Die sozialen Netzwerke wollen - zumindest im US-Wahlkampf - neutral sein. Sagen wir besser: neutral werden. Denn rückwirkend neutral zu sein, schaffen nicht einmal die großen Onlinekonzerne.

Twitter, Facebook und YouTube haben also plötzlich die Seiten gewechselt. Vor nicht allzu langer Zeit ließen die drei Social-Media-Giganten ihre Nutzer am Ende der langen Leine ihr Ding machen, sodass sie fast alles posten konnten, was nicht kriminell war oder gegen das Urheberrecht verstieß. Vor allem im vergangenen Jahr haben die "Big Three" nun aber Richtlinien und Regeln eingeführt, um Inhalte, die sie als anstößig oder gefährlich empfinden, aggressiver zu blockieren.

Zensur und Kritik

Dies führt nun aber dazu, dass sie von den Rechten bei jeder Möglichkeit am Nasenring zum virtuellen Pranger geführt werden. Alles werde links und Fake, sofern es das nicht schon vorher so war, rufen die Kritiker nun lautstark. Doch haben die sozialen Netzwerke stets reaktionäre Inhalte transportiert und von Angst, Wut und Hass gut gelebt, wie glaubwürdig können sie daher sein? In der republikanischen Wahlkampfrhetorik scheint derzeit eigentlich so ziemlich alles links und unpatriotisch, was nicht bewaffnet zum Ablegen der Masken auffordert. In den sozialen Netzwerken wird munter gehasst, gelogen, vorverurteilt und sich in der eigenen Opferrolle gesuhlt. Meinungsfreiheit wird entdeckt, dabei aber sogleich die Gegenmeinung belächelt, abgewertet oder unterdrückt. Es wirkt, als hätten die sozialen Netzwerke nach der letzten US-Wahl, man erinnere sich an Donald Trump und Cambridge Analytica, doch geschlafen. Ihre Maßnahmen wirken doch meist wenig durchdacht und auf jeden Fall wenig transparent.

Gerade am Beispiel Twitter zeigt sich, wie man zwischen die Fronten geraten kann, wenn man versucht, Falschmeldungen auszufiltern und Neutralität zu bewahren. Gerade noch uneingeschränkter Liebling von Trump, dann neues Hassobjekt. Zumindest vordergründig, denn im Alltag hat sich wenig verändert. Trump twittert immer noch fleißig. Nach der jüngsten Kontroverse um die Blockade eines umstrittenen Zeitungsartikels über Joe Biden ändert der Kurznachrichtendienst seine Regeln für den Umgang mit durch Hacking erbeuteten Inhalten. Sie würden künftig nur noch gesperrt, wenn sie direkt von den Hackern veröffentlicht würden, teilte die Twitter-Managerin Vijaya Gadde mit. Damit wolle der Kurznachrichtendienst auch den unbeabsichtigten Konsequenzen unter anderem für Journalisten Rechnung tragen. "Die direkte Blockade von Links war falsch", erklärte Twitter-Chef Jack Dorsey. Man wolle nun stattdessen Kontext hinzufügen und künftig in der Regel die Links mit Warnhinweisen versehen, statt ihre Verbreitung zu verhindern. Die Regeln gegen die Veröffentlichung persönlicher Informationen blieben unverändert.

Die bloßen Zahlen zeigen, dass die Unternehmen selbst nicht effektiv filtern können: Twitter hostet jeden Tag eine halbe Milliarde neuer Tweets, YouTube hat in diesem Jahr bisher 2,2 Billionen Videoaufrufe verzeichnet und alle 20 Minuten teilen Facebook-Nutzer eine Million Links. Es gibt nicht genügend Moderatoren oder gar einen Algorithmus, der intelligent genug ist, um alle diese Konten im Auge zu behalten.

