Daniel Puntas Bernet hat das oft gehört: Die Leute lesen nicht mehr. Vor allem die Jungen können angeblich nur noch Textschnipsel aus dem Internet aufnehmen oder kurze Texte aus einer Gratiszeitung.

Als Redakteur bei der "Neuen Zürcher Zeitung" hat er erlebt, wie Anfang des neuen Jahrtausends die Sparzwänge in den Print-Medien immer drastischer wurden, ein Trend, dem sich dem Anschein nach weltweit keine Zeitung entziehen konnte, und der zur Folge hatte, dass immer weniger Platz für lange, ausgeschriebene Texte zur Verfügung stand.

"Das Bild lenkt ab."

Daniel Puntas Bernet, Reportagen

Doch Puntas glaubte nicht an die Unausweichlichkeit dieses Trends und entwickelte einen erstaunlichen Plan. Fast zwei Jahre suchte er hartnäckig nach Geldgebern, die es ihm möglich machen würden, eine Zeitschrift zu gründen, wie er sie sich vorstellte, eine Zeitschrift, die sich ohne irgendein Beiwerk auf den geschriebenen Text konzentriert, auf die Qualität des Textes. "Dazu brauche ich keine Bilder", sagt er. "Das Bild lenkt ab. Wenn ich ein Magazin durchblättere, dann habe ich zuerst alle Bildtexte und Titel gelesen, bevor ich mich für den Text interessiere."

Man darf sich Puntas allerdings nicht als jemanden vorstellen, der seit Kindertagen in Buchstabenwelten lebt und deswegen den Anschluss an die Gegenwart verpasst hätte. Ganz im Gegenteil. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete in verschiedenen Branchen. "Ich selbst bin erst spät zum Lesen gekommen", erzählt er. "Bis Mitte zwanzig war ich eigentlich ein Nicht-Leser. Erst dann habe ich die Literatur entdeckt." Und da vor allem Non-Fiction: "Bei solchen Texten weiß ich, dass das, wovon die Rede ist, auch wirklich passiert ist."

Aber vielleicht kann einen ja gerade dieser späte Einstieg besonders sensibel machen. Den Blick für die Möglichkeiten eines Genres schärfen. Mit der Gründung der Zeitschrift "Reportagen" im Jahr 2011 hat Puntas auf jeden Fall die Medienwelt überrascht. Vor allem deswegen, weil inzwischen feststeht, dass dieses dem Anschein nach störrisch altmodische Projekt vor allem junge Leute anspricht. Er lacht, wenn er erzählt, dass die Zeitschrift am Kiosk "als das jüngste Produkt gilt", was die Käuferschicht betrifft, ein Befund, der inzwischen auch demoskopisch abgesichert ist: Vierzig Prozent der Leserinnen und Leser sind jünger als 35 Jahre. Auch bei Autorenlesungen, die die Redaktion veranstaltet, sind von dreihundert Besuchern gut 250 in den Zwanzigern.

Mittlerweile werden sechs Mal im Jahr 17.000 Exemplare der "Reportagen" gedruckt, von denen 12.000 an Abonnenten gehen und ungefähr 5.000 frei verkauft werden. Für Anzeigen sind die ersten und die letzten 16 Seiten reserviert, von Seite 18 bis 118 findet sich nur Text. 75 Prozent der Einnahmen kommen von den Abonnenten, 17 Prozent aus der Werbung und sieben Prozent aus dem freien Verkauf. Eine Zeitung, die also vor allem ihren Leserinnen und Lesern verpflichtet ist. "Entweder man liebt das Heft oder man fasst es nicht an", sagt Puntas.

Die Zutaten für eine gute Reportage

Es versteht sich von selbst, dass so ein Projekt mit der Qualität der Texte steht und fällt. Aber worin besteht diese Qualität? Wie kann man sie charakterisieren?

Auf eine solche Frage gibt es keine einfache Antwort. Bedächtig erklärt der Chefredakteur: "Was gut ist, weiß jeder selbst. Man spürt das. Ein guter Text entwickelt eine Sogwirkung."

Aber natürlich kann er nach neun Jahren Erfahrung mit einer so exklusiven Zeitschrift einige Punkte benennen, die Qualität ermöglichen. Damit eine wirklich gute Reportage entstehen kann, sagt er, müsse viel zusammenkommen. Vor allem muss da "ein starker Antrieb sein, genau diese Geschichte zu erzählen". Woraus sich für den Autor auch die Bereitschaft ergibt, längere Zeit mit dem Thema zusammenzuleben.

