Mit der Netflix-Serie "Ratched", die am Freitag online geht, schließt sich ein Kreis, der schon Mitte der sechziger Jahre begann: 1963 las Kirk Douglas die Druckfahnen von Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kuckucksnest". Der "Spartakus"-Star war begeistert und kaufte die Theater- und Filmrechte an dem Stoff. Ein Treffen mit dem jungen tschechischen Regisseur Milo Forman löste dann einen der größten Erfolge der Filmgeschichte aus: "Einer flog über das Kuckucksnest" - ein Film, der noch immer zum Besten gehört, was Hollywood je hervorgebracht hat. Beim Oscar 1976 räumte der Film die "Big Five" ab, in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch. Bester Hauptdarsteller wurde Jack Nicholson und beste Hauptdarstellerin Louise Fletcher, die die durch und durch böse Oberschwester Mildred Ratched verkörperte.

Nun geht Netflix zurück an die Wurzeln dieses Juwels der Filmgeschichte. Wie wurde Schwester Ratched zu dem, das sie war, und wie sie das Publikum als Nemesis von Randle Patrick McMurphy (Jack Nichols) hasste. Wie beim Original aus den Siebzigern steht übrigens Michael Douglas als Produzent über den Dingen. Die spannende Drama-Serie von Ryan Murphy und Ian Brennan blickt auf die Geschichte Ratcheds, die sich 1947 im Norden Kaliforniens an einer führenden psychiatrischen Klinik bewirbt, an der neue und verstörende Experimente am menschlichen Gehirn durchgeführt werden.

Auf ihrer Mission präsentiert sich Mildred als die perfekte Krankenschwester. Doch der erste Eindruck währt nur kurz: Allmählich blickt Ratched immer tiefer in das System der psychiatrischen Klinik mit ihren Insassen. Hinter ihrer freundlichen Fassade wird ihre dunkle Seite immer stärker, die schon lange in ihr schwelt. Echte Monster werden nicht geboren, sie werden geschaffen.

Die Ratched in dieser Serie spielt Emmy-Gewinnerin Sarah Paulson ("American Horror Story"). Sie sagt im Interview, dass die Rolle der Ratched im Film zu Unrecht verteufelt wird, weil man Jack Nicholson so liebt und sie eben seine Gegenspielerin ist. In "Ratched" sind die Fronten klar: Hier ist sie durch und durch böse. Und wird dem Personal der Klinik das Fürchten lehren. Eine Qualität, die Regisseur Dan Minahan an Paulson schätzt, ist das bedingungslose Einlassen auf das Böse in der Rolle: "Ich sehe in ihr Qualitäten wie in Glenn Close oder Bette Davis, die ebenso Schauspieler sind, die sich nicht davor fürchten, dass sie ihre Rolle so richtig hassenswert machen".

Frauenrollen nach dem Krieg

Eingebettet ist die Rolle in ein interessantes Ensemble: Der Leiter des Hospitals, Dr. Richard Hanover, wird gespielt von Jon Jon Briones. Dieser ist bekannt für seine Rolle in "The Assassination of Gianni Versace", das ebenso auf Netflix zu sehen ist. Dr. Hanover gerät rasch in die Fänge von Mildred, die ihn eiskalt benutzt, um ihre Agenda vorwärtszutreiben. Am Ende ist ihm klar, dass es der schwerste Fehler seines Lebens war, diese Frau einzustellen.

Als Besetzung für die Rolle der Leonore Osgood, einer exzentrischen älteren Dame, die mit einem Kapuzineräffchen in die Klinik einzieht, hat man niemand Geringeren als Sharon Stone verpflichtet. Cynthia Nixon ("Sex and the City") spielt die Pressesekretärin Gwendolyn Briggs. Die zweifach Oscar-nominierte Judy Davis ("The Dressmaker") spielt die Rolle der Schwester Betsy.

"Ratched" ist auch eine Erinnerung an die Zeit, in der es spielt. 1947 erlebten viele Frauen, die im Krieg anspruchsvolle Aufgaben erledigten, dass die guten Jobs nun wieder, wie vor dem Krieg, nur an die Männer gehen, während sie in die minderen Rollen gedrängt werden. Executive Producer Alexis Woodall sieht die Serie als feministische Geschichte - allerdings nicht ausschließlich: "Es geht um viele Themen: Feminismus, psychische Krankheiten, marginalisierte Gruppen und den Umgang mit Menschen, mit einer verstörenden Kindheit".

Die erste Staffel "Ratched" umfasst acht einstündige Episoden. Eine Fortsetzung ist in Planung, wie Netflix bestätigt hat. Für Serien-Schöpfer Ryan Murphy stehen zwei weitere Projekte an: Kommendes Jahr soll die zehnte Staffel "American Horror Story" erscheinen. Wegen der Corona-Pandemie hatten sich die Dreharbeiten zuletzt aber verzögert. Des Weiteren kündigte Murphy ein Spin-off an.