige "mikroskopisch"-psychologische Darstellung der Familie und ihrer Mitglieder. Die Leichtigkeit, mit der Roth einen glaubwürdigen Realismus mit einer alptraumartigen Dystopie verbinde, stelle ihn und seinen Roman in die Tradition der großen Satiriker der Weltliteratur wie Swift, Gogol und Kafka.

Regisseur David Simon hat etwa die Krimiserie "The Wire" geschrieben. Der schon dort markante Serienstil, changierend zwischen politischer und sozialer Realität, gepaart mit viel Emotion, kommt auch bei "Plot against Amerika" zum Tragen. Man ist mit der Familie zusehends mehr erschüttert und erlebt, wie sich deren Leben, wie bei einer ganz langsamen Naturkatastrophe, immer mehr ins Chaos dreht: langsam, aber doch unaufhaltsam.