Die Frage ist doch: Welche Erwartungen hat man an eine Fernsehserie? Unterhaltung? Zeitvertreib? Entspannung nach einem harten Arbeitstag? "Dark" erfüllt nichts davon. Wer glaubt, er kann nebenbei Postings auf dem Handy lesen, hat bereits verloren. Und bei dem Wort "Zeitvertreib" können eingefleischte Fans der Serie nur sehr müde lächeln. Sie wissen: Die Zeit ist ebenso göttlich wie gnadenlos - und sie lässt sich ganz sicher nicht "vertreiben".

Als die erste Staffel von "Dark" 2017 auf Netflix erschien, war sie die erste deutschsprachige Produktion, und die Erwartungen waren niedrig. Netflix muss, um die Vorgaben der EU zu erfüllen, einen erheblichen Anteil seines Inhalts in der EU produzieren. Würde der deutsche Content das hohe Niveau der Netflix-Serien aus Hollywood erreichen können? Oder wird das ganze ein Abklatsch, ein Feigenblatt? Am Ende der ersten Staffel war klar: nichts davon.

Denn "Dark", das diesen Samstag in seine finale, dritte Staffel geht, ist ein echter Edelstein im Netflix-Bouquet. Die Serie war in den USA so erfolgreich, dass manche US-Fans darauf bestanden, sie ohne jegliche Sprachkenntnisse in der Originalsprache zu sehen - mit Untertiteln. Nur um das düstere, mysteriöse Flair voll auskosten zu können. Denn "Dark" ist meisterhaft erzählt. Es beginnt langsam wie ein öder Krimi und biegt dann scharf ab, wenn klar wird, dass die Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen spielt. Protagonisten sieht man in der einen Zeit als Kind, in der anderen als Greis und man weiß nicht, wer eigentlich wer ist und vor allem: wann? Die Handlungen, die sie in der Zukunft oder Vergangenheit setzen (oder unterlassen), wirken sich mysteriöser Weise in den anderen Zeiten aus. Aber nicht so linear, wie man sich das gedacht hat.

Spätestens ab der zweiten Staffel empfiehlt es sich, einen Stammbaum (gibt es haufenweise im Internet) parat zu haben. Denn rund zwei Dutzend Protagonisten auf bis zu fünf Zeitebenen zu verfolgen, ist eine sehr anspruchsvolle Sache. In der dritten Staffel kommt dann noch eine Ebene dazu. Und dann wird es tatsächlich schräg: Protagonist Jonas Kahnwald, der die Dinge ins Rollen bringt, wird scheinbar von seiner Freundin Martha in eine parallele Dimension entführt. Es stellt sich heraus: Es gibt ein zweites Winden, das mit dem ersten über eine Zeit-Raum-Schleife in den Dimensionen verbunden ist. Die Rolle des Reisenden, die Jonas in Staffeln 1 und 2 spielt, hat dort offenbar seine Freundin Martha. Warum sie ihn entführt hat, bleibt vorerst offen. Klar ist nur: In Winden Nummer 2 ist einiges nicht so, wie es soll.

Jetzt kommen die Dimensionen

Tatsächlich hat es Autorin Jantje Friese geschafft, in der dritten Staffel noch einmal einen Gang höher zu schalten. "Dark" wird hier zur echten Herausforderung für den Zuseher, der alle Mühe hat, dem Plot der Figuren zu folgen. Aber genau das ist das Faszinosum der Serie: Sie ist nicht lieblich, sie macht es dem Zuschauer nicht einfach, sie zu genießen. Sie ist hartherzig, fordernd und gnadenlos. Setzt auf hohem Niveau an und erwartet ein gewisses Maß an Mitdenken. Wer hätte das 2020 gedacht? Fernsehen muss nicht Spaß machen, Fernsehen kann auch Forderungen stellen und Anspruch haben.

