Die Liste der prominenten Investoren von Disney bis Warner Media war beeindruckend. Die Vorab-Werbedeals in Höhe von 150 Millionen beachtlich und die Liste der Stars, die man verpflichtet hatte, vom Feinsten. Nur mit einem hat man nicht gerechnet: Dass das Publikum anderer Meinung sein könnte. Möglicherweise liegt das am Konzept: Das maximal zehn Minuten lange Häppchen-Fernsehen machte offenbar keinen Appetit nach mehr. Sondern auf richtiges Fernsehen.

Seit April ist Quibi online. Die Idee: Eine App, die extra für das Handy gemachtes Fernsehen streamt. Fünf bis zehn Minuten hat eine Episode und sie kann nur am Handy gesehen werden. Und das wird mit verblüffenden Mitteln durchgesetzt: Schon am iPad macht die App seltsames: Sie reduziert das größere Display auf die Größe, die man auch am Handy hätte. Ein Streaming auf einem anderen Gerät als am Handy wird somit praktisch verunmöglicht. Das grenzt an Sabotage - und ist besonders absurd, werden die kurzen Episoden ja ohnehin in Top-Qualität produziert, die man auch in HD auf dem TV-Gerät streamen könnte.

Was die Idee dahinter ist, ist wohl nur Quibi-Chef Jeffery Katzenberg klar. Die kleinen Happen sollen beim Warten oder in der U-Bahn konsumiert werden. Was aber, wenn man das gar nicht will? Oder kann, weil man zum Beispiel wegen einer Pandemie zu Hause sitzt? Darauf hatte Quibi keine Antwort.

Die Antwort des Publikums ist jedenfalls verhalten: Seit April ist der Smartphone-Streamingdienst bei weniger als zwei Millionen Abonnenten. Tendenz sinkend. Dabei hatte man als Ziel für das erste Jahr 7,5 Millionen Abonnenten im Visier gehabt. Chef und Gründer Jeffrey Katzenberg bleibt aber dennoch hoffnungsvoll: "Ich bin immer noch recht optimistisch, dass es funktionieren wird", sagte Katzenberg während des virtuellen SeriesFest. Er gehe davon aus, dass die Abo-Zahlen steigen, sobald die Covid-19-Quarantäne ein Ende findet. Ab Juli, "wenn sich das Land öffnet, werden wir alle wieder auf den Beinen sein", meint Katzenberg. Und dann mehr denn je in der Schlange stehen und Quibi schauen.

Ist der schlechte Start also nur dem Pech geschuldet? "Genau in dem Moment, als die Welt aufhörte, in Bewegung zu sein, war der Moment, in dem wir gestartet sind", formuliert Katzenberg bitter.

Teuerstes Start Up

Das ist jedoch eine steile These. Möglicherweise geht die Ratlosigkeit des Publikums auch tiefer. Warum man an sich gute Serienideen mit exzellenten Schauspielern auf zehn Minuten Stückchen zerhackt, konnte noch niemand schlüssig erklären.

Sollte eine Erholung nicht stattfinden, ist der Schaden gewaltig: 1,75 Milliarden Dollar Investorengeldern konnte Quibi einsammeln - und zwar von namhaften Adressen: Disney, Warner Media, NBC Universal, ViacomCBS und Sony. Damit avancierte das Unternehmen aus Los Angeles schon vor dem Start zu einem der am besten mit Kapital ausgestatteten Start Ups aller Zeiten.

Das liegt jedoch auch am Gründer, Jeffrey Katzenberg. Der ist in der Branche ein alter Hase, war er doch Vorsitzender der Walt Disney Studios sowie Mitgründer und Ex-CEO des Hollywood-Studios DreamWorks. Als CEO werkt Meg Whitman, vormals President und CEO von EBay sowie Ex-CEO von Hewlett-Packard. Doch die Chemie zwischen den beiden dürfte nicht stimmen. Das "Wall Street Journal" berichtet von Schreiduellen und blank liegenden Nerven.

Den 380.000 Downloads zum Start folgte ein Abwärtstrend: Laut Mobile-App-Marktforscher Sensor Tower lag die Zahl der Downloads in der ersten Juni-Woche bei gerade einmal 20.000 pro Tag. Und auch diese Downloads konnte man wohl nur bedingt zum Abo bewegen. In den USA gibt es eine Variante mit Werbung (4,99 Dollar monatlich) ohne Werbung 7,99 Dollar. In Europa ist man da nicht so großzügig: 8,99 Euro werden für das Monatsabo fällig - warum auch immer. Das ist happig, verlangt man doch mehr als die Streamingdienste der Riesen Apple, Disney oder Amazon Prime. Nur Netflix ist teurer. 1,5 Millionen Nutzer sollen tatsächlich ein Abonnement abgeschlossen haben, wie viele davon nach der Testphase bleiben ist fraglich. Nach diesem Bauchfleck soll nun hektisch die Möglichkeit geschaffen werden, die Produkte auch auf dem Fernseher zu streamen - vorerst allerdings nur für Apple Geräte. Auch die Teilbarkeit von Videos hatte man unterbunden, diese wird nun ermöglicht. Ob das ausreicht, muss Quibi erst beweisen.