Wenn man Krisen etwas Gutes abgewinnen will, dann, dass Schwachstellen schonungslos aufgezeigt werden und in weiterer Folge Lösungen gesucht und gefunden werden können. Die Corona-Krise hat so zum Beispiel im Verlagswesen und der Medienbranche die Problematik der Finanzierung von Journalismus und Medienvielfalt einer breiteren Öffentlichkeit aufgezeigt. Denn schon seit Jahren brechen alte Einnahmequellen weg, werden Förderungen nicht erhöht und müssen neue Finanzierungsmodelle gefunden werden. In Zeiten von Kurzarbeit und Sparmaßnahmen spitzt sich die Lage weiter zu.

Eine Lücke, die man füllt

Wenig überraschend, dass stets mehr Geld in den Verlagen gebraucht werden könnte, als vorhanden ist. Oftmals werden kostenintensive Investitionen aufgeschoben oder mutige Konzepte in den Schubladen liegen gelassen. Und so entstehen Lücken - zwischen notwendiger Innovation, um etwa auf dem technischen Letztstand zu sein und der Finanzierung. Und genau in diese Lücke drängen neue Mäzene. Der US-Gigant Google ist seit Jahren mit den Verlagen auf Kriegsfuß, geht es doch um die faire Aufteilung von Werbegeld. Google hat Zahlungen bisher abgelehnt und argumentiert, dass die Verlage letztlich dank Google durch höhere Nutzerzahlen auf ihren Seiten mehr Werbeerlöse erzielen. Die Verlage wiederum sehen weniger Geld für Google, würden die journalistischen Inhalte fehlen. So geht es nun schon geraume Zeit hin und her. Ohne ein finales Ergebnis.

Und so kam, was kommen musste, Google beschloss, in Verlage und Journalismus zu investieren. Google hat den europäischen Journalismus seit 2013 mit mehr als 200 Millionen Euro gefördert. Rund 140 Millionen Euro flossen zwischen 2015 und 2019 im Rahmen der europaweiten "Digital News Initiative" an Innovationsprojekte. Vorbild dafür war ein mit 60 Millionen Euro dotierter Fonds für französische Medien.

Eine neue Studie mit dem Titel "Medienmäzen Google", die bei einer virtuellen Pressekonferenz im Presseclub Concordia präsentiert wurde, stützt sich auf eine Datenanalyse der mehr als 140 Millionen Euro, die Google im Rahmen der "Digital News Initiative" (DNI) an über 600 Projekte europäischer Verlage ausgeschüttet hat, sowie auf 25 anonymisierte Interviews mit Managern und Digitaljournalisten deutscher Nachrichtenmedien. Sie wurde vom Deutschen Gewerkschaftsbund und der Otto-Brenner-Stiftung finanziert.

Der Großteil der Förderung floss in westeuropäische Länder. Die meisten Mittel erhielten demnach deutsche Medien (21,5 Millionen Euro), gefolgt von Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Rund drei Millionen Euro gingen im Rahmen der "Digital News Initiative" nach Österreich, damit wurden 17 Projekte heimischer Medien unterstützt.

Die Studienautoren waren auf der Suche nach den Gründen für das Google Investment und wollten zudem die Auswirkungen auf den Journalismus untersuchen. Die Studie kommt zu folgenden Kernaussagen: Googles Förderungen sind ein strategisches Instrument für die Zwecke des Konzerns und wecken bei Journalisten die Sorgen vor korrumpierender Nähe. Außerdem würde einer Branche so auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion genommen. Zudem würde durch dieses Vorgehen Google selbst gestärkt, um zur dominanten technologischen Plattform für das Nachrichtenökosystem zu werden. Auch durch Förderprogramme und Stipendien würde eine Generation von Journalisten geschaffen, die Google in ihrem Lebenslauf stehen haben und somit möglicherweise eine grundsätzlich positivere Einstellung gegenüber dem Großkonzern hätten. Damit würde aus einer Förderung von innovativem Journalismus eine großangelegte PR-Kampagne des Konzerns, die mittelfristig nicht nur zu Abhängigkeiten, sondern auch zu positiverer Berichterstattung führen könnte. Und natürlich sind die Auswirkungen nicht nur für einzelne Journalisten und Verlage, sondern für die gesamte Branche spürbar.

