Es dauerte nicht lang an jenem erschütternden Montagabend, bis auf Facebook eine Benachrichtigung aufschien. Wie bei anderen Terroranschlägen wurde eine Methode eingerichtet, mit der man mit nur einem Klick seinen Freunden mitteilen konnte, dass man in Sicherheit war. Safety Check heißt das Tool und es ist eine der wenigen positiven Hervorbringungen der Sozialen Medien.

Beließ man es nicht nur bei dem Klick, sondern scrollte weiter auf der Seite (in der App-Version), fanden sich viele Einträge. Fotos von Kerzen mit der Aufschrift "Pray for Vienna" zum Beispiel. Oder Videos, in denen ein Mann einen Passanten erschießt. Weiterläuft, zurückkehrt und ein weiteres Mal auf den Passanten schießt. Um sicherzugehen.

Wer nur auf dieser Seite gelandet war, weil sich Freunde so gemeldet hatten, wurde von diesen Videos überrascht. Noch Stunden später waren sie online, manche wurden dann immerhin mit einem Filter überdeckt, sodass man sie erst sehen kann, wenn man eine "Einverständniserklärung" abgibt. Mittlerweile arbeitet Facebook an einer Löschung. Spät. Denn zu dem Zeitpunkt, als sich sensibles Bildmaterial hier häufte, hatte die Polizei bereits mehrfach darum gebeten, solche Postings zu unterlassen, weil sie sowohl Menschen als auch die Ermittlungsarbeit gefährden.

Mit und ohne Reflexion

Natürlich muss jedem klar sein, dass bei einem Anschlag dieser Größenordnung jede Menge Foto- und Videomaterial von Zeugen produziert wird. Und natürlich muss jedem klar sein, dass die Sozialen Medien dazu verführen, diese dort sofort zu teilen. Ein Opfer dieser Verführung war an jenem Abend auch "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk, dessen Büro im Zentrum des Geschehens liegt. Er berichtete als einer der Ersten auf Twitter von Schüssen in der Innenstadt. Und er war sicher das prominenteste Beispiel dafür, was man als Journalist aus diesem Abend im Umgang mit Twitter lernen kann und muss.

Die wichtigste Aufgabe von seriösem Journalismus ist: zu informieren, aber nicht zu desinformieren. Wenn man am nächsten am Geschehen sitzt, ist die Verantwortung als Informationsquelle eine gewaltige. In einer solchen unklaren Situation, die Montag Abend vorgeherrscht hat, war dies eine Gratwanderung. Auf der ist Klenk manchmal ausgerutscht, weil die Schnelligkeit von Twitter eine große Falle für seriösen Journalismus ist.

So stiftete eine Meldung über eine angebliche Geiselnahme in der Mariahilfer Straße, die andere Medien ungeprüft übernahmen, Unsicherheit. Klenks Twitterfeed sah kurz vor Mitternacht ganz anders aus als noch Stunden zuvor - viele Meldungen waren wieder gelöscht, weil sie vorschnell und unbestätigt waren oder für die Ermittlungsarbeit der Polizei heikel waren.

Die hektische Betriebsamkeit war den Ereignissen angemessen, die darauffolgende Reflexion aber auch. Die wiederum ist für andere Medien ein Fremdwort. Der Boulevard - in Österreich "oe24.tv" und "krone.at", in Deutschland die "Bild" - zeigte Videos von der Attacke, obwohl die Polizei gebeten hatte, dies zu unterlassen. Mehr als 700 Beschwerden darüber sind bis Dienstag Mittag beim Österreichischen Presserat deswegen eingegangen. Die Vorgangsweise hat zumindest für oe24 bereits Folgen: Einzelne Supermarktketten haben angekündigt, ihre (Online-)Werbung nicht mehr hier schalten zu wollen.

Als österreichischer Journalist kannte man den Umgang mit schweren Anschlägen bisher nur als "Konsument". Deswegen muss und wird dieser fatale Montagabend ein Lern-Anstoß sein, ein Analyse-Modell. Darüber, wie die Social-Media-Technologien genützt werden sollten und wie nicht. Wie man sich nicht zum Instrument der Terroristen macht, in dem man ungewollt zur Verunsicherung, Destabilisierung und Gewalt-Verherrlichung beiträgt. Dazu gehört, dass in den folgenden Tagen auch den Opfern breiter Raum in der Berichterstattung gegeben werden sollte. In Israel versucht man auf diese Weise schon länger, den Nimbus des Attentäters, den er anstrebt, zu durchlöchern, auch nach dem jüngsten Terror in Frankreich bekamen die Opfer ein Gesicht - und nicht nur der Täter.

Auch auf die Verantwortung, die jeder Social-Media-Nutzer hat, wurde an diesem Abend ein Schlaglicht gesetzt. Und auch, wenn es immer Sensationsgeilheit und Gewaltlüsternheit geben wird, so hat doch die Mehrheit der Zeugen und Betroffenen das Richtige gemacht: Immerhin langten bei der Plattform der Polizei bereits 20.000 Videos ein - also dort, wo sie wirklich hin sollen.