Ein Montagabend in der Talk-App Clubhouse liest sich wie folgt: "Junge Wirtschaft Live #1" mit Elli Köstinger als Stargast, "Populäre Kräuter für Räucherungen - Basteln Sie Ihre eigenen Rächerstäbchen", "Money Monday: How to create multiple Income Streams", "Do I need to freeze my eggs", "HKR 2021 / Kitzbühel - Ein Rückblick" oder einem "Experten Talk: