Wirft man einen Blick auf aktuelle Release-Listen von Videospielen, stellt man schnell fest: Die aktuelle Spielelandschaft ist geprägt von Neuauflagen alter Klassiker und Fortsetzungen bekannter Serien. Kaum ein großer Titel ist nicht in irgendeiner Art und Weise mit einer bereits etablierten Franchise verbunden. Den Beweis für die Annahme liefern die Top 10 der deutschen Games-Charts, die monatlich vom Verband der deutschen Games-Branche und GfK Entertainment veröffentlicht werden. In der Chart-Liste der meistverkauften Spiele für April 2020 findet sich kaum eines, das nicht schon bereits in der Vergangenheit erstveröffentlicht wurde oder Teil einer bekannten Serie ist. Angeführt wird die Aufstellung von "Animal Crossing: New Horizons", "Final Fantasy VII Remake" und "Fifa 20" - alle haben sie erfolgreiche Vorgänger. Einzig "Ring Fit Adventure" sticht hier heraus.

Activision kündigte kürzlich ein Remake von "Tony Hawk’s Pro Skater" an, Electronic Arts veröffentlicht neben einem Remaster von "Command & Conquer" auch eine Neuauflage von "Burnout Paradise", und die Gerüchte um ein Reboot des Rollenspielklassikers "Diablo II" werden immer handfester. Das Prinzip "Never change a running system", das Hollywood bereits seit vielen Jahrzehnten verfolgt, hat sich mittlerweile unbestreitbar auch auf dem Spielemarkt verankert - zumindest unter den großen Namen.

Obwohl Spieler durchaus lautstark nach Neuerungen schreien und zu geringe Unterscheidbarkeit gegenüber Vorgängern ankreiden, geben die Verkaufszahlen den Unternehmen recht. "Fifa 20" wurde am 24. September 2019 veröffentlicht und erreichte bereits am 11. Oktober mehr als zehn Millionen aktive Spieler. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass man lieber auf Altbewährtes setzt, statt große Verluste zu riskieren. Die Entwicklungskosten umfangreicher AAA-Games sind in den vergangenen Jahren in den Himmel geschossen, die Risikobereitschaft, neue Marken zu etablieren, ist damit aber immer weiter gesunken.

Beliebte Spiele aus der Kindheit werden adaptiert

Die Hersteller haben stattdessen erkannt, dass die Nachfrage nach Spielen, die mittlerweile erwachsene Gamer in ihrer Kindheit geliebt haben, stark zunimmt. Viele der Titel sind schlecht gealtert und nicht auf aktuellen Konsolen spielbar. Das Ergebnis sind Remaster-Versionen und Remakes. Bei Ersterem werden viele der ursprünglichen Inhalte wie Story, Setting oder Charaktere wiederverwendet, während Texturen oder Soundeffekte überarbeitet beziehungsweise neu angefertigt werden. Bei einem Remaster hingegen bleibt lediglich die Grundidee des Spiels erhalten: Handlung und wichtige Charaktere werden übernommen. Der Rest wird von Grund auf neu entwickelt und an moderne Standards angepasst.

Dabei entstehen durchaus spannende neue Ansätze, die Fans ihre Lieblingsspiele von einer ganz neuen Seite präsentieren. Aktuelle Beispiele sind "Resident Evil 3", "Final Fantasy 7 Remake" oder "Warcraft 3 Reforged". Komplett neue Franchises sind heuer rar geworden: "Ghost of Tsushima", "Cyberpunk 2077" oder "Dreams" gehören zu den größten Neueinführungen 2020. Insgesamt scheint es, als würde die Branche so kurz vor Markteinführung der neuen Konsolengenration nichts riskieren wollen.

Denn pünktlich zum kommenden Weihnachtsgeschäft werden wieder die neuen Versionen von PlayStation und Xbox in den Regalen stehen - und dann wird es erfahrungsgemäß ruhig auf dem Markt. Das lag bisher auch daran, dass unter den Spielekonsolen lediglich Microsofts Xbox dank der Abwärtskompatibilität auch Spiele des Vorgängermodells wiedergeben konnte. Daher warteten Publisher mit der Einführung neuer Marken meist auf den Release der nächsten Generation.

Obwohl Sony und Microsoft bereits bestätigt haben, dass Spiele ihrer aktuellen Konsolen auch auf dem kommenden Modell laufen werden, scheint sich der Trend ein weiteres Mal zu wiederholen. Was auch daran liegen mag, dass es den großen Herausgebern am Mut mangelt, neue Ideen umzusetzen. Kommen die seltenen Experimente bei Spielern dann auch noch nicht gut an, wie es bei "Anthem" (Electronic Arts) der Fall war, wird die Bereitschaft, in neue Richtungen zu gehen, noch geringer.

Die wahren Innovationstreiber der vergangenen Jahre waren daher nicht große Hersteller wie Activision oder Electronic Arts, sondern kleine, unabhängige Studios, die gezwungen sind, sich mithilfe einfallsreicher Konzepte von der Masse abzuheben, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Diese sogenannten Indie-Developer verfügen nämlich in der Regel nicht über ausreichende Marketing-Budgets, um etwaige Innovationslosigkeit zu überspielen. Stattdessen sorgen oft Einzelpersonen für innovative Ansätze, die so erfolgreich sind, dass große Publisher sie einfach kopieren.

So erlangte etwa das "Battle Royale"-Genre 2017 durch "Player Unknown’s Battlegrounds", das auf einer Modifikation für die Militärsimulation "Arma 2" basierte, enorme Beliebtheit. Es war ein neuer Ansatz innerhalb des gefestigten Shooter-Genres, begeisterte aufgrund des hohen Reizes (man kämpft gleichzeitig gegen mehr als hundert andere Spieler auf einer immer kleiner werdenden Karte ums Überleben) Millionen Spieler und führte seinen Schöpfer Brendan Greene zu enormem Erfolg. Von diesem Hype inspiriert, warfen große Studios plötzlich Spiele wie "Fortnite: Battle Royale", "Call of Duty: Modern Warfare" oder "Apex Legends" auf den Markt, die ebenfalls "Battle Royale"-Modi beinhalten.

Dass neue Ideen immer öfter von den Kleinen kommen, wird sich wohl auch mit den nächsten Konsolen nicht ändern. Das Geschäft mit Videospielen scheint zu groß geworden zu sein, um noch Raum für waghalsige Risiken zu lassen. Stattdessen darf man sich aktuell vor allem über Remakes alter Klassiker oder die 28. "Fifa"-Ausgabe freuen.