Es beginnt wie ein Science-Fiction-Katastrophenfilm. Aber einer von der artsy Sorte. Die Musik ist von wummrig-subtiler Bedrohlichkeit, die Bilder sind auf den ersten Blick langweilig. Eine Drohne folgt gemächlich leeren Schienen bis zum Bahnhof, wo eine Reihe Hochgeschwindigkeitszüge steht - sie werden einige Wochen nicht bewegt werden. Denn diese Bilder zeigen Wuhan, die Keimzelle der Corona-Pandemie, im Lockdown. "Coronation" heißt die Doku, die der chinesische Künstler Ai Weiwei nun online gestellt hat. 14 Helfer vor Ort - Ai Weiwei lebt ja in Deutschland - haben die Zeit zwischen 23. Jänner und 8. April für ihn dokumentiert, er hat das Material zu einem Film zusammengebaut.

Es ist ein Film, der nichts überstürzt und bei dem der Zuseher auf sich allein gestellt ist. Auch irgendwie eine filmische Umsetzung der weltweiten, allgemeinen Unsicherheit im Lockdown. Die Bilder erklären sich aber von selbst. Man sieht etwa einen Mann, der nach 20 Tagen Selbstisolation wieder nach Wuhan einreisen darf - nach genauesten formalen Checks -, in seiner Wohnung treiben die Fische im Aquarium traurigtot.

Ausziehen mit Anleitung

Dem Containerspital, das in kürzester Zeit aufgebaut wurde, widmet die Doku viel Zeit. Man sieht einen Arzt minutenlang durch provisorische Gänge gehen, dann zieht er sich einen Schutzanzug an. Beeindruckender ist freilich die Sequenz, in der er sich den Schutzanzug wieder auszieht: Dabei bekommt er Assistenz von einer Kollegin, die ihn via Kamera beobachtet und ihm aus dem Off ansagt, wessen er sich wie entledigen darf. Lange verweilt die Kamera auf Patienten umringt von blinkenden Maschinen und Monitoren, das Geräusch der Beatmungsgeräte ist hier der buchstäbliche Hauch des Todes.

A Weiwei ist bekannt dafür, dass er sich mit Kritik am chinesischen System nicht zurückhält. In diesem Film steht das nicht im Vordergrund, erhält aber auch Schlaglichter. Eine wackere alte Parteisoldatin erklärt ihrem Enkel, dass diejenigen, die sich ein besseres Leben in den USA erwarten, ja jetzt sehen, dass man sich in China besser um sie kümmern würde. Denn in den USA müsse man alle Tests und Behandlungen selbst zahlen. Dass das in China auch so ist, tut sie dann mit einem genervten Kopfschütteln ab.

Am beklemmendsten ist aber die Geschichte jenes Mannes, der als Arbeiter für den Bau des Containerspitals eingesetzt wurde. Er war dafür nach Wuhan gereist, durfte die Stadt aber danach nicht mehr verlassen. Er hatte keine Bleibe außer sein Auto, also lebte er vorübergehend in einer Parkgarage. Und telefonierte regelmäßig in schönster Kafkamanier mit Behörden, die ihn zu anderen Behörden verwiesen.

Die Einsamkeit des Todes in der Pandemie beleuchtet die Doku auch - und die Verzweiflung der Angehörigen, die erst nach massivem bürokratischen Aufwand und viele Warteschlangen später wieder zu ihren Angehörigen kommen: einem Beutel Asche, der mehr als beiläufig in eine Urne gequetscht wird.

Ganz ohne Aktivismus ist Ai Weiwei mit "Coronation" ein ruhiges, aber spannendes Filmdokument gelungen, das die Surrealität mühelos in Realität übersetzt. Besonders die Bilder aus dem Krankenhaus sind schmerzliche Aufnahmen, die auch am Rande des ethisch Korrekten sind - die aber die Ausmaße dieser Krankheit unvermittelt und schonungslos zeigen. Ausmaße, die zu viele heute gern wieder vergessen, weil das Vergessen der Anfänge auch ein unschönes Symptom dieser Pandemie ist.

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https://youtu.be/uL4X26wEDQw