Zehn Jahre sind in der sich rasch und heftig verändernden Medienwelt eine sehr lange Zeitspanne. Und dennoch gibt es aus der deutschen Medienlandschaft über genau diesen Zeitraum eine kontinuierliche Entwicklung zu berichten: Den langsamen Abstieg des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", das in der öffentlichen Wahrnehmung Reputation an die nahezu lächerlich kleine Berliner Stadtzeitung "Zitty" verlor, die die Klaviatur der Aufmerksamkeit perfekt beherrscht - Skandale werden nun von "Zitty" aufgedeckt und veröffentlicht.

Nein, das hat natürlich nie stattgefunden. Doch liest man diese Fantasterei mit Fantasie, dann ist klar, wer gemeint ist: "profil" und "Falter", das führende, österreichische Nachrichtenmagazin und die kleine und sehr spezielle Wiener Stadtzeitung, die klein und speziell war, bis Florian Klenk von der "Zeit" nach Wien zurückkehrte und der damals auch zweifelnden Redaktion als Chefredakteur vorgestellt wurde. Ab dann galt im "Falter" die Jagd nach der Wahrnehmungs-Poleposition.

Christian Rainer sitzt in seinem neuen Büro im neuen "Kurier"-Haus in der Muthgasse, wo auch die "Kronen-Zeitung" ihren Sitz hat. Die beiden Redaktionen, dort Krawall-Boulevard, hier bürgerlicher, intellektueller Journalismus, werden sich, als Nachbarn, nicht mehr grün werden. Für das "profil" ist das die fünfte Redaktion in 20 Jahren, kein anderes Nachrichtenmagazin musste so oft die Umzugskisten packen.

Diese stressigen Übersiedlungen sind Belege einer Krise, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt. Rainers Büro ist gleich neben dem Empfang, große Fenster machen den Chefredakteur und Herausgeber sichtbar. Er hat eine Konstante in sein neues Büro mitgebracht: jene Büromöbel aus Designerhand, die er schon 1998 in sein Büro in der Marc-Aurel-Straße karren ließ. Die prestigeträchtige Adresse wird heute von der Investmentgesellschaft Superfund bewohnt - bester Beweis des Wertewandels.

Die Redaktion begreift sich an der neuen Adresse endlich als angekommen. Jahrelang gehörte der Brand "profil" der Verlagsgemeinschaft "News", die Redaktionsgesellschaft jedoch dem "Kurier". Jetzt lebt man unter einem Dach und ist hier auch in die gesellschaftliche Mitte ausschlagendes Gegengewicht zu der unter Martina Salomon nach rechts abgebogenen, beherbergenden Tageszeitung. Entgegen der Meinung vieler, hält Rainer das "profil" für kein linkes Blatt.

Das führende Nachrichtenmagazin Österreichs wurde zur Jahrtausendwende, bevor es zum News-Verlag kam, in eine journalistisch und kreativ befruchtende Auseinandersetzung mit dem inzwischen eingestellten, damals brandneuen Nachrichtenmagazin "Format" geschickt. "Format", eine Gründung des "News"-Eigentümers und heutigen Krawallblattmachers Wolfgang Fellner, überraschte das "profil" mit einem extrem gelungen Layout und einer Fotoredaktion, die die besten Fotografen des Landes engagierte. Derart gefordert konterte Rainer mit einer optischen Reform, die kein Nachrichtenmagazin je so schell und konsequent durchzog.

Dann kamen die Controller

Doch der Medienwandel dräute schon damals. Und mit ihm auch die Krise etablierter Medien. Eine Zwangsheirat beider Nachrichtenmagazine schien unumgänglich. Nach dem erschöpfungsbedingten Zusammenschluss begannen Controller, die beiden prosperierenden Titel totzusparen, obwohl es schon 2003 viele Stimmen in der Branche gab, die es für das Beste hielten, aus zwei schwächelnden Magazinen ein starkes zu machen. Aufgrund der Eigentümerkonstellation und der in Österreich fatal einwirkenden Eitelkeiten war daran aber nicht zu denken.

Bis etwa 2012 hielten sich fast alle Redaktionen Internetauftritte, die lediglich die Aufgabe hatten, das Printprodukt zu forcieren - von Ausnahmen abgesehen. Und man machte überall das, was Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Springer-Unternehmensgruppe, schon früh für den im Medienwandel entscheidenden Fehler hielt: Man verschenkte Inhalte und kannibalisierte so seine gedruckten Ausgaben in der trügerischen Hoffnung, Leser und Abonnenten zu gewinnen.