"Was gut ist, weiß jeder selbst. Man spürt das."

Daniel Puntas Bernet, Reportagen

Zweitens erwartet Puntas von einem guten Autor und einer guten Reportage "Reflexionen zum Thema, die über den Tellerrand hinausgehen". Damit ein Artikel wirklich überzeugen kann, reiche es nicht, bekannte Thesen (oder Vorurteile) zu einem Thema zu reproduzieren und mit anschaulichen Szenen auszuschmücken. Eine interessante gedankliche Verarbeitung des Themas ist für die Qualität des Endprodukts entscheidend.

Dazu kommen selbstverständlich das Engagement vor Ort und die Fähigkeit zu Empathie. "Man muss mit den Menschen reden wollen", sagt er und bringt, wenn er über den guten Reporter spricht, James Bond ins Spiel. Ist der fiktive britische Geheimagent mit der "license to kill" ausgestattet, so operiert der Reporter mit der "license to ask".

Es ist ein Unterschied, ob man einfach nur mit Leuten spricht, oder ob man als Reporter auftritt, der gekommen ist, um Fragen zu stellen und Informationen zu sammeln.

Dazu komme außerdem eine gewisse Portion Glück, weil schöne Anekdoten und überraschende Figuren oft während der Recherche entstehen. Und dann gibt es noch einen Punkt, der Puntas besonders wichtig ist: Demut. Der Reporter müsse Demut vor dem Thema haben, mit dem er sich beschäftigt. "Es gibt Leute, die in erster Linie mit einem brillanten Stil glänzen wollen", sagt er. "Die verglühen schnell."

Ein Abkommen mit den Lesern

Der starke Antrieb, eine gute Geschichte zu erzählen, kann allerdings auch zu gefährlichem Überschwang führen. Dem deutschen Reporter Claas Relotius, der auch einige Beiträge für die "Reportagen" verfasst hat, wurde bekanntlich im Dezember des Jahres 2018 nachgewiesen, dass Teile einer seiner Reportagen reine Fiktion waren. Danach begann die Redaktion des "Spiegel", bei dem Relotius angestellt gewesen war, nachzuprüfen und fand heraus, dass der Reporter "in großem Umfang eigene Geschichten erfunden" hatte.

Eine gute Reportage bewegt sich an der Grenze zur Fiktion, räumt Puntas ein, und an dieser Grenze können sich delikate Probleme ergeben. Die Versuchung, das Recherchierte auszuschmücken, kann groß sein, vor allem, wenn jemand unter dem Druck arbeitet, Erwartungen einer Redaktion zu erfüllen. "Es ist nicht unredlich", betont Puntas, "wenn man die recherchierte Wirklichkeit mit den dramaturgischen Mitteln der Literatur aufbereitet." Aber dabei gehe es ausschließlich um erzähltechnische Mittel.

Aber auf der anderen Seite gibt es einen Punkt, der nicht verhandelbar ist. Es muss eine "Vertrauenskette" geben, die bei den Menschen beginnt, die der Reporter getroffen hat, und die bis zum Leser führt. "Diese Vertrauenskette darf an keiner Stelle unterbrochen werden", sagt er. "Es gibt ein implizites Abkommen zwischen Autor und Lesern, auf das sich alle Seiten verlassen können müssen."

Außerdem handelt es sich bei den Verfehlungen von Relotius um eine Ausnahme in der Reporterwelt. "Der Großteil liefert ehrliche Arbeit", sagt Puntas. Häufiger sei seiner Erfahrung nach der umgekehrte Fall. Da erzählt ein Kollege, was er alles bei den Recherchen erlebt hat, und antwortet auf die Frage, warum diese Details im fertigen Beitrag nicht erwähnt werden, dass er sich nicht sicher gewesen sei, ob man das überhaupt erwähnen dürfe. "So mancher", sagt Puntas, "arbeitet in Wahrheit mit angezogener Handbremse."

"Das unruhige Flackern"

Die meisten liefern also ehrliche Arbeit und dabei entstehen immer wieder Texte, auf die der Chefredakteur besonders stolz ist. Zum Beispiel im aktuellen Heft ein Beitrag des Italieners Marzio G. Mian mit dem Titel "Verführt, verwöhnt, verzockt".

Darin wird die Katastrophe der Ortschaft Campione d’Italia dargestellt. In der italienischen Enklave am Lugano See auf dem Terrain der Schweiz wurde seit 1917 ein Casino betrieben. Die Bewohner des Ortes lebten dank der großen Umsätze schon seit Generationen sehr behaglich.

