Eine der berühmtesten Reportagen von Max Winter erschien am
4. Februar des Jahres 1902.

Sie beginnt mit folgender Szene: "Während eines Morgenspaziergangs im vorortlichen Wien hatte ich einmal eine merkwürdige Begegnung. Ein Mann ver-schwand vor meinen Augen in einem Einstiegloch des Kanals. Er hob, den kurzen Stiel einer Harke, eines so genannten ‚Heinls‘, als Hebel benützend, das Kanalgitter, stellte es auf, stieg in den Schacht und schloss es wieder, indem er es, mit dem Rücken stützend, langsam niedergleiten ließ. Drunten war er. Durch das Kanalloch sah ich nur noch, dass der Mann unten Licht machte und dann so rasch im Bauch der Straße verschwand, als sich der ganze übrige Vorgang abgespielt hatte. Vom Heben des Gitters bis zum Verschwinden des Lichtes da unten war keine Minute vergangen."

Vielleicht kommt dem einen oder anderen diese Szene bekannt vor. Ein halbes Jahrhundert später kehrt sie in dem Film "Der dritte Mann" wieder und lebt in der Gestalt von "Dritte Mann Touren" für Touristen immer noch weiter.

Die literarische Eindringlichkeit des Bildes, das Winter an den Beginn seiner Reportage stellt, macht verständlich, dass der Feuilletonist Alfred Polgar sehr angetan war, als der erste Sammelband mit Winters "Studien" erschien, wie Polgar die Texte zu nennen beliebte. "Der Journalist", schrieb Polgar in seiner Rezension, "hat sich sozusagen zum Schriftsteller summiert, aus Journalbeiträgen ist ein Buch geworden."

Ein Mann steht vorgebeugt in einer alten Fotografie und blickt in die Kamera. Er trägt einen Anzug und hat einen Schnauzbart. - © VGA – Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung
Max Winter - © VGA – Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung

Und weiter: "Viele haben ihn imitieren wollen. Aber keiner hat die schmucklose Geradheit, die unsentimentale Wärme, die ruhige, so wirksame Sachlichkeit seiner Schilderungen erreicht. Ein Buch, in welchem der Gestank der Tatsachen durch keinen Tropfen literarischen Parfums ästhetisch verfälscht ist."

"Sich belehren lassen"

Max Winter war zu jener Zeit 32 Jahre alt. Geboren 1870 in Budapest, wuchs er ab dem dritten Lebensjahr in Wien auf, wo der Vater als Beamter bei der Staatsbahn solide verdiente und die Mutter als Modistin arbeitete. Der junge Mann hatte also eigentlich gar keinen Grund, sich für das alltägliche Elend in der Hauptstadt der Monarchie zu interessieren und hätte sein Leben durchaus bequemer gestalten können.

Er besuchte das Gymnasium, absolvierte eine Kaufmannslehre, inskribierte einige Fächer an der Universität Wien, ohne einen Abschluss zu machen. 1893 debütierte er dann als Journalist beim "Neuen Wiener Journal", einem antimarxistischen und monarchietreuen Blatt. Doch von dort holte ihn schon bald Viktor Adler in eine ganz andere Welt, nämlich zur sozialistischen "Arbeiter-Zeitung", bei der Winter als Gerichtsreporter zu arbeiten begann.

"Der Strottgang durch die Wiener Kanäle", aus dem die Eingangsszene stammt, zeigt beispielhaft die Arbeitsweise, die Winter im Lauf der Jahre entwickelte und die ihn zum Pionier der Sozialreportage in der deutschsprachigen Welt machte. "Wer war der Mann", fragt sich der Ich-Erzähler in dem Artikel, "und was wollte er da unten in den Kanälen?" Die journalistische Neugierde lässt ihm keine Ruhe, bis er schließlich den "Specklmoritz" auftreibt, der bereit ist, ihn durch die Welt der Kanalstrotter zu führen, "wie in Wien jene Gruppe von armselig lebenden Menschen heißt, die die Schätze der Kanäle heben und damit ihren schweren Erwerb finden, den schwersten wohl, den man sich vorstellen kann."

 

Eine alte schwarzweiß Fotografie, die einen stehenden und einen sitzenden Mann zeigt. Die beiden Männer befinden sich in einem Gewölbe. - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com
Kanalwächter im Wienkanal im Jahr 1904. Fotografie von Hermann Drawe. - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com

Anschaulich beschreibt Winter die körperlichen Qualen, die ihm die Tour unter der Oberfläche der Stadt bereitet, wo man sich nur mit schmerzendem Rücken gebückt fortbewegen kann, "eine harte körperliche Plage, doppelt hart für den Schreibtischmenschen, dem wenig Zeit für körperliche Übung bleibt". Und das alles, um ein paar Münzen, ein bisschen Altmetall oder einige Knochen zum Verkauf an eine Seifenfabrik nach Hause zu bringen. Es ist die Welt der Elendsten der Elenden im kaiserlichen Wien, die sein Führer, der Specklmoritz, mit einfachen Worten charakterisiert: "Da wiss’n dö glücklichen Leut’, die was in Fabriken oder auf an Bau arbeit’n, gar nix davon, von so aner Plag’."