Döpfner war es auch, der 2008 in iPhone und iPad die Zukunft in Sachen Übermittlung von Inhalten, jetzt smart "Content" genannt, erkannte. So wie er machten sich schnell auch andere Medienmacher und Verlage mit den avantgardistischen Objekten der Konsumenten-Begierde bekannt und entwickelten Formate, die dem neuen, digitalen Standard entsprachen. Doch vieles floppte, weil neue Medien, etwa "Buzzfeed" oder "Vice", schneller waren.

Der News-Verlag tat sich mit Online schwer - und tut es auch heute noch. Man brachte weder ein zeitgemäßes Erscheinungsbild zustande, noch konnte man die mannigfaltigen Titel des großen Magazinhauses wesentlich stärken. Und so kommt es, dass "profil" dieser Tage lediglich eine E-Paper-App besitzt und eine Online-Seite unterhält, die nach wie vor nicht gering Artikel aus der jeweils neuen Ausgabe gratis anbietet. All das wirkt gestrig, wie ein Medienobjekt, wo man weder die Zeichen der Zeit erkannt hat, noch in die Zukunft abbiegen will.

Was ist das "profil"?

Und dann ist da noch seit gefühlt zehn Jahren auch Florian Klenk, obwohl längst nicht mehr jugendlich, rotzbübig wirkend, der den "Falter" zu einer Investigativ-Zeitung umpolte, die er vorher nie war. Klenk und die Leute, die seit seiner Rückkehr auf seiner Seite standen, machten den "Falter" zum "Aufdecker-Blatt". Und Leitmedien wie die ARD, der "Spiegel", die "Süddeutsche" oder die "taz" - ja, auch die ein Leitmedium, in linken Leserkreisen - rufen bei Klenk an, holen ihn ins TV-Studio, lassen ihn Rechercheunterlagen lesen, wenn es darum geht, die Politik und die Skandale Österreichs zu erklären. In Berliner Grill-Royal-Reporterrunden, wird Klenk auch der Ösi-Erklärbär genannt - er hat sich einen Namen gemacht.

"Profil"-Chef Rainer hingegen kennen in Berlin nur wenige Journalisten. Wenn sie "profil" überhaupt wahrnehmen. Denn jüngere Redakteure bei deutschen Top-Medien wissen gar nicht, dass es das "profil" überhaupt gibt. Ist das nicht schmerzhaft, wenn der einstige Ruhm derart verblasst? Christian Rainer muss nicht lange nachdenken. Er sieht es schlicht nicht so. Dass "profil" in den Sozialen Medien viel weniger Likes erhält, als Klenk auf seinem privaten Account, ficht ihn nicht an. Haben diese Likes je ein "Falter"-Abo verkauft? Rainer bezweifelt das und erklärt, dass er gerade mit einer sehr konventionellen Aktion und ohne Soziale Medien rund 7.000 Abos mehr verkaufen konnte - in harter Währung.

Gesammelte Argumente

Schnell wird klar: Da hat einer Argumente gesammelt in einem vergleichenden Wettbewerb zweier Alpha-Journalisten, den er nicht ausgerufen hat. Dass die Fotoredaktion des "profil" über Monate kein Geld für Fotografen hatte, beantwortet Rainer mit Sparmaßnahmen in Corona-Zeiten und verweist sogleich auf eine Beauftragung eines exzellenten österreichischen Fotografen für das Heft der Vorwoche.

Wie Rainer seine Mannschaft, darunter immer noch ein paar der besten Journalisten Österreichs, beschreibt, gereicht ihm zu Ehre. Fakt ist jedoch auch, dass man bei einem deutschen Nachrichtenmagazin tatsächlich die Existenzfrage gestellt hätte, wenn die Fotoredaktion keine freien Fotografen mehr zahlen hätte können. Und erst recht, wenn man sich keine freien Autoren mehr leisten kann.

Christian Rainer wird nächstes Jahr sechzig Jahre alt, ein Alter, das man ihm null ansieht. Redakteure sagen, es sei merkbar, dass er seit den klaren Eigentümerverhältnissen deutlich bessere Laune habe. So gute Laune, dass er bis zur Pension im Amt bleiben will - wenn die Eigentümer wollen, auch gerne länger.

Manfred Klimek ist Autor bei der "Welt". Von 1998 bis 2003 war er Ressortleiter Fotografie bei "profil".