Fischers Fritz fischt frische Fische. Und weil Fischers Fritz sich nicht mit Donaukanal-Weißfischen zufriedengibt, zieht er einen Drei-Meter-Donauwels an Land. Sagt er zumindest, der Fischers Fritz.

Der Bildbeweis liegt vor: Es gibt Riesenkatzen. - © WZ-Montage; Getty/Srya Khlxng Phcy Kic/Wa Nity Canthra /EyeEm
Der Bildbeweis liegt vor: Es gibt Riesenkatzen. - © WZ-Montage; Getty/Srya Khlxng Phcy Kic/Wa Nity Canthra /EyeEm

So ungefähr trägt sich’s auf dem Videoclip-Portal YouTube zu.

Wobei: Was interessieren einen Fische, wenn man Schlagen und Spinnen ein digitales Wachstumshormon verabreichen kann. Der Igitt-Effekt allein zählt. Nebenbei - Frage an alle, die Schlangen zum Grausen finden: Ist ein 20-Meter-Exemplar eigentlich wirklich ekliger als ein original großes Ein-Meter-Tier?

Als würde ein Wettbewerb laufen: Wer erweckt den Super-Ekelschock? Die Größe allein zählt dabei. Man fühlt sich erinnert an manch einen Horrorfilm, der Masse statt Klasse bietet. Was ist schlimmer als ein Hai? - Ein ganzes Hai-Rudel. Was ist grausiger als ein Vampir? Eine ganze Gruft voller Vampire. Nicht zwecks Entwaffnung der Ironie mit den Klassikern der Hammer-Studios kommen, bitte, die haben auch grandiose Sachen gemacht wie "Ein Toter spielt Klavier", "Das schwarze Reptil" oder "Die Braut des Teufels".

Bemerkenswert sind all diese Riesenspinnen, Riesenkrokodile und Riesenschlangen in Wahrheit aus einem ganz anderen Grund als dem des Riesenekels, der mit ziemlicher Sicherheit sowieso nicht eintritt. Nämlich: Wer kann sich noch an den ersten "Jurassic Park" erinnern? Am 2. September 1993 startete der Film in Österreichs Kinos, empörte den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, weil in dem Film reichlich gestorben und gefressen wird, und öffnete die Münder zwecks Staunens: Unfassbar, was die neue computergestützte Tricktechnik Steven Spielbergs ermöglichte.

Bytes sind die neue Knetmasse

Die Zeit der Knetmasse-Monster, die einst ein Ray Harryhausen in Stop-Motion so unvergleichlich fantasievoll und fantasieanregend in Ruckelbewegung gesetzt hatte, war eindeutig vorbei. Aber einmal genau hingeschaut: Stehen die Dinos wirklich auf dem Boden? Erwecken sie den Eindruck von realen Körpern und realer Schwere?

Wer sich mit Malerei und Zeichnung (am besten aktiv) befasst hat, kennt das Problem zur Genüge: Einen Körper so darzustellen, dass er Schwere suggeriert, dass jemand wirklich auf einem Sessel sitzt oder mit beiden Beinen auf dem Boden steht und nicht etwa eine Handbreit darüber schwebt, das ist das Schwierige am Handwerk. Selbst einem René Magritte ist das nicht immer gelungen - was bei ihm an Unsicherheit bleibt, geht freilich als Surrealismus durch.

Aber ein surrealistisch schwebender T-Rex war nicht Spielbergs Intention. Selbst in Ridley Scotts "Gladiator" aus dem Jahr 2000 ist manch einer von Roms digital gefügten Ziegeln noch leicht wie eine Feder. Das Kolosseum - eine Luftburg.

Es kommt noch weit unterhaltsamer, befasst man sich mit den Filmen, in denen nicht die Großmeister der Tricktechnik ihre Hände im Spiel hatten. Womit wir auch gleich wieder zum Thema der Riesenekeltiere zurückkommen.

Zum Beispiel "Anaconda": "It Will Take Your Breath Away" ist der englische Zusatztitel. Er ist absolut berechtigt, weil man zwischen den Lachanfällen ja wirklich kaum zum Luftschnappen kommt. Nur, dass der Film nicht spaßig gemeint war. Die Computertricks machte gschnappige Krokodile möglich und futternde Haifische und mampfende Fantasie-Monster am Fließband. Es bedurfte der erweiterten Rechner-Kapazitäten und der perfektionierten Programme kostenintensiver Großproduktionen zumeist aus dem Science-fiction- und Fantasy-Sektor wie der "Star Wars"- und der "Herr der Ringe"-Serie, um die digitalen Tricks den Kinderschuhen entwachsen zu lassen. Heute durchpflügen digitale Segelschiffe digitale Meere, digitale Megalodons tun sich an digitalen Badegästen gütlich und digitale Saurier holen digitale Hubschrauber aus der Luft - und es schaut echter aus als jede Doku.