In den darauffolgenden Jahren entstehen zahlreiche faszinierende Reportagen, wie sie bis dahin kaum geschrieben wurden. Hundert Jahre später sehen Soziologen in Winters "Studien", um bei den Worten von Polgar zu bleiben, einen wichtigen Beitrag zur empirischen Sozialforschung. Der Journalist gibt sich als Obdachloser aus und verbringt eine Nacht im Obdachlosenasyl.

Dann wieder protokolliert er als stummer Beobachter das nächtliche Geschehen in einer Polizeiwachstube. An einem anderen Tag fährt er mit der Berufsrettung mit oder erkundet in einem Eiswerk in Kagran die Produktion von Eisblöcken, wie sie in Zeiten vor dem elektrischen Kühlschrank im Haushalt unentbehrlich waren. Er arbeitet als Kulissenschieber im Burgtheater und lässt sich unter falschem Namen in einem Büro anheuern, in dem Kolportageromane in Serie hergestellt werden.

In der Carnegie Hall

In diesen Jahren schuf Winter ein eindringliches Bild vom Wiener Alltag jenseits der gutbürgerlichen Salons.

Und die Grundsätze der journalistischen Arbeit, wie er sie im Jahr 1914 in einem Artikel zusammenfasste, haben kaum an Bedeutung verloren: "Überall eindringen, selber neugierig sein, um die Neugierde anderer befriedigen zu können, alles mit eigenen Augen schauen und was man sich nicht zusammenreimen kann, durch Fragen bei Kundigen herausbekommen, dabei aber nie vergessen, mit welchen persönlichen Interessen der Befragte an die Sache gekettet ist und danach die Antwort einschätzen, werten, anwenden. Nie etwas besser wissen wollen, erst sich belehren lassen durch das Geschaute und Erfragte, Beobachtete und Nachgelesene, dann aber ein eigenes Urteil bilden."

 

Eine schwarzweiß Fotografie einer Familie mit Kindern die an einem Tisch in der Nähe eines Ofens sitzen bzw. liegen. - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com
Eine Wärmestube für Obdachlose im Jahr 1904. Fotografie von Hermann Drawe aus der Serie "Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens". - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com

Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass Winter ein Zeitgenosse von Upton Sinclair war. Der amerikanische Autor, der in den Schlachthöfen von Chicago arbeitete, schrieb über diese Zeit seines Lebens den Roman "Der Dschungel", ein aufrüttelndes Buch, das im Jahr 1905 erschien, vielfach übersetzt wurde und in den USA einen Skandal auslöste.

Wie Sinclair, der sich mit den elenden Zuständen seiner Zeit aus nächster Nähe auseinandergesetzt hatte, konnte sich auch Winter nach dieser Erfahrung bald nicht nur auf das Schreiben alleine beschränken. Er engagiert sich wie Sinclair als Quereinsteiger in der Politik, wird sozialdemokratischer Kandidat für den Reichsrat und für den Wiener Landtag, arbeitet bei den Kinderfreunden mit und treibt den Ausbau von Kinderbibliotheken voran. Er ist maßgeblich an der Gründung der Frauenzeitschrift "Die Unzufriedene" beteiligt, die in den dreißiger Jahren eine Auflage von 160.000 Exemplaren erreicht. Im Jahr 1927 publiziert er sogar unter dem Titel "Die lebende Mumie" einen utopischen Roman, der von einem jungen Soldaten handelt, der nach einem Unfall hundert Jahre im Koma liegt und im Jahr 2025 wieder erwacht. Das Buch berichtet von dem Staunen über eine Welt, in der es keine Kriege gibt, weil im Jahr 1950 die Vereinten Staaten von Europa gegründet wurden, und in der die Menschen nur 36 Stunden in der Woche arbeiten und daher viel Zeit für ihre geistige Entwicklung haben.

Von solchen idealen Zuständen konnte zu Lebzeiten des Max Winter natürlich keine Rede sein. Im Februar des Jahres 1934 trat er eine Reise in die USA an und sprach in der Carnegie Hall, New York, vor dreitausend Zuhörern über die Kampfhandlungen des österreichischen Bürgerkriegs. Dabei bezeichnete er Bundeskanzler Dollfuß als "Arbeitermörder", ein viel beachteter Auftritt, der dazu führte, dass die österreichischen Behörden Winter die Staatsbürgerschaft entzogen.

In den kommenden Jahren versuchte Winter in Hollywood Fuß zu fassen. Er gründete ein Korrespondenzbüro für deutschsprachige Zeitungen, die "Cosmopolitische Korrespondenz", trat als Märchenonkel in Kindergärten auf und erarbeitete Drehbücher für Max Reinhardt und für Charlie Chaplin, die allerdings nie realisiert wurden.

1937 verstarb er nach einer Blinddarmentzündung mittellos in einem Krankenhaus in Hollywood.

Die Überführung der Urne nach Wien wurde noch einmal zu einem Politikum. Zwar hätte der Termin für die Beisetzung geheim bleiben sollen, doch kamen an jenem Tag rund um den Matzleinsdorfer Platz tausende Menschen zusammen und als die Urne schließlich auf den Evangelischen Friedhof am Beginn der Triester Straße gebracht wurde, war ein Großaufgebot der Polizei im Einsatz. Heute erinnert dort ein Ehrengrab an Max Winter.