Auf der Suche nach ihrer Mutter finden Sherlock und Mycroft Holmes ein verdächtiges Buch. Der Meisterdetektiv und sein Bruder deduzieren brillant: "Feminismus!" - "Vielleicht war sie wahnsinnig?" Ihre Schwester Enola kann darob nur die Augen rollen. Denn die adoleszente Dame wurde von ihrer Mutter zu einer emanzipierten jungen Frau erzogen, nicht umsonst ergibt ihr Name rückwärtsgelesen "Alone": Enola kommt nämlich ganz gut allein zurecht.

"Enola Holmes" heißt ein neuer Film auf Netflix, "Stranger Things"-Jugendstar Millie Bobby Brown spielt da die kleine Schwester von Sherlock, die - nicht nur klassisch gebildet, sondern auch mit Rätselschläue und Selbstverteidigungsmethoden ausgestattet - natürlich auch Detektivin ist. Gleich zwei "Fälle" muss sie lösen - ihre Mutter ist verschwunden und hat ihr kleine Hinweise hinterlassen. Und sie steht einem jungen Lord zur Seite, der in Gefahr ist. Nicht nur hier wird die übliche "Fräulein-in-Not-Situation" entzückend umgekehrt. Das ist wirklich unterhaltsam und zeigt eine eigenständige Heldin, die man gerne öfters sehen würde.



Man könnte sagen, passt gut in den Trend zur weiblichen Ermittlerin, der nicht zuletzt auf Netflix seit einiger Zeit zu bemerken ist. Allein, "Enola Holmes" beruht auf einer Romanreihe, die es seit 14 Jahren gibt. Tatsächlich ist die Berufssparte der literarischen Detektivin aber ohnehin nicht die von der Gleichberechtigung am meisten vernachlässigte. Schon 1875, sehr, sehr lange, bevor es Quotenfrauen im Mörder-TV gab, erschien der erste Krimi, in dem eine Frau das Rätsel löste: "The Law and the Lady" vom britischen Schriftsteller Wilkie Collins. Schon damals durfte Valeria, so hieß die Ermittelnde, überraschend selbständig agieren.

Vielleicht sind es die Insel-Vibes, denn aus Großbritannien kommt auch die wahrscheinlich berühmteste Detektivin. Auf den ersten Blick hat sie nun wohl eher nicht das Attribut "Feministin" in Blockbuchstaben auf ihrer Tweedjacke prangen. Aber allein schon, dass es Miss Marple gibt, ist einem Befreiungsschlag ihrer Schöpferin zu verdanken. Agatha Christie hatte nämlich in den 60er-Jahren die Nase gestrichen voll von Alleswisser-Detektiven in Hosen, die man heutzutage "Mansplainer" nennen würde. Das inkludierte auch ihren eigenen Hercule Poirot, den sie selbst einen "egozentrischen Widerling" nannte. Aus dieser Testosteron-Übersättigung ist die schrullige Ermittlerin mit den Stricknadeln geboren. Die war einerseits eine Revolution, weil das forsche Vorgehen einer noch dazu unverheirateten älteren Dame aus den üblichen Erzählmustern krass hervorstach. Es war aber andererseits auch ein genialer narrativer Trick, weil natürlich niemand jemals damit rechnet, dass die harmlose Omi den Mörder entlarven wird. Dabei ist Miss Marple nur in den seltensten Fällen auf die Hilfe eines Mannes angewiesen, was sie naturgemäß nie extra betont, das hat sie ja gar nicht nötig.

264 Morde nebenbei gelöst

Unübersehbar von dieser Ikone der weiblichen Spürnasistik beeinflusst ist eine der charmantesten Kriminalserien der Fernsehgeschichte: "Mord ist ihr Hobby". Hier ist die Frau vom Fach, Jessica Fletcher schreibt schließlich Kriminalromane.

Jessica Fletcher (Angela Lansbury) ist eine Frau - und das ist nichts Besonderes. - © Picturedesk/Grant/Evans
Jessica Fletcher (Angela Lansbury) ist eine Frau - und das ist nichts Besonderes. - © Picturedesk/Grant/Evans

Unvergessen die fröhlich hopsende Erkennungsmelodie, die so sehr an das Tippen auf einer Schreibmaschine erinnerte, wie sie vergessen ließ, dass es hier ja eigentlich um brutale Kapitalverbrechen geht. In einem idyllischen Küstenstädtchen, das für Leib und Leben offenbar so eine Gefahr darstellte, dass es eine Nachfolgesendung namens "CSI Cabot Cove" geben müsste.



Jessica Fletcher ist im Unterschied zu Miss Marple auch ein Vorbild für selbstbestimmte Lebensfinanzierung. Während Marple von einem wenig definierten Erbe lebt, ist Fletcher eine sogenannte Selfmade-Woman. Sie hat nicht nur über 20 Romane geschrieben, sie hat auch einen top gepflegten Garten und hat zudem Zeit für das ein oder andere Ehrenamt. Und 264 Morde zu klären, geht sich nebenbei auch noch aus. Das alles wird niemals wie ein Amazonen-Brustpanzer vor ihr hergetragen, das Wort Feminismus ist im Sprachschatz von Cabot Cove ganz sicher sogar ein sehr exotischer Beitrag. Das macht ihr Frausein aber umso wirkungsvoller - es ist einfach so. Es ist keine Besonderheit, dass Fletcher eine Frau ist. Ihr Charakter ist brillant geschrieben und von Angela Lansbury mit hemdsärmeliger Paranoia gespielt. Das ist eine Art "niederschwelliger Feminismus", der Selbstverständnis und Selbstverständlichkeit kombinierte und in nicht wenigen TV-Projekten der 80er üblich war. Heute ist er nicht mehr in Mode, er wird von einem "In-your-Face"-Selbstzweck-Feminismus verdrängt, der oft die Hürde der Kreativität wegen des Ballasts des Kampfsinns nicht schafft.

Aber auch das kann interessante Mörderjägerinnen hervorbringen. Eine davon ist Lisbeth Salander. Vielleicht, das schmerzt jetzt wahrscheinlich, weil sie von einem Mann geschaffen wurde. Eigentlich anfangs nur eine Nebenfigur in den Millennium-Romanen von Stieg Larsson, unterstützt sie als Hackerin den Journalisten Mikael Blomkvist. Salander ist von nichts abhängig, außer vielleicht von ihrem Rachedurst. Im Lauf der Trilogie zentriert sich die Geschichte immer mehr um sie und ihre Emanzipation aus ihrer Geschichte von Missbrauch und anderen Unvorstellbarkeiten. Salander hat dabei ein Gewaltpotenzial, dass so manchen Hard-Boiled-Detektiv wie einen Firmling aussehen lässt.

Freilich, Jessica Fletcher würde wahrscheinlich erschrecken beim Anblick der androgynen, schwerst tätowierten Lisbeth. Denn wenn sie nicht gerade in ihrem Hoodie verschwindet, hat sie nicht unbedingt die Eigenschaft, die Frauen laut dem österreichischen Detektiv Lukas Helmberger besonders für die Schnüffelei prädestiniert: "Frauen sind fast geeigneter für den Beruf, weil sie unauffälliger sind." So wie zum Beispiel eine alte Dame, die über ihr Strickzeug schielt.