In Zeiten, in denen Regierungen Ausgangssperren und Lockdowns verhängen, halten sich die Menschen wieder verstärkt in ihren eigenen vier Wänden auf. Auch für Menschen, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, sind moderne Kommunikationstechnologien wie Radio, Fernsehen oder Internet oft die einzige Möglichkeit, Kontakt mit der Außenwelt zu halten.

Endlich einmal durch andere Fenster blicken: Eine App macht das möglich. Für Manche eine nette Abwechslung im Lockdown. - © Sabine Reza
Endlich einmal durch andere Fenster blicken: Eine App macht das möglich. Für Manche eine nette Abwechslung im Lockdown. - © Sabine Reza

Historisch betrachtet ist das ein Fortschritt: Als die Pest im Mittelalter in europäischen Städten wütete, gab es keine solchen Medien. Allein, die x-te Netflix-Serie, der x-te Podcast, der ständige Blick in den Monitor, wo man in der Videokonferenz auf die immergleiche Regalwand des Kollegen starrt, wird mit der Zeit auch dröge. Man sieht nur die Innenwelt und nicht die Außenwelt. Die News auf Facebook oder Videos auf Youtube sind ja auch nur ein sehr kleines Fenster in die Außenwelt, ein winziges Guckloch in die Wirklichkeit. Eskapismus? Schwer möglich. Zum Glück gibt es Werkzeuge, die den coronal verengten Blick weiten - zum Beispiel WindowSwap.

Das Fenster zum Hof?

Wie der Name bereits andeutet, kann man mit der Seite sein Fenster tauschen und in andere Welten eintauchen. Per Mausklick lässt sich durch die virtuelle Fensterscheibe in den Nachthimmel von Harlem blicken, in einen Vorgarten in Florida oder Fensterputzern an einem Hochhaus in Seoul bei der Arbeit zuschauen. Welten, die momentan unerreichbar erscheinen, werden so greifbar, als säße man selbst vor dem Fenster. Im elektronischen Dorf ist Chicago von Teheran nur einen Klick entfernt. Jedes Fenster, das man öffnet, erzählt eine andere Geschichte.

WindowSwap basiert im Grunde auf einer Art informellem Netzwerk: Jeder, der daran teilnehmen möchte, kann ein zehnminütiges Video von seiner Fensterperspektive machen und die mit Ort und Namen versehene Aufnahme hochladen. Per Zufallsgenerator wird dann eine digitale Tour d’Horizon erstellt (kleiner Schönheitsfehler: Die Aufnahmen sind nicht live, sondern aufgezeichnet). WindowSwap wurde von einem Künstlerehepaar in Singapur gegründet, die im Lockdown einen Weg finden wollten, ohne Bewegung zu reisen.

Natürlich gibt es schon seit Jahren Webcams, mit denen man einen Blick auf Strände oder Plätze erhaschen kann. Doch das Interessante am digitalen Fenstertausch ist, dass es das Struktur gebende Prinzip der Determiniertheit im Netz durchbricht: Man steuert nicht gezielt einen Ort an, sondern wird per Zufall katapultiert. An Orte, an die einen kein Algorithmus gelotst hätte. Anders als bei einer Webcam, die einen künstlichen Kontrollblick auf einen Ort erzeugt, den man als Besucher des öffentlichen Raums gar nicht hat, ist der Blick aus dem Fenster ein sehr persönlicher, privater und vor allem realer Blick auf die Umgebung, weil er ja aus der Wohnung heraus entsteht. Es ist so, als würde man selbst dort sitzen und aus dem Fenster lugen. Als wäre man bei jemandem zu Hause zu Gast.

Allein, das Tool bedient keine voyeuristischen Begierden (auch wenn man an einer Katze vor dem Fenstersims natürlich nicht vorbeischauen kann), sondern eine Art Weltfluchtverlangen einer Gesellschaft im Lockdown, die sich nach nichts mehr sehnt, als endlich wieder reisen zu können. Für ein paar Minuten kann man der Monotonie des Alltags entfliehen. Wer braucht schon Airbnb, wenn man sich über Internet in fremde Wohnungen einquartieren kann?

Eigene Ästhetik

Indem das Tool den Blick nicht nach innen, sondern nach außen richtet, kehrt es nicht nur den Kontrollblick um, sondern verleiht den Bildern auch eine ganz eigene Ästhetik: Aufnahmen, die in einem Livestream banal und plump wirken, werden durch die Kontextualisierung zu Kunstwerken, die digital gerahmt werden. Es ist, als würde man durch eine digitale Galerie flanieren, die die Welt in ihrer Schönheit und Widersprüchlichkeit abbildet.

Es gibt auch noch andere Wege, der Einöde zu entfliehen. Zum Beispiel die Random Website Machine, die zufällige Webseiten im Netz auswählt. Klickt man auf den Zufallsgenerator, landet man etwa bei einer Kaffeerösterei in Bogotá oder bei einer Ziegelei in den Pyrenäen. Es wirkt wie eine Zeitreise, als wäre man gerade nicht nur mit einer Raumkapsel an einen anderen Ort der Welt katapultiert worden, sondern in der Zeit des Web 1.0 gelandet, als der Versand von Datenpaketen tatsächlich noch eine Weltreise war.

Man muss nicht immer den algorithmischen Wegweisern folgen. Wer Sehnsucht nach Paris hat, kann beispielsweise auf YouTube Métro-Stationen abfahren oder in 360-Grad-Perspektive mit dem Aufzug auf die Aussichtsplattform des Eiffelturms fahren (genauer gesagt, den Filmer mit seiner Kamera begleiten).