Pressefreiheit - eines der am heißesten umkämpften Rechte der Welt. Erst vor einigen Wochen hat Hongkong den Kampf der freien Meinungsäußerung gegen die Regierung verloren, andere Länder könnten folgen. Zahlreiche Regierungen sahen in der Corona-Pandemie eine Chance, ihre Autorität weiter zu untermauern. Unter dem Vorwand von Covid-19 wurden Sicherheitssysteme ausgeweitet, neue Sicherheitsgesetze eingeführt oder gar Parlamente auf unbegrenzte Zeit ausgesetzt.

Willkommen bei Minecraft! Hier ist die erste digitale Bibliothek, die gegen Zensur auftritt. - © UL
Willkommen bei Minecraft! Hier ist die erste digitale Bibliothek, die gegen Zensur auftritt. - © UL

Diese tiefen Einschnitte in demokratische Werte können große Gefahren mit sich bringen. Denn sind neue Gesetze erst einmal in Kraft, ist es schwer, sie rückgängig zu machen. Jegliche Handlung, die nicht im Interesse des chinesischen Zentralstaates ist, kann mit diesem Gesetz als regimekritisch bezeichnet werden und so unter Strafe gestellt werden. De facto ist das der Tod für die Meinungsfreiheit.

Geheimnis Minecraft

Selbst europäischer Journalismus sieht sich immer wieder bedroht. So versucht die Orbán-Regierung in Ungarn seit einem Jahrzehnt, kritische Medien auszuschalten und unter ihre Gewalt zu bringen - mit beängstigendem Erfolg. Erst kürzlich wurde der Chefredakteur des Nachrichtenportals "Index" gekündigt unter dem Vorwand "er habe Firmeninteressen geschadet". Aus Protest demissionierte fast die gesamte restliche Redaktion.

In einigen anderen Ländern bedroht staatliche Internetzensur gar das Leben all jener, die sich kritisch gegenüber dem Staat äußern. Sie werden verfolgt, bestraft, eingesperrt oder gar ermordet. Die Zahl der Journalisten, die 2019 wegen ihrer Arbeit weltweit inhaftiert waren, bewegt sich auf Rekordhöhe - 248 weltweit, weitere sind in Haft verstorben oder auf unbekannte Weise verschwunden. Fast alle inhaftierten Journalisten haben über ihr eigenes Land berichtet, die meisten mit digitalen Erscheinungen. Dabei belegen Länder wie Saudi-Arabien, Ägypten und China regelmäßig die letzten Plätze auf dem "World Press Freedom" der NGO Reporters
Without Borders.

Für die Menschen dieser Länder ist es Normalität, die eigene Meinung nicht frei äußern zu können. Kontrolle, Zensur und Desinformation gehören zum Alltag. Jene, die sich dennoch auf die Suche nach staatsunabhängigen Informationen machen, riskieren hohe Gefängnisstrafen. Autoritäre Systeme kontrollieren sowohl Zeitungen, Social Media als auch Webseiten.

Aber selbst dort, wo fast alle Medien von Zensur betroffen sind, ist Minecraft, eines der erfolgreichsten Computerspiele der Welt, weiterhin frei zugänglich. Der Verein Reporter ohne Grenzen (RSF) umgeht die Internet-Zensur mithilfe einer virtuellen Bibliothek im Computerspiel Minecraft.

Das Spiel dient eigentlich dazu, imaginäre Welten aus Blöcken erstellen zu können. Nun kann es aber auch dafür verwendet werden, Arbeiten von Journalisten zu lesen, die zensiert, ins Exil getrieben oder gar für ihre Berichterstattung umgebracht wurden. Dazu muss man nur die in Minecraft angelegte Bibliothek besuchen. Dann hat man überall auf der Welt freien Zugang zu den journalistischen Werken. Journalisten aus fünf unterschiedlichen Ländern haben nun einen Platz, um ihre Meinung wieder kundtun zu können. Ihre Arbeit wurde in Büchern innerhalb des Spiels wiederveröffentlicht, um Menschen in Ländern mit Zensur die Chance zu geben, sich über die tatsächliche politische Situation in ihren Ländern zu informieren.

Die Texte sind in eigens dafür angelegten Räumen in der Bibliothek zugänglich. So sind zum Beispiel regimekritische Texte des saudischen Exiljournalisten Jamal Khashoggi in der Bibliothek zu finden. Khashoggi war ein Kolumnist der "Washington Post" und kritisierte die Politik von Saudi-Arabien und Kronprinz Mohammed bin Salman. Er wurde am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul von Männern getötet und zerstückelt, denen engste Beziehungen mit den höchsten Ebenen der saudischen Regierung und bin Salman nachgesagt werden.

Als erste digitale Bibliothek innerhalb eines Computerspiels öffnete "The Uncensored Library" am 12. März, dem "Welttag gegen Internet-Zensur", die Türen, um Menschen auf der ganzen Welt den Zugang zu unabhängiger Information zu ermöglichen.

Hongkong und Pandemie

Die Bibliothek ist jederzeit erweiterbar, sagt Kristin Bässe, die Pressesprecherin von Reporter ohne Grenzen Deutschland, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". So würde man das neue Sicherheitsgesetz in Hongkong sehr akribisch beobachten. "Wir haben auch schon überlegt, die Bibliothek auf Hongkong zu erweitern", meint Bässe, aber die Kosten seien augenblicklich zu hoch. Man achte aber sehr genau auf die politischen Geschehnisse in Hongkong und werde gegebenenfalls Journalisten aufsuchen, um diese in die Bibliothek einzubinden.

Seit März 2020 wurde die virtuelle Bibliothek zudem laufend mit Pressemitteilungen über Covid-19 ergänzt, da einige Länder auch hier mit den Mitteln der Zensur darüber bestimmt haben, wie über die Corona-Bekämpfung berichtet wird.