Ungleichgewicht wird gefördert

"Googles Förderungen stärken das Ungleichgewicht zwischen Medienhäusern", kritisierte Studienautor Alexander Fanta, der selbst an einem von Google geförderten Nachwuchsprogramm teilnahm, was auch einen Anstoß für die Studie gegeben habe. Das Geld werde entsprechend bereits bestehender ökonomischer Strukturen verteilt, bemängelte sein Kollege Ingo Dachwitz. Nur etwa sechs Prozent der Gelder seien an nicht-profitorientierte Medien geflossen (etwa sechs Millionen Euro), aber knapp 75 Prozent an kommerzielle Medien (gut 100 Millionen Euro). Auch Regionalmedien seien unterrepräsentiert.

Die Studienautoren vermissen außerdem Transparenz. So würden die Fördersummen nicht im Detail, sondern nur anhand grober Förderkategorien angegeben. Gleichzeitig hätten die Interviews im Rahmen der Untersuchung deutlich gemacht, dass die Förderungen von Google eine Finanzierungslücke für Technologieentwicklung im Journalismus füllten.

Hier müsse es Alternativen geben, forderte Fanta. Es sei wichtig, dass die europäische Debatte um öffentlich-rechtliche Innovationsförderung für Medien weitergehe. Grundsätzlich scheint in ganz Europa eine Überarbeitung der Förderung von unabhängigem Journalismus, sofern Pressefreiheit überhaupt existent ist, dringend notwendig. Ein kurzes und knappes Statement von Seiten des US-Onlinekonzerns gab es zur Veröffentlichung der Studie doch noch: "Wenn wir nichts tun, ist es falsch, wenn wir etwas tun, ist es auch falsch."

Es scheint generell eine Strategieänderung bei Google gegenüber den Verlagshäusern zu geben. Neben der Digital News Initiative werden zahlreiche Fachkonferenzen gefördert, es gibt immer neue Tools, mit denen die journalistische Arbeit erleichtert werden soll, und erst Anfang Oktober wurde der "Google News Showcase" gestartet. Dabei werden ausgewählte Artikel der teilnehmenden Verlage in sogenannten Story-Panels aufgelistet. Der US-Konzern kündigte auch an, Artikel aus kostenpflichtigen Angeboten einzelner Verlage zu kaufen, um sie den Lesern kostenlos anbieten zu können. Das Projekt startete zunächst in Deutschland und Brasilien und soll künftig auf andere Länder ausgeweitet werden. Am Projekt teilnehmende Verlage reagierten durchweg positiv. "Mit News Showcase und der neuen Einbindung redaktioneller Inhalte zeigt Google, dass es ihnen ernst ist mit der Unterstützung von Qualitätsjournalismus in Deutschland", sagte Stefan Ottlitz, Geschäftsführer des Spiegel-Verlags. Ein anderer Manager macht deutlich, dass die Medienhäuser von der Marktmacht des Suchmaschinenbetreibers profitieren könnten. "Wir erreichen viel mehr Menschen, die wir sonst nie erreicht hätten."

Der US-Konzern kündigte auch an, Artikel aus kostenpflichtigen Angeboten einzelner Verlage zu kaufen, um sie den Lesern kostenlos anbieten zu können. Es gehe insgesamt nicht nur um eine finanzielle Förderung für Verlage, sondern auch um eine neue Form, journalistische Inhalte zugänglich zu machen, erklärte Google. Der deutsche Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) sprach hingegen von einer "Geldausschüttung an Verlagshäuser nach Gutsherrenart". "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Google offenbar lieber ein eigenes Angebot lanciert, bei dem es die Teilnahmebedingungen diktieren kann, anstatt Recht und Gesetz in der EU anzuerkennen."