Was macht ein gutes Spiel aus? Für den Geschäftsführer und Gesellschafter des Wiener Spieleherstellers Piatnik, Dieter Strehl, gibt es nur ein Kriterium: "Es muss mich packen, hineinziehen in einen Flow, alles andere ist eigentlich unerheblich", sagt Strehl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Beim Brettspiel "Activity", das dieser Tag seinen 30. Geburtstag feiert, steht dieses Kriterium außer Frage. Kaum ein Spiel zieht einen nach so wenig Vorbereitung in seinen Bann. Die Basis des Spiels ist so simpel, dass sie jeder in kürzester Zeit versteht: Immer geht es darum, Begriffe zu erraten, die gezeichnet, getanzt oder sonstwie dargestellt werden. Die Idee war zwar schon 1990 nicht neu, aber "Activity" gab ihr Regeln und einen Rahmen. Kreativität, Fantasie und Kommunikationstalent stehen dabei im Mittelpunkt und so mancher zurückhaltende Spieler kann über sich hinaus wachsen. Oft geht es auch um Zeit und um Teamgeist. "Activity", das ist kein Spiel für nerdige Grübler, die den ganzen Abend an einer Parte sitzen, um mit gefinkelten Zügen ein Reich aufzubauen und zu verteidigen. Bei "Activity" wird nicht das Regelbuch in all seinen Tiefen ausgelegt, denn ein paar einfache Erklärungen reichen aus.

Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit, in der die Faszination dieses Spiels liegen. Zehn Millionen Mal ist die Packung in den vergangenen 30 Jahren in einer seiner dutzenden Varianten über den Ladentisch gegangen. Es ist damit das erfolgreichste Spiel des Spieleherstellers Piatnik, der in Wien-Hütteldorf tatsächlich alle Spiele selbst herstellt (und damit heimische Sozialversicherungsbeiträge und Wertschöpfung erwirtschaftet, wie Strehl ergänzt). Sogar in Russland hat sich das Spiel eine Million Mal verkauft, wurde dort sogar Spiel des Jahres - eine Auszeichnung, auf die man bei Piatnik besonders stolz ist. Auf Platz zwei in der Bestenliste liegt bei Piatnik übrigens auch ein Begriffe-Spiel, nämlich "Tick-Tack-Bumm", bei dem man eine kleine, tickende Bombe weitergibt bis diese "explodiert": Acht Millionen Mal hat sich diese Idee verkauft, übrigens mehr als etwa Klassiker wie das österreichische Kult-Spiel "DKT".

Im Sog der Neunziger

Tatsächlich stand "Activity" gemeinsam etwa mit dem Klassiker "Trivial Pursuit" Anfang der neunziger Jahre an der Spitze eines Trends, der Spiele wieder cool für junge Erwachsene machte. Bis dahin war man in der Spielbranche davon ausgegangen, dass Spielen etwas für Kinder und Familien sei. Dass einmal ein Brettspiel das Zentrum einer Party von 20- bis 40-Jährigen werden kann, war undenkbar. Dann kamen in kurzer Folge eine Reihe von Spielen heraus, die die ältere Zielgruppe im Visier hatte. Und sie hatten Erfolg. Schon nach wenigen Jahren verbrachte eine ganze Generation junger Erwachsene ihre Abende damit, bei "Siedler von Catan" nächtelang Inseln zu bevölkern, sich bei "Axis &Allies" zu bekriegen oder sich bei "Das schwarze Auge" in Verließen mit Trollen zu prügel - oder eben bei "Activity" die Kreativität für sich sprechen zu lassen. Ungeachtet des ungebrochenen Trends zum Computerspiel entstand eine Parallelkultur, die gemeinsame Spieleabende als beliebte und gängige Freizeitbeschäftigung etablierte. "So gesehen war ,Activity‘ das richtige Spiel zur richtigen Zeit", resümiert Strehl den Erfolg des Klassikers, der soeben in einer neuen Variante "Activity Knock Out" erschienen ist.

Tatsächlich ist der Umstand, dass es "Activity" überhaupt gibt, einem Urlaub im Ferienort Seckau zu verdanken. Die befreundeten Ehepaare Ulrike und Paul Catty sowie Maria und Josef Führer waren mit der Spieleauswahl unzufrieden, also wurde ein eigenes Spiel gebastelt. Der Brite Paul Catty ist auch abseits der Spielewelt als Radiomoderator ein Begriff, der unter anderem lange Jahre das Ö1-Quiz am Sonntag moderierte. Viel Humor und das Einbringen der eigenen Persönlichkeit waren dabei von Anfang an die Basis, auf der schon der Erfolg der Original-Ausgabe beruhte, die 1990 im Wiener Spieleverlag Piatnik erschien. Seitdem hat "Activity" mit immer neuen Varianten für alle Altersgruppen seine Fan-Gemeinde kontinuierlich vergrößert. Neben mehrere Ausgaben für Kinder und Jugendliche gibt es eine handliche Reiseversion, eine Edition nur für Erwachsene und eine fesselnde Variante aus der Ganovenwelt - Handschellen inklusive.

Der Sprung ins Fernsehen

Wenig bekannt ist, dass "Activity" auch das Vorbild für ein Fernsehformat - "Extreme Activity" - war, für das sich Pro7 die Rechte gesichert hatte. Unter der Moderation von Jürgen von der Lippe mussten Prominente Begriffe raten. Das 2006 erstmals adaptierte Format wurde kürzlich im ungarischen Fernsehen neu aufgelegt. Es gibt seit 2011 sogar eine App für das iPad. Das ist einer der seltenen Fälle, in denen ein Spiel Pate für das Fernsehen stand. Umgekehrt kommt das ja öfter vor, wie man etwa an der sehr beliebten Spiele-Version der "Millionenshow" sehen kann. Ein Brettspiel gehört beim Fernsehen oft zum normalen Promotion-Kanon - ob dieses dann auch etwas taugt, ist weniger die Frage.

Nerd und Selbstdarsteller

Grundsätzlich gibt es zwei Spielertypen. Die Spieler, die sich in umfassenden Regelwerken verlieren können und für die ihre Welten gar nicht kompliziert genug sein können. Sie werden bei "Party-Spielen", wie dem Jubilar, wenig Reiz verspüren. Anders der Gelegenheitsspieler, dem vor langen Anleitungen graut. Für Letzteren ist "Activity" gemacht. Einfach drauflosspielen.

Und es wäre nicht das Gesetz des Marktes, hätte Piatnik nicht zum Jubiläum einen weiteren Ableger auf den Markt gebracht. Bei "Activity Knock Out" muss jedes Team fünf Begriffe notieren, die die Gegner dann erklären müssen. Wer dabei zu langsam ist, verschafft dem anderen Team mehr Zeit: Denn exakt die Zeitspanne, die zum Finden der Begriffe benötigt wird, steht dem gegnerischen Team wiederum zum Erraten zur Verfügung.

Wie immer bei "Activity" geht es also um die Zeit. Denn nach 60 Sekunden folgte der "Knock Out". Dafür dass "Activity" nach 30 Jahren immer noch nicht augeknockt ist, sorgt die breite Fan-Basis.