Zu Beginn steht natürlich fett eine knifflige Frage der Philosophie im Raum: Ist es überhaupt Eskapismus, wenn man versucht, der Welt inmitten einer echten, realen Pandemie mit einem Spiel über eine fiktive, tödliche Krankheit zu entfliehen? Als Arbeitshypothese für diesen Text sagen wir einmal: ja, natürlich. Denn sobald in "Pandemic" die ersten Züge unterwegs sind, weiß man: Das wird in der Tat verdammt knapp. Denn das Ziel ist nichts weniger, als die Welt zu retten. Und das ist eine strategisch enorm schwierige Aufgabe, wie wir später noch sehen werden. Auf dem Spielbrett, aber auch im realen Leben.

Die Covid-Pandemie hat fast alle Menschen kalt erwischt. Zwar hat man (theoretisch) gewusst, dass so ein singuläres Ereignis möglich wäre, dass es aber tatsächlich eintritt, damit hat (offensichtlich) niemand wirklich gerechnet. Das kann Fans des einschlägigen Genres "Pandemie-Simulationen" nur wundern. Denn schon seit Mitte der 2000er-Jahre gibt es eine ganze Reihe von Spielen, die sich mit dem Thema befassen. Meist auf einer strategischen Ebene. Enorm beliebt war etwa die Smartphone-App "Plague Inc.", die einen eher makaberen Zweck erfüllt: Hier muss der Spieler ein Virus züchten, das so gefährlich ist, dass es alles Leben auf der Erde auslöschen kann. Erst dann hat man gewonnen. "Erquicklich!", wird der eine oder andere nun denken. Mit der Brettspiel-Variante des Bioterroristen-Klassikers beschäftigen wir uns weiter unten.

Bei "Plague Inc." stehen die Chancen schlecht: Sogar der Würfel hat sich schon infiziert. - © Ndemic Creations
Bei "Plague Inc." stehen die Chancen schlecht: Sogar der Würfel hat sich schon infiziert. - © Ndemic Creations

Doch zuerst zu "Pandemic", das ganz entgegen seinem Namen ein ausgesprochen kooperatives Spiel ist. Immerhin muss man hier die Menschheit vor der Vernichtung durch vier tödliche Viren (gelb, rot, blau und schwarz) bewahren. Und zwar zusammen - man gewinnt entweder zusammen, oder nicht. Nun haben kooperative Spiele leider oft den Ruf einer gewissen Fadesse. Immerhin ist das Gewinnen für manche ein wichtiger Motivator, ohne den es sich nicht zu spielen lohnt.

Brutale Mechanik

Bei "Pandemic" kommen solche Gedanken gar nicht erst auf. Das Spiel ist dermaßen brutal in seiner Mechanik, dass man sehr rasch alle Hände voll damit hat, die Ausbrüche, die mit vielen kleinen Würfelchen auf dem Spielbrett dargestellt werden, einzudämmen. Wer hier nicht sehr rasch und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Fähigkeiten zuschlägt, hat schon verloren.

Das ist in der Tat eine sehr realitätsnahe Annahme. Ist es doch auch bei einer echten Pandemie so, dass nur durch Kooperation und Ausnützung aller Talente eine Lösung gefunden werden kann. Nicht zuletzt hat gerade ein deutscher Impfstoff von türkischen Forschern, produziert in Belgien und vertrieben von einem US-Konzern bisher die besten Karten. Auch bei "Pandemic" ist die große Lösung nur durch Forschung möglich. Für jeden der vier Erreger muss ein Heilmittel gefunden werden. Allerdings ist es (wohl wie im echten Leben) kein Allheilmittel: Mit dem Heilmittel kann der Erreger nur wesentlich besser bekämpft werden. Bekämpfen muss man ihn aber nach wie vor. Und erst wenn alle vier besiegt sind, ist die Sache gelaufen.

Gegenspieler ist dabei, wie so oft, die Zeit. Nach acht Ausbrüchen ist die Sache verloren - und wann diese kommen, ist (eigentlich verpönt im Strategie-Genre) mit einem Glücksfaktor verbunden. Man kann mehr oder weniger Zeit haben und muss immer damit rechnen, dass das Fallbeil gelöst wird und alle verlieren. Das ist dann schon etwas abrupt.

"Pandemic" (Z-Man Games) erschien erstmals 2008, sein Autor ist Spieledesigner Matt Leacock, dessen größter Erfolg es auch war. Leacock hat übrigens versprochen, fünf Prozent seiner Tantiemen an "Ärzte ohne Grenzen" zu spenden. Es sind bereits mehrere Erweiterungen auf dem Markt, darunter "Pandemic: On the Brink", "Pandemic: In the Lab" und "Pandemic: State of Emergency". Es gibt auch eine Würfelspiel-Variante und diverse Szenarien, darunter zwei genannt "Pandemic: Legacy".

Spielen im Lockdown-Modus

Wir haben "Pandemic" umständehalber auch auf seine Spielefähigkeit im Lockdown getestet. Zwei Gruppen, mit dem Laptop verbunden über die Online-Konferenzsoftware Zoom, sollten gemeinsam eine Partie spielen. Voraussetzung ist dabei natürlich, dass beide Gruppen physisch das selbe Spiel besitzen. Auf beiden Brettern hier und dort müssen natürlich alle Spielzüge gleich gemacht werden, um die Situation auf dem Brett aktuell zu halten. Dass funktioniert erstaunlicherweise viel besser, als man annehmen würde. Da in "Pandemic" vier Spieler (in einer Variante auch fünf) spielen können, sind zwei Zweiergruppen eigentlich nahezu problemlos via Laptop miteinander verknüpfbar. Nur die Nachos kann man nicht durch den Bildschirm reichen, aber sonst steht einem Lockdown-Spielerlebnis nichts im Wege.

Etwas weniger kooperativ geht es bei "Plague Inc." zu, wenngleich das Spiel schon durch sein gefährlich anmutendes Design in Rot besticht. Sogar der Würfel sieht nicht mehr wirklich sehr gesund aus, hat er doch kleine rote Flecken auf der Oberfläche. Es geht, wie gesagt, darum, die Welt zu beenden. Dazu kann man Viren sammeln, züchten, ihre DNA verbessern und sie dann auf die Länder am Spielbrett loslassen. Wer es schafft, die Olympischen Spiele zu infizieren, ist schon auf gutem Weg, eine Sache, die man 2021 möglicherweise in Tokio dem Reality-Check unterziehen kann.

Das Brettspiel ist das Resultat der Smartphone-App, die sich als wahrer Straßenfeger erwiesen hat. Auf mehr als 85 Millionen Spieler weltweit kann Hersteller Ndemic Creations verweisen. Nachdem der Ansatz doch etwas destruktiv ist, hat man zuletzt "Plague Inc.: The Cure" entwickelt. Gestaltet in schick-sterilem Masken-Blau, geht es auch hier darum, die Pandemie mit den Errungenschaften der Wissenschaft wieder einzudämmen. Ob in der nächsten Version des Spiels als Störfaktor (oder wahlweise als Turbo-Booster) auch Impf-Verweigerer und Viren-Leugner eingebaut wurden, die die Bemühungen wieder zunichtemachen und die Bevölkerung letztlich doch ins Unglück stürzen, wird man erst sehen. Zum Glück ist es - in diesem Fall - tatsächlich nur ein Spiel.