Wir wollten eigentlich eine Live-Radiosendung machen, das dürfen wir leider nicht. Unsere Schule ist im Homeschooling, einige sind in der Betreuung in der Schule, aber wir dürfen nicht mit der U-Bahn fahren. Also können wir nicht zum Radio kommen. Wir haben daher alles in der Schule aufgenommen."

Mit diesen Worten beginnt die Moderation der Radio-Sendung für den Schulradiotag der FB-Klasse der offenen Volksschule Zennerstraße 1 im 14. Bezirk.

Normalerweise machen am Schulradiotag Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den 14 Freien Radios in Österreich Sendungen von Schülern für Schüler und Erwachsene. Die Schülerinnen und Schüler kamen in den vergangenen Jahren voller Erwartung zum Sender und genossen die aufregende Atmosphäre im Radio-Studio. Doch beim Schulradiotag 2020, der am 30. November über den Äther geht, ist alles anders: Die Sendungen wurden wegen des Corona-Lockdowns vorproduziert und das Thema Corona dominiert in den Sendungen – die von den 14 freien Radios an diesem Tag von 9.00 bis 17.00 Uhr ausgestrahlt werden.

Die Schülerinnen der Volksschule Zennerstraße sitzen (hier in Vor-Corona-Zeiten) vor den Mikrofonen bei Radio Orange, dem Community-Sender, der in Wien auf 94,0 MHz sendet. - © VS Zennerstraße 1
Die Schülerinnen der Volksschule Zennerstraße sitzen (hier in Vor-Corona-Zeiten) vor den Mikrofonen bei Radio Orange, dem Community-Sender, der in Wien auf 94,0 MHz sendet. - © VS Zennerstraße 1

"Ich habe Buch gelesen, dann habe ich gelernt"

In der Volksschule Zennerstraße hat der neunjährige Radio-Reporter Karim einige seiner gleichaltrigen Kolleginnen gefragt, was sie während des Lockdowns gemacht haben und machen. Die Antworten: "Ich habe ein Buch gelesen, dann habe ich gelernt und dann geschlafen." – "Ich bin die Samantha: Ich habe Bücher gelesen, gelernt und gespielt." – "Ich bin die Angela: Ich habe mit meinen Schwestern gespielt, gelesen und ein wenig Mathe gemacht."

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt der junge Radio-Reporter Karim, was er für die Radio-Sendung gemacht hat: "Ich habe meine Schulfreunde interviewt und sie haben coole Geschichten erzählt, von den Ferien und was sie in den Corona-Zeiten so machen. Ich finde es cool, dass Kinder auch ins Radio dürfen und nicht nur die Erwachsenen." Karim sagt, er und seine Schulfreunde hätten einiges zu erzählen, das auch die Erwachsenen hören sollen: Nämlich, dass sie traurig waren, als sie gehört haben, dass die Schulen wieder schließen müssen. "Okay, ein wenig habe ich mich anfangs über die Pause von der Schule gefreut", gibt Karim auf Nachfrage zu. "Aber ich bin doch eher der Typ, der freiwillig Hausübungen macht." Die Schulfreunde nicht treffen, sei hart, und das Homeschooling falle ihm nicht so leicht, wie in der Schule zu arbeiten.

Schüler produzierten beim Schulradiotag bisher immer im Studio von Radio Orange ihre Sendung - heuer war das wegen des Lockdowns nicht möglich - die Sendungen wurden am Laptop geschnitten und vorproduziert.   - © VS Zennerstraße 1
Schüler produzierten beim Schulradiotag bisher immer im Studio von Radio Orange ihre Sendung - heuer war das wegen des Lockdowns nicht möglich - die Sendungen wurden am Laptop geschnitten und vorproduziert.   - © VS Zennerstraße 1

Eva Neureiter ist Lehrerin von Karim. Sie ist seit 20 Jahren an der Schule in der Zennerstraße und macht seit vielen Jahren mit ihrem Schülerinnen und Schülern beim Schulradiotag mit. "Einerseits ist da der Anspruch der Freien Radios, zur Partizipation einzuladen und jenen eine Stimme zu geben, die vielleicht in der Öffentlichkeit nicht so laut und deutlich vernehmbar sind. Wie man in der Pandemie gesehen hat, gehören Schülerinnen und Schüler zu diesen Gruppen." Daher seien dieses Jahr die Themen auf der Hand gelegen: "Corona ist ein großes Thema, das alle Menschen in fast all ihren Lebensbereichen berührt – das ist bei Schülerinnen und Schülern nicht anders. Wie geht es mit dem Homeschooling, wie ist es, wenn man die Freunde nicht sieht, nicht zu Oma und Opa fahren kann?" Für Schülerinnen und Schüler sei es alles andere als einfach, all das zu verarbeiten. Als "schöne Rückmeldung" bezeichnet Eva Neureiter, dass die meisten Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie lieber in der Schule wären, als im Homeschooling und sie den Unterricht vermissen. "Das freut einen als Lehrerin dann doch", sagt sie.

"Wir nehmen uns die Zeit, anderen zuzuhören"

Der Journalist Simon Inou ist der Organisator hinter dem Schulradio-Projekt der Freien Radios, das es seit dem Jahr 2013 gibt. Aktionen wie der Schulradiotag gehören nach Meinung von Simon Inou zu den Kernaufgaben der Community-Radios. "Wir berichten vielleicht nicht über die Top-News – noch bevor sie geschehen sind –, aber wir nehmen uns die Zeit, anderen wirklich zuzuhören und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen. Unsere Botschaft: Wir haben Zeit für Dich, wir können mit Dir gemeinsam etwas tun. Das sind Qualitäten, die im Mainstream-Medien-Sektor bei vielen fehlen." Was ist das Motiv für den Schulradio-Tag? Simon Inou: "Eines unserer Ziele ist Medienbildung für die Schülerinnen und Schüler, ein zweites Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, selbst Radio zu machen und sich kritisch mit der Medienwelt auseinanderzusetzen."

"Regierung soll mitkriegen, wie es an den Schulen zugeht"

Alina ist 17 Jahre alt, geht in eine Maturaklasse am Billrothgymnasium 26, in der Billrothstraße in Wien Döbling und arbeitet bereits seit über zwei Jahren beim WUK-Radio, dem Radio des Werkstätten- und Kulturhauses in der Währinger Straße mit. Das WUK-Radio läuft auch auf der Frequenz 94,0 MHz von Radio Orange.

Alina hat im Sommer eine Radiosendung darüber gestaltet, wie es Schülerinnen und Schülern in diesem Jahr ergangen ist: "Als angehende Maturantin ist es mir eine Herzensangelegenheit dafür zu sorgen, dass die Regierung mitkriegt, wie es bei uns derzeit in der Schule zugeht."