"Night City war wie ein geistesgestörtes Experiment im Sozialdarwinismus, das von einem gelangweilten Forscher entworfen wurde, der einen Daumen permanent auf dem Schnellvorlaufknopf hielt." Man nehme diese Stelle aus William Gibsons Roman "Neuromancer", erschienen 1984, hole sich als Testimonial Keanu Reeves, bekannt aus "The Matrix" - fertig ist ein potenzieller Blockbuster.

Genau das hat das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red (CDPR), ihrerseits bekannt durch die "Witcher"-Reihe, die mittlerweile auch als Netflix-Serie umgesetzt wurde, getan, als es 2012 "Cyberpunk 2077" ankündigte. Nun, acht Jahre und drei Verschiebungen später, ist es nun so weit. "Cyberpunk 2077" wurde veröffentlicht und sorgt für einiges Aufsehen und Diskussionen. Ein Rollenspiel in einer dystopischen weitläufigen Welt mit einer beeindruckenden Charakterentwicklung. Man kann seinen Charakter, namens "V" nach seinen eigenen Vorlieben anpassen: Ob schießwütiger Rambo, flinker Schleicher oder Hacker, nahezu alle Aufgaben können auf diese Arten gelöst werden, und je nach persönlicher Entscheidung wird die Handlung adaptiert und verläuft das Spiel etwas anders.

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Die Stadt entdecken

So soll auch das mehrmalige Entdecken der Stadt durchaus lohnenswert sein - dauert die Hauptmission doch rund 20 bis 25 Stunden. Die Nebenmissionen machen durchaus Sinn und Spaß und sollen bis zu 140 Stunden Spielzeit ermöglichen. Night City, irgendwo in Kalifornien gelegen, dunkel, voller Verbrechen und zweifelhafter Gestalten, die einen großen Reiz bieten. Nicht nur Keanu Reeves als Johnny Silverhand. Mit dem Auto dauert es rund zehn Minuten, bis man die Stadt erkundet hat - Cyberpunk kommt damit nicht an die Rekordwerte von "Red Dead Redemption 2" heran. Aber auch das macht durchaus Spaß.

Acht Jahre hat es gedauert, nun erschien "Cyberpunk 2077" endlich. Aber leider wohl etwas zu früh. - © apa/ap,wozianski
Acht Jahre hat es gedauert, nun erschien "Cyberpunk 2077" endlich. Aber leider wohl etwas zu früh. - © apa/ap,wozianski

Weniger Spaß bereitet den Spielern hingegen der Umstand, dass man durch die vielen Figuren auf den Straßen einfach hindurchlaufen kann. Ein bisschen mehr Reaktion auf ungewollten Körperkontakt wäre wünschenswert gewesen.

Ohne Zweifel hat das Spiel enormes Potenzial und grandiose Ideen. Der Titel "Spiel des Jahres" (in diesem Jahr übrigens am Tag der Veröffentlichung von "Cyberpunk 2077" an Sonys "The Last of Us Part II" verliehen) wäre sicher, wenn man sich mehr Zeit gelassen und bis 2021 gewartet hätte. Aber nach insgesamt drei Verschiebungen, die sogar zu Morddrohungen gegen Mitarbeiter von CDPR geführt hatten, und dem Druck des Marktes wollte man sich nicht mehr Zeit lassen.

Keanu Reeves bei der großen Präsentation 2019, hier auf der Bühne... - © apa, petersen
Keanu Reeves bei der großen Präsentation 2019, hier auf der Bühne... - © apa, petersen

So ist "Cyberpunk 2077" eben erschienen, wie es erschienen ist: Auf einem ordentlichen Gaming-PC zeigen sich nur wenige Schwächen, auf aktuellen Konsolen (PS5, Xbox Series X) gibt es doch einige Probleme, aber auf älteren Systemen ist das Spiel kaum spielbar. Immerhin haben die Entwickler damit bereits Erfahrung, war auch ihr letztes Werk - "The Witcher 3", lange Zeit ein mäßiges Vergnügen, wurde aber stets mit Patches und neuen Inhalten versorgt. Man wird also erst in einigen Monaten wirklich sehen, ob "Cyberpunk 2077" sein Potenzial ausschöpfen konnte.