Gut, ins Autokino könnte man fahren. Oder in eins der Handvoll Museen gehen, die schon offen haben. Aber dann erschöpfen sie sich auch schon schnell wieder, die erbaulichen Zerstreuungsmöglichkeiten. Das wird wohl auch noch länger so bleiben - daher ist nun die Stunde der obskuren TV-Sender und ihrer skurrilsten Programme. Das Team des Feuilletons der "Wiener Zeitung" stellt die schönsten ungehobenen Schätze aus den Weiten des Kurios-Fernsehens vor.

Ein Freund sagte seinerzeit: "Dreimal Strafgericht mit Ulrich Wetzel ersetzen ein Semester Jus-Studium." RTLplus kramt jetzt die Gerichtsshows heraus. Verhandelt werden Straf-, Jugend- und Familiensachen. Es ist die hohe Lehre des Wohlverhaltens in der Gesellschaft. Genussvolles Zelebrieren der Klischees: Wütende Muslime, verstockte Christen, reiche Zicken, dicke Lüstlinge, unschuldige Umweltschützer. Wenn’s in der Ehe nicht klappt, ist (fast immer) der Mann schuld. Ulrich Wetzel agiert stoisch als Nachfolger Salomos, Frank Engeland empört sich über dysfunktionale Beziehungen, Ruth Herz zerfließt vor Mitleid mit den Jugendlichen. Und wenn Richter und Anwälte die Fälle nicht aufklären können, kommt in letzter Sekunde der erlösende Detektiv.

Der Freund ist übrigens für seinen schrägen Humor bekannt.(eb)

Sportsender haben ein Problem. Sie berichten von etwas, das es in den Vormonaten nicht gab. Eurosport eins und zwei haben sich darum in Dauerschleifen für alte Radrennen, Tennisturniere und Snooker-Sternstunden verwandelt - Letzteres zur Freude von kontemplativen Gemütern. Denn ein Sieg auf diesem Billardtisch in Badezimmergröße erfordert nicht nur Tugenden wie "Locherfolg" und "Stellungsspiel", sondern auch Stille. Nie entgleitet diesen Sportlern, eher wie Nachtwandler oder Oberkellner anzusehen, die Contenance; nie stören Fanchöre ihre Schönheitsbeweise bewegter Geometrie. Nur die markige Moderatorenstimme von Rolf Kalb ("Und Mark Selby locht Schö-warz!") gibt hie und da laut. Würde der Dalai Lama als Sportler wiedergeboren, er stünde an diesem grünen Geviert.(irr)

Dr. Sandra Lee, besser bekannt als "Dr. Pimple Popper", ist Fachärztin für Dermatologie und ästhetische Chirurgie in Los Angeles. Als solche hat sie unzählige Eingriffe auf YouTube gestellt, die sich über eine Million Abonnenten regelmäßig reinziehen. Geschwulste, Riesenpickel, Fetteinlagerungen, alles, was ungustiös am oder aus dem Körper quillt, ist ein Fall für die schneidefreudige Ärztin. Gerade in Corona-Zeiten, in denen Arztbesuche ohnehin rar geworden sind, lässt es sich so gut aus der Distanz mitgruseln (im Fernsehen auf dem Sender TLC). Herausoperiert werden mit dem Skalpell am liebsten tennisballgroße Lipome aus der Fettschicht. Essen sollte man während der Clips lieber nicht. Praktisch: Frau Doktor preist auch gleich ihre eigenen Akne-Cremes an, die aus grauenvoll vernarbten Teenagern wieder Wedding Material machen.(greu)

Genug von Fernsehen für Weicheier? Der "Männer-Sender" DMAX bietet ein ganzes Sammelsurium an obskuren Sendungen für "echte" Männer: In Alaska in einer Hütte leben? Opale schürfen im australischen Outback? Fischen unter extremen Bedingungen? DMAX lässt auch echte Couch-Helden wie richtige Männer fühlen. Und dazu gehört selbstverständlich auch reichlich Selbstgebranntes. Auch wenn dessen Produktion - nun ja - nicht gänzlich legal ist. Doch das stört die "Moonshiners" nicht. In den Wäldern Virginias wird trotzdem destilliert, was der Kessel hergibt. Denn um Gesetze kümmern sich Tim, Josh, Mark und "Tickle" nicht. In ihre gewohnte Lebensweise lassen sich die Männer mit den blauen Latzhosen nur ungern von Fremden dreinreden. "Moonshining", also die Produktion von Schnaps im Schutze der Nacht, hat in Virginia eine lange Tradition. Auf DMAX kann man den Herrschaften bei ihrem fragwürdigen Treiben zuprosten.(bau)