Völlig zu Recht wurde die Serie etwa mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Das gedanklich-theoretische Konzept, das die Serie immer wieder zitiert, ist das "Bootstrap-Paradoxon". Wenn jemand etwa in der Vergangenheit reist und der Figur des Uhrmachers H. G. Tannhaus das Buch über Zeitreisen gibt, das dieser erst danach schreiben wird, dann ist die Frage nach dem Anfang unklar. Denn Tannhaus sagt, er habe das Buch nicht geschrieben, sondern abgeschrieben - aus dem Exemplar aus der Zukunft. Somit hat es keinen Anfang mehr und niemand kann sagen, wie das Buch entstanden ist.

Auf die Spitze treibt das Autorin Friese in der Figur der Kommissarin Charlotte Doppler. Es stellte sich bereits in der zweiten Staffel heraus, dass sie die Tochter des Zeitreisenden Noah ist, der Charlotte in der Zukunft zeugte und in die Vergangenheit mitbrachte. Allerding ist die Mutter Charlottes eigene Tochter, die in der Zukunft natürlich erwachsen ist. Somit hat Charlotte keinen Anfang mehr: Ohne sie würde es ihre Tochter nicht geben, die in der Zukunft zu ihre Mutter wird. Knoten wie diesen muss man sich erst einmal zurechtdenken.

Und genau das ist das Faszinierende bei "Dark": Dass es theoretische Fragen von Teilchenphysik bis zur Thermodynamik - nein, nicht erklärt, sondern erlebbar macht. Das verleiht dem Konstrukt "Dark" eine unglaubliche Tiefe, die fast körperlich spürbar wird, und stellt das Produkt in eine Linie mit Genre-Klassikern wie "eXistenZ" oder "Inception".

Wer hier jetzt die Fäden zieht und wer die Marionette und wer ihr Puppenspieler ist, bleibt bei "Dark" lange völlig im Unklaren. Der Verdacht wechselt auch. Aber dass die Figur des Jonas Kahnwald in seinen verschiedenen temporalen Verkörperungen - dessen eigene Existenz selbst einer Zeitreise seines Vaters "Mikkel" zu verdanken ist, zentral damit zu tun hat, ist nicht erst seit der zweiten Staffel klar. Da wird nämlich deutlich, dass es Jonas war, der Mikkel in der Nacht seines Verschwindens den Zeitreisen-Tunnel zeigte und somit seine eigene Existenz erst möglich gemacht hat.

Messlatte für Serien

Man mag zum Mystery- und SciFi-Genre, das naturgemäß nicht aller Menschen Sache ist, stehen wie man will: Fakt ist, dass "Dark" ganz generell das Niveau, das eine deutschsprachige Autoren-Serie erreichen kann, wohl für viele Jahre neu definiert hat. Dafür kann man Autorin Friese und ihrem Lebenspartner, Regisseur Baran bo Odar, dankbar sein. Und Netflix, die dem Duo einen Blankoscheck in die Hand gedrückt hat und damit erfolgreich war.

Netflix weiß natürlich, dass die Serie das normale Aufmerksamkeitsniveau des Durchschnitts-Zuschauers überfordert. Und nicht jeder hat vor Staffel drei die Zeit und Lust, die zwei Staffeln nochmals anzusehen (was natürlich das Beste wäre). Daher hat der Sender zu den ersten beiden Staffeln ein Recap-Video veröffentlicht, das die wichtigsten Ereignisse zusammenfasst. Und das ist wichtig, denn "der letzte Zyklus beginnt".

Dass "Dark 3" am Samstag, den 27. Juni 2020 startet, ist übriges kein Zufall: Denn für diesen Tag ist in der erzählten Welt der Beginn der Apokalypse angekündigt: Das Kernkraftwerk von Winden wird die Welt dem Erdboden gleichmachen. Staffel zwei spielt in den Tagen davor. Hoffentlich nur mit einem Knoten in der Zeit und nicht mit einem Knoten in den Hirnwindungen. Denn die Frage ist nicht "Wo?" - sondern "Wann?"