Belgier, nicht Franzose!!", sagt der untersetzte Herr im weißen Anzug. Er erregt sich zu Recht. Denn mit nichts kann man Hercule Poirot mehr irritieren, als wenn man seine Nationalität verwechselt. Es ist ihm sogar ziemlich egal, welche Beleidigungen vor oder nacht dem Wort "Franzose" folgen, darauf geht er gar nicht ein. Aber das Faktum "Belgier!" muss mit Nachdruck zurechtgerückt werden. Diese nationale Pedanterie, die der Running Gag in den Poirot-Romanen ist, ist nicht die einzige sonderbare Angewohnheit des älteren Herren, der hier am Deck des Nildampfers "Karnak" steht und einen neuen Mord wittert.

Sir Peter Ustinov als Poirot am Set von "Tod auf dem Nil". Gleich wird er auf den Täter zeigen. - © Imago
Sir Peter Ustinov als Poirot am Set von "Tod auf dem Nil". Gleich wird er auf den Täter zeigen. - © Imago

Sein Gesicht ist "in der perfekten Form eines Eies", wie es im Buch heißt, seinen "makellosen Schnurrbart" schützt er nachts mit einer eigenen Stoff-Konstruktion vor dem Verrücken. Seine makellosen Anzüge, seine Detailverliebtheit: Schon ein Staubkorn "fügt ihm mehr emotionalen Schaden zu als eine Kanonenkugel", formuliert es die Autorin Agatha Christie. Ein Verstand - scharf wie ein Messer -, dem kein noch so kleines Detail entgeht (und der am Ende die Lösung bringt).

Es ist sozusagen ein doppeltes Jubiläum, das dieser Tage gefeiert wird: Denn im Oktober 1920 erschien Agatha Christies erster Roman "The Mysterious Affair at Styles" (deutsch "Das fehlende Glied in der Kette"). Und es ist zeitgleich auch die Premiere für unseren franz... - Pardon! - belgischen Helden: Hercule Poirot, der vor dem Ersten Weltkrieg nach England geflohen ist und sich im Premierenbuch "zufällig" in der Nähe des Landhauses "Styles" einquartiert hat, wird gebeten, einen Mordfall aufzuklären.

Die Lösung erfolgt im Salon

Was dann passiert, kann man getrost als Blaupause für die meisten der folgenden 33 Poirot-Krimis ansehen. Der umtriebige Mann stellt unangenehme Fragen, besichtigt Tatorte, verhört Verdächtige, lässt sich beschimpfen und versammelt dann alle Beteiligten zur großen "Revelation Scene", wo er den Tathergang minutiös zusammenfasst und - meist mit entsprechenden Fingerzeig - den Schuldigen benennt. Und das alles natürlich im edlen Ambiente, mit einem Brandy in der Hand.

Es ist dies immer der Moment, in dem auch der Leser (oder Filmzuseher) erfährt, wie es sich wirklich zugetragen hat. Denn, wenn wir ehrlich sind: Die eingestreuten Hinweise sind oft so dünn gesät, dass man keine Chance hat mitzuraten. Das ist für die Geschichte wichtig, denn sie unterstreicht das Genie des Ermittelnden. Das war schon bei Sherlock Holmes so, und bei Hercule Poirots jüngerer Schwester "Miss Marple" ist es ähnlich.

In der Tat hat der belgische Meister viel mit Arthur Conan-Doyles Sherlock gemein, der ja für viele Detektive zum Vorbild gereicht. Das exzentrische Benehmen, der messerscharfe, analytische Verstand, und einen gewissen wissenschaftlichen Sachverstand. Und doch ist die Inszenierung eine völlig andere. Während die Poirot-Abenteuer immer in einem abgeschlossenen Kosmos spielen, also ein Kammerspiel nachzeichnen, jagt Sherlock dem Übeltäter mit der Kutsche mitunter durch ganz London hinterher. "The game is afoot", wie der Meister zu sagen pflegt.

Dieses Christie’sche Kammerspiel wird mitunter regelrecht erzwungen. In "Tod auf dem Nil" (1937) ist es das Flusskreuzfahrt-Schiff "Karnak", von dem die Verdächtigen nicht herunter können, bis man am Ziel ist. In "Mord im Orientexpress" ("Murder in the Orient Express" 1934) ist es ein aufgrund einer Lawine festgesetzter Zug, aus dem man nicht fliehen kann.

Die Verdächtigen sitzen fest, was oft zu weiteren Verbrechen führt, bevor sich die Schlinge um den Kopf des Übeltäters enger zieht. Und für Poirot ist jeder erstmal verdächtig, auch Poirots Freund und Gehilfe Captain Arthur Hastings, der als Ich-Erzähler fungiert, kann sich nicht sicher sein.

Auch die grandiosen Verfilmungen der Stoffe waren es, die viel zur Popularität der Figur beigetragen haben: Alle voran mit dem genialen Sir Peter Ustinov als Poirot, der dem geruhsamen Belgier eine gewisse Grandezza des British Empire verlieh, wenn er im britisch regierten Ägypten im Hotel Hof hält, als wäre das selbstverständlich, dass man sich in Kairo abends befrackt an der Bar trifft. Viele große Namen haben auf der großen Leinwand Poirot ihren Körper geliehen: Albert Finney, Austin Trevor, der große John Malkovich und der geniale David Suchet.

Zuletzt war es der Brite Kenneth Branagh, der 2017 in der starbesetzten Inszenierung eine zeitgemäße fünfte Verfilmung des "Mord im Orientexpress" schuf. Wie so oft kann sich die Besetzung sehen lassen: Penélope Cruz, Johnny Depp, Judi Dench und Willem Dafoe matchen sich mit dem Star-Ensemble der Ursprungsverfilmung 1974 mit Albert Finney, Lauren Bacall, Jacqueline Bisset, Sean Connery und Ingrid Bergman, die für ihre Darstellung einen Oscar bekam.

Stilprägender Pionier

Doch zurück zur Schöpferin des Poirot-Marple Krimiversums, Agatha Christie (1890-1976), die heute als stilprägende Pionierin der britischen Kriminalliteratur gilt. "Das fehlende Glied in der Kette" entstand während des Ersten Weltkriegs, als ihr Mann als Soldat in Frankreich war und sie selbst als Freiwillige im Lazarett arbeitete. Angeblich gab es eine Wette mit ihrer Schwester: Sie wettete, dass es ihr gelingen würde, einen Krimi zu schreiben. Das sei ja alles nicht so schwer.

Doch fast wäre das resultierende Buch gar nicht erschienen, viele Verlage lehnte ab. Erst 1920 schlug ein New Yorker Verlag zu. Ausgehend von "Das fehlende Glied in der Kette" entwickelte sich für Agatha Christie eine Weltkarriere als Schriftstellerin. Bis zu ihrem Tod 1976 veröffentlichte sie mehr als 60 Kriminalromane, deren weltweite Auflage inzwischen auf über zwei Milliarden geschätzt wird.

Vieles was man an Christie schätzt, ist schon im ersten Werk enthalten. Inklusive Skizzen der Räumlichkeiten, die dem belgische Genie als Bühne dienen. Oder hat da etwa jemand "Franzose!" gesagt?