Die Diskussionen der letzten Wochen bringen nun weitere Regelungen ins Wanken. So erklärte der Ajit Pai, Chef der US-amerikanischen Behörde Federal Communications Commission (FCC), dass seine Behörde eine seit den 90er Jahren geltende Regel präzisieren wolle, die den Umgang mit Inhalten auf Online-Plattformen regelt. Die Bestimmungen der "Section 230" würden zum Teil zu breit interpretiert, was Internet-Unternehmen einen zu weitreichenden Schutz biete. Gemäß der "Section 230" werden Online-Dienste nicht für von Nutzern veröffentlichte Inhalte haftbar gemacht. Zugleich gibt sie ihnen weitreichende Freiheit, gegen bestimmte Inhalte oder Nutzer vorzugehen. Die Regelung hat das heutige Web maßgeblich geprägt. Trump wirft Facebook und Twitter vor, konservative Ansichten zu unterdrücken, und fordert eine Abschaffung der "Section 230". Die republikanische Basis scheint dieser Argumentation zu folgen, glauben doch neun von zehn konservativen Amerikanern, dass Social-Media-Plattformen ihr Lager zensieren, so einer Studie des Pew Research Center.

Doch wie ist es denn nun mit der Wahrheit und der Neutralität? Wer einen Blick auf Studien, Untersuchungen oder einfach den meistgeteilten Inhalten auf sozialen Netzwerken wirft, der sieht ein anderes Bild. Fast alle Untersuchungen zeigen nämlich, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

Neutral auf Kommando

So zeigt etwa der Twitter-Bot "@facebookstopten" täglich die aktuell zehn erfolgreichsten Links auf Facebook an, diese werden mithilfe von Datenanalyse-Apps erstellt, die sehr genau aufschlüsseln, welche Inhalte am besten beim Publikum ankommen und welche Themen viral gehen. Es werden dabei die üblichen Kennzahlen zur Nutzerbindung und Weiterverbreitung herangezogen - Kommentare, Gefällt-mir-Angaben und Emojis. Was der Twitter-Bot jeden Tag eindeutig zeigt, ist, dass Donald Trump selbst auf den ersten Plätzen liegt, dahinter reaktionäre Meinungsmacher wie Ben Shapiro, Franklin Graham oder Dan Bongino. In seltenen Fälle sind auch liberale Quellen, wie CNN oder NPR in die Rangliste. Laut Angaben der Analysefirma Newswhip ist Shapiros Nachrichtenangebot "The Daily Wire" auch das mit Abstand erfolgreichste Medium auf Facebook. Alleine im September konnte die Website, die wahrlich nicht für geprüfte Fakten und Qualität bekannt ist, gut 80 Millionen Interaktionen erreichen und damit dreimal so viel wie etwa die "New York Times".

Jahrelang wurden Facebook und Co. nicht müde zu betonen, dass die Plattformen nur ein Spiegel der Gesellschaft wären, in dem konservative Meinungen und Geschichten eben auf einer sehr viel basaleren Ebene ansprächen, als es jene des liberalen Lagers täten. Es wurden daher Narrative von Angst, Wut, Hass, Schutz, das Andere und Heimat geschaffen, die in den Blasen und Echokammern der sozialen Netzwerke deutlich lauter nachhallten. Sich selbst und ihren Einfluss sahen die Netzwerke dabei als unschuldige und unbeteiligte Marktteilnehmer, die selbst überrascht waren, dass populistische Themen so gut bei Algorithmen ankommen, die explizit dazu entwickelt wurden, die Nutzerbindung zu maximieren. Auch das kürzlich beschlossene QAnon-Verbot bei YouTube ist kein wirkliches Verbot, da es nur für Videos gilt, die Gewalt rechtfertigen oder fördern könnten.

Eine Recherche der "Washington Post" legt nun sogar nahe, dass durch Facebooks Algorithmus linke Inhalte in den vergangenen Jahren gezielt ausgeblendet wurden. Auch das "Wall Street Journal" berichtet, dass einige Führungskräfte von Facebook im Jahr 2017 Bedenken hinsichtlich anstehender Änderungen des Algorithmus äußerten, von denen sie glaubten, dass sie größere Auswirkungen auf rechtsgerichtete Nachrichtenseiten wie "Daily Wire" haben könnten. Es kam letztlich zu Änderungen am Algorithmus, die einen größeren Einfluss auf den Internettraffic linksgerichteter Medien hatten.

Als erste Konsequenz der strengeren Regeln und Kontrollen zeigt sich eine langsame Abwanderung der selbsternannten "kritischen Stimmen" auf andere Dienste. So profitiert etwa der Messenger Telegram massiv von neuen Kanälen, die somit wieder eine geschlossene Filterblase werden. Vielleicht werden Facebook und Co. am Ende doch neutral, weil die Extreme abgewandert sind.