Und die digitalen Monsterspinnen krabbeln sogar aus den heimischen PCs und Macs.

Natürlich kann das, im wahrsten Sinn des Wortes, ein Riesenspaß sein. Da kriecht eine echt große Spinne auf einer Brücke, und der Zuschauer fragt sich unwillkürlich, ob die Fäden ihres Netzes dicker sind oder die Stahltrossen der Brückenhalterung. Dann wieder wälzt sich eine Schlange von der Dicke eines Kanalrohrs durch eine U-Bahn-Garnitur. Auf einem anderen Bild schwimmt eine Schlange von gut 50 Metern Länge wenn nicht mehr in einem Fluss.

Megalodons allüberall

Aber das ist alles nichts gegen die Haie. Seit die "Shark Week" des Discovery Channel 2013 mit einer Fake-Doku den Megalodon-Hype ausgelöst hat, schwimmen die Riesenraubfische aus der Urzeit geschätzt jedem zweiten Urlauber vor die Handykamera. Auf YouTube wird das alles - wie soll man sagen? Dokumentiert. . .

Die Hersteller der Videos verwenden tatsächlich einiges an kreativer Energie darauf. Zum Beispiel: Wie macht man es, dass man mit relativ wenig Tricktechnik eine überdimensionale Größe suggeriert? Zum Beispiel eine Gigantenschlange?

Im Prinzip ist es einfach: Man kombiniert Video und Standbild. Standbilder von gigantisch angewachsenen Schlangen findet man zur Genüge im Netz, natürlich Fakes allesamt, aber das spielt keine Rolle. Zumal man ja selbst etwas faken will. Also: Standbild der "Giant Snake" nehmen, damit pflanzt man dem Zuschauer ein, dass überdimensional riesige Schlangen existieren. Und dann ein Video von einer echten Anaconda gegenschneiden, auch das findet sich mühelos. Der Trick dabei ist, so nahe an die Schlange heranzuzoomen, dass keine Größenbestimmung durch irgendeinen anderen Videobestandteil, etwa einen Baumstamm, ein Boot oder einen Menschen, möglich ist. Den Rest erledigt der Kopf des Zuschauers: Man überblendet im Geist beides. Schon glaubt man, die Schlange aller Schlangen zu sehen.

Wie die Tiere wachsen

Die größere Kunst ist, Tiere in Videoclips anwachsen zu lassen. Auch das erledigen Videoprogramme - wie gut, ist nur eine Frage des Geldes. Der Trick in diesem Fall ist: Je unschärfer das Bild und je kürzer die Szene, desto besser. Erstens wegen des dokumentarischen Anstrichs. Wer achtet schon auf ideale Aufnahmebedingungen, wenn ihm eine Spinne von der Größe eines Lastwagens über den Weg krabbelt? Schnell draufgehalten und weggelaufen - das macht die Sache umso glaubwürdiger. Wieder entsteht die Szene vor allem im Kopf des Zuschauers.

Da sind wir zurück bei den guten alten Horrorfilmen. Deren Regisseure wussten: Nicht zu viel zeigen, lieber dem Verstand einen Gruselköder auslegen. Ein Monster, dem man die Arbeit von Kostüm- und Maskenbildnern ansieht, ruiniert alles. Andeutungen und Suggestionen können mehr. Wie oft hat in einer der schockierendsten Szenen der gesamten Filmgeschichte Norman Bates in Alfred Hitchcocks "Psycho" das Messer in Marion Cranes Körper gerammt? Ganz genau null Mal.

Fragt sich nur noch, weshalb so viele YouTuber sich arachnoiden, serpentoiden und selachiden Gigantomanien verschreiben. Natürlich geht es um die Klicks. Ein Hai von Luxusliner-Ausmaß schlägt nun einmal eine Spinne von Tretauto-Größe. Aber ist es nur das? Oder geht es auch um die Lust, andere zu erschrecken? Denn zweifellos ist keiner von den Clip-Herstellern naiv genug, die Zuschauer für naiv genug zu halten, dass sie an die Existenz der Riesenviecher wirklich glauben. Vielleicht ist es die genuine Sprache von Fischers Fritz, also das Fischerlatein, übersetzt ins digitale Idiom.

Oder spielt am Ende etwas ganz anderes mit? Immerhin sind praktisch alle diese Cliperzeuger Männer. Also: Wer hat den größten . . .

. . . Hai?