Dann aber kam der Größenwahn und man beauftragte Stararchitekt Mario Botta, einen neunstöckigen, fensterlosen Neubau zu errichten, "die Fabrik", wie die Einheimischen sagten, das größte Casino Europas, das 2007 eröffnet wurde, in einer Zeit, in der sich der Casinobetrieb immer mehr ins Internet verlagerte. Der Zusammenbruch im Jahr 2018 war furchtbar und riss viele Einwohner jäh aus einem behaglichen Leben in scheinbar unerschütterlichem Wohlstand.

"Nach einer Wanderung am gegenüberliegenden Seeufer habe ich Marzio gefragt, ob der Bankrott von Campione nicht ein Thema wäre", erzählt Puntas, und Mian, der erfahrene Reporter, fand Gefallen an der Idee. Vereinbart war, dass er einen Text in der Länge von 35.000 Zeichen liefern sollte, abgegeben wurden 60.000. Die Übersetzerin, die den Text vom Italienischen ins Deutsche übertragen sollte, war von allem Anfang an begeistert. "Sie hat mir gesagt, dass wir nicht kürzen sollen", erzählt Puntas, "und sie hatte recht."

Fast vier Wochen hatte sich Mian in dem Ort aufgehalten und zahlreiche Gespräche mit Einheimischen geführt, die es ihm erlauben, die Katastrophe aus verschiedenen Perspektiven zu schildern.

Ein Beispiel unter vielen ist Sabrina, mit der er sich bei langen Spaziergängen unterhält. Als Kindergärtnerin hatte sie monatlich fünftausend Franken verdient, eine fantastische Summe, charakteristisch für den alltäglichen Luxus, an den man in Campione noch vor Kurzem gewöhnt war. Nach dem Zusammenbruch verfällt jedoch das Gebäude des Kindergartens und die ehemaligen Mitarbeiterinnen können sich nur mit Mühe und Not über Wasser halten.

Die Art, in der Mian seine Gesprächspartnerin vorstellt, ist charakteristisch für die Atmosphäre seines Textes: "Sie ist 49 Jahre alt und hat zwei erwachsene Kinder, sie hat früh geheiratet, ihre Art ist schlicht, das Gesicht ungeschminkt, glattes, blondes Haar fällt ihr auf die Schultern. Ihre anmutige Heiterkeit täuscht jedoch, denn die gemeinsam verbrachten Stunden haben mich gelehrt, das unruhige Flackern in ihren hellblauen Augen zu erkennen, die Eleganz, mit der sie Spannungen und Gefühlswirren mäßigt, indem sie den Blick mit einem angedeuteten, etwas zittrigen Lächeln abwendet, die Wut und den Groll, ihre Resignation."

"Machen. Einfach machen."

Daniel Puntas Bernet, Reportagen

Eine Reportage von 60.000 Zeichen in einem solchen Stil zu verfassen, lernt man natürlich nicht von heute auf morgen. Wenn er einem Anfänger, der diesen Weg einschlagen möchte, einen Rat geben sollte, dann würde Puntas sagen: "Machen. Einfach machen." Von seinen eigenen Texten wurden zu Beginn viele abgelehnt.

Mittlerweile ist die Zeitschrift "Reportagen" sogar in der Lage, ambitionierte Anfänger in besonderen Fällen mit einem Stipendium zu unterstützen. Es heißt Muhamed-Beganovic-Stipendium und ist nach einem jungen Wiener benannt. "Muhamed Beganovic hat uns sechs oder sieben Exposés angeboten, und wir haben alle ablehnen müssen. Aber wir waren beeindruckt von seiner Hartnäckigkeit und haben ihm schließlich einen Zuschuss gegeben, damit er an einem Projekt arbeiten konnte, unabhängig davon, ob wir den fertigen Text dann drucken oder nicht."

Ein Mann im mittleren Alter mit einem karierten Hemd blickt lächelnd in die Kamera - © Reportagen
Daniel Puntas, Gründer der Reportagen. - © Reportagen

Seit damals gibt es dieses Stipendium, und es passt ganz gut zu einer Zeitschrift, die auf ihre altmodische Art vor allem ein junges Publikum anspricht und damit dem Geschriebenen einen neuen Weg zeigt, unabhängig von allen Klagen über einen kulturellen Verfall, den es vielleicht gar nicht gibt.