Eine junge, sympathische Heldin ist derzeit die beliebteste Figur auf Netflix. In Österreich führt "Enola Holmes" die Hitliste der am meisten geklickten Produktionen des Streamingdienstes an. In dem Film spielt Millie Bobby Brown, bekannt als telekinetische Teenagerin aus "Stranger Things", die kleine Schwester von Sherlock Holmes, Enola. Ihre Mutter, mit der sie allein zusammenlebt, weil ihre Brüder längst erwachsen sind, ist eines Tages verschwunden. Enola entdeckt aber Hinweise, die sie auf die Spur der Mutter führen – die Detektivgene sind also auch bei ihr reichlich vorhanden.

Der Film basiert auf einer Young-Adult-Romanreihe von Nancy Springer, das erste Buch erschien schon vor 14 Jahren. Die Rechteverwalter des Sherlock-Holmes-Urhebererbe scheinen aber erst jetzt durch die Netflix-Verfilmung aufgeschreckt worden zu sein. Oder zumindest deren Anwälte. Denn Netflix wird vom Conan Doyle Estate geklagt, ebenso wie der Penguin Verlag und auch Nancy Springer.

Zwei verschiedene Sherlocks?

Doch wie kann das gehen, sind doch die Sherlock-Holmes-Abenteuer bereits gemeinfreies Material? Nun, nicht alle Sherlock-Holmes-Abenteuer. Für die letzten zehn Geschichten, die zwischen 1923 und 1927 entstanden, liegen die Rechte nach wie vor beim Conan Doyle Estate. Der argumentiert nun: "Zwischen den Erzählungen, die nun öffentliches Gut sind und den noch urheberrechtlich geschützten Geschichten fand der Erste Weltkrieg statt. Da verlor Conan Doyle seinen ältesten Sohn und seinen Bruder. Als sich Conan Doyle nach dem Krieg wieder Holmes zuwandte, war es nicht mehr genug, dass Sherlock Holmes ein brillanter rationaler und analytischer Geist war. Er musste menschlich sein. Der Charakter musste menschliche Verbindungen und Empathie entwickeln."

Der Sherlock Holmes in "Enola Holmes" zeige "Wärme und Freundlichkeit" gegenüber seiner Schwester – also zumindest im Vergleich zu seinem knallharten Bruder Mycroft -, und das ist für den Conan Doyle Estate der Beweis dafür, dass es sich hier um den Holmes aus den späteren, nicht gemeinfreien Geschichten handelt.

Die Frage ist: Kann man das Urheberrecht auf die Gefühle eines Charakters haben? Die Conan Doyle-Erben haben sie schon einmal gestellt: Zum Spielfilm "Mr. Holmes" (2015), in dem sich Ian McKellen als alternder Sherlock seiner Bienenzucht abwendet und einem Kriminalfall zuwendet. Dieser Rechtsstreit endete schließlich mit einem Vergleich.