Wem das noch nicht aufregend genug ist, kann mit den "Monster-Jägern" ebenfalls auf DMAX auf die Pirsch gehen. Etwa wenn in Kentucky ein riesiger Wolf sein Unwesen treibt. Oder in West Virginia der "Sheepsquatch", ein mythisches Raubtier, auf seine Beute lauert. Solche Horrorgeschichten gehören in den Appalachen zum Alltag, denn die Menschen dort sind abergläubisch. Obendrein finden sich immer wieder "Augenzeugen", die felsenfest behaupten, die besagten Monster gesehen zu haben. In "Monster-Jäger" geht eine Handvoll echter Männer den Gruselstorys auf den Grund. Mit oft ernüchternden Ergebnissen. Aber der Wille zählt! Und Waffen! Viele Waffen!(bau)

Die Kirchen waren lange zu, aber bei Bibel TV kommt Jesus sozusagen ins Wohnzimmer auf Besuch. Die Übertragung von Messen sind dabei jedoch nur ein Aspekt des Programms - besonders oft sieht man hier meist US-amerikanischen Predigerinnen und Predigern dabei zu, wie sie Massen in einstudierter Rhetorik auf die Bibel und ihre Inhalte einschwören. Auch in der deutschen Fernsehkanzel "Arche" geht es um Bibel-Botschaften, und die Reihe "Bibellesen" bringt es schon auf stattliche 388 Episoden. Doch der Mensch lebt nicht von Brot allein, weshalb es hier eben allerlei andere Programmformate (Serien, Filme) gibt, bei denen man unter anderem lernt, wie Kapuziner-Schwester Dorothea ihren "Zwetschgentraum" bäckt. Amen.(greu)

Dass Gerümpelfunde vom Dachboden oder aus dem Schuppen erstaunlich telegen sein können, das weiß man nicht erst seit dem Erfolg der Antiquitätenshow "Bares für Rares". In Großbritannien ist die "Antiques Road Show" bereits seit den 80er-Jahren unterwegs, um unverhoffte Schätze aus dem Königreich zu entdecken. Von dort kommt auch die Serie "Find it, fix it, flog it", die auf Sport1 täglich um 18.15 Uhr läuft. Henry und Simon ziehen von Scheune zu Schrottplatz und anderen Ablageflächen, um sich jeweils zwei Stücke auszusuchen, die via Upcycling einem neuen Zweck zugeführt werden. Ja, das kann die lahme Variante der Leiter, die ein Regal wird, sein. Aber das zeitigt auch so absurde Ergebnisse wie eine alte Wasserturbine, die zu einem überdimensionalen Kerzenständer wird. Sehr überdimensional. Wer mehr Geld für seine Kreation bekommt, gewinnt. Da sieht man auch das Graffl im eigenen Keller mit neuen Augen.(cb)

Diamantensammlerin Liz Taylor hätte das gefallen: Ein ganzer Sender, der sich nichts anderem als dem Verkauf von Preziosen widmet. Juwelo TV heißt diese wundersame Einrichtung im Satellitenangebot, die auch Edelstein-Affine noch etwas zu lehren imstande ist. Beim ersten Kennenlernen mag man sich noch fragen, welcher kreative Kopf wohl hinter den ganzen offensichtlich erfundenen Edelsteinnamen steckt. Aber irgendwann glaubt man den wirklich sehr euphorischen Verkäufern einfach, dass es einen Apatit gibt. Oder einen Pietersit. Oder einen Orthoklas. Gerne stammen die auch aus exotischen Ländern und sind erstens wahnsinnig selten und zweitens so billig zu haben, dass es eigentlich fahrlässig ist. Das erklären die Moderatoren und Moderatorinnen mit Inbrunst und keiner Scheu vor extensiver Wiederholung, während absurde Fantasiepreise ganz plötzlich auf Bijou-Brigitte-Niveau runterrasseln. Das "Auktionssystem", mit dem Juwelo arbeitet, ist wohl eins der unverstandensten der Homeshoppinggeschichte. Die größten Attraktionen sind freilich, wenn in Wochenend-Nächten Ladenhüter mit besonders fragwürdigen Designs rausgehaut werden - so ein Tansanit-Ring wird dann auch einmal von Männerhänden vorgeführt, die natürlich viel zu groß und gern auch mehr recht als schlecht von Körperbehaarung befreit sind. Insgesamt eine hypnotische Fernseherfahrung - und sollte man doch schwach werden, stürzt man nicht gleich in den Finanzruin.(cb)