Sogar in seinem Ursprungsland Japan gilt Cosplay weitgehend als unnützer Zeitvertreib. Doch seit der Szene durch die Corona-Krise nur noch der virtuelle Raum bleibt, könnte sich das Ansehen ändern. Soziale Medien werden mit großer Verkleidungskunst geflutet.

"Jetzt weiß ich, wer der Verbrecher ist!" Unter diesem Zitat sitzen zwei Detektive, im Anzug gekleidet, Rücken an Rücken auf einem Hocker. Der eine ist ein Erwachsener, der andere ein Kind, das noch keine Anzughose in seiner Größe gefunden hat, dessen Beine daher nackt gen Boden baumeln. Eine naiv posierende Frau im Hintergrund, die die nachdenkenden Detektive zu bewundern scheint, hat es gehört und denkt wohl: Wieder einmal war es dieser kleine Bengel, der das ganze Kriminalrätsel gelöst hat.

So ist er eben, Detektiv Conan.

Massenhaft retweetet

Und so ist eben diese dreiköpfige Familie aus Japan, die dieses mittlerweile sehr bekannte Foto von sich geschossen hat. Es hat den Twitter-Account @xMiCaNx zu einem Medienphänomen gemacht. So ziemlich jeden Tag stellt die junge Familie, die sich hinter dem Twitter-Namen verbirgt, bei sich zu Hause eine bekannte Szene aus der japanischen Popkultur nach. Großen Wert legen sie darauf, dass sie selbst darin möglichst genau so aussehen wie die Helden ihrer Lieblingsgeschichten, als die sie sich ausgeben. Detektiv Conan, der seit Mitte der 1990er Jahre Kinder auf der ganzen Welt in Form von Comics und Zeichentrickfilmen begeistert, ist nur eine Vorlage von vielen.

In Japan begeistern solche Spielereien. Das Foto der grübelnden Kriminalverfolger, das Anfang August auf Twitter erschien, ist bis jetzt 14.000 Mal retweetet und 68.000 Mal gelikt worden. Das ist mehr als eine Ansprache des scheidenden Premierministers Shinzo Abe von Anfang September, in der er seiner Bevölkerung vorrechnete, wie viel Rettungspersonal bereitsteht, wenn es einmal wieder zu einer der saisonalen Naturkatastrophen kommt. Das haben nur 13.000 Personen retweetet.

Von den twitternden Verkleidungskünstlern schwärmte zudem die Website SoraNews24, die über alle möglichen schrägen News aus Japan berichtet: "Wir haben schon viel Cosplay gesehen", heißt es dort, "aber das hier ist eine der stärksten Leistungen, die wir kennen."

Der Begriff Cosplay, der ein seit Jahren weltweit wachsendes Phänomen beschreibt, setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern costume und play. Die Idee dahinter ist, in die Rolle einer Figur aus der fiktiven Welt zu schlüpfen, diese nachzuahmen, möglichst sogar nachzuleben. In Japan, wo die Kultur entstand und ungefähr ab den 1990er Jahren auch auf andere Länder überschwappte, gibt es regelmäßig Turniere und Events, bei denen sich die Möchtegernmangahelden in Schale werfen und vor einer Jury und Hobbyfotografen posieren, um Preise zu gewinnen. Inmitten der Corona-Krise aber, wo diverse Veranstaltungen abgesagt werden mussten, kann die Szene kaum noch zusammentreffen. Ihr bleibt jetzt nur noch der virtuelle Raum.

Für diejenigen, die sich um mehr soziale Anerkennung für Cosplay bemühen, ist das womöglich ein Glücksfall. Gerade die ältere Generation in Japan, aber auch angepasstere junge Menschen, sehen in der Lust des Verkleidens oft einen nutzlosen Zeitvertreib. Schon das exzessive Lesen von Anime und Manga, wo nicht selten Fabelwesen aufeinandertreffen oder andere unrealistische Dinge passieren, gilt vielen im Mainstream als verschwenderisch. Wer sich dann noch in diese Protagonisten hineinversetzen will, steht schnell als weltfremd da, als jemand, der in der echten Welt nicht zurechtkommt und sich deshalb verkleiden muss.

Im Kostüm des Helden

Daran mag ein Funke Wahrheit sein. Immer wieder erklären Cosplayer, ob in Japan oder in Europa, ihr Gefühl, das sie ereilt, sobald sie in das Kostüm eines Helden schlüpfen. Es sei wie Schauspielern. Man fühle sich in einer anderen Welt, als andere Person. Und je mehr Vorstellungskraft man besitzt, desto besser kann man sich eine Zeit lang in jeden Charakter verwandeln, der man gerade mal sein will. Cosplay, so sagen es die begeisterten Fans der Szene, ist eine Art von Freiheit.

Man sieht es auch an @xMiCaNx.

Zuletzt war das Dreiergespann - ein Elternpaar und deren kleiner Sohn im Kindergartenalter - nicht etwa in der Welt von Detektiv Conan unterwegs. Ende August posierten sie als Figuren aus der Serie "Naruto", die gemeinsam bei Ramennudeln zu Tisch sitzen. Wieder war es eine Szene, die es in einer der zahlreichen Episoden der weltweit beliebten Saga so ziemlich genauso vorkommt. Knapp 4.000 Personen haben das online gelikt. Und im Juni verkleidete sich der Vater der Familie plötzlich als Frau, die Mutter dagegen als Mann, als sie die Protagonisten der populären japanischen Fernsehserie "Sasuke und Sakura" mimten.

Mit solchen Bildern ist die Cosplayerfamilie auch über die Grenzen der Twitter-User bekannt geworden, japanische Zeitungen und Nachrichtenseiten berichteten seit Wochen. Yahoo.com, eines der führenden Onlinemedien, taufte sie schon auf "die Cosplay-Familie". Das "Asahi Shimbun", die nach Auflage zweitgrößte Zeitung des Landes, hat ein Interview mit dem Vater veröffentlicht. Der erklärt darin: "Als wir die Fotos online posteten, hätten wir eigentlich auf ein großes Cosplayevent gehen wollen. Aber das war ja leider ausgefallen." So habe er in den derzeitigen Einschränkungen des Lebens eine Chance gesehen - verkleidete sich gleich gemeinsam mit seinem Sohn und lud die ersten Bilder hoch.

Das gilt nun als Sensation. Denn während Cosplay bisher eher als ein Hobby für Einzelgänger gegolten hat, fällt die Familie des Users @xMiCaNx durch ihre Gruppenaufnahmen auf. Und wegen des Booms, den sie auf sozialen Medien ausgelöst haben, scheint das bis jetzt in vielen Milieus eher als seltsam wahrgenommene Hobby alle möglichen zu erreichen. Hinzu kommt, dass durch die Schließungen von Schulen und Kindergärten sowie die Anordnungen zum Arbeiten im Homeoffice diverse Familien jetzt notgedrungen mehr Zeit miteinander verbringen. So finden sich auch schon Nachahmer der Idee von Cosplay als Familienangelegenheit. Womöglich wird auch daraus bald ein Großevent mit Wettkampf. Das Publikum gibt es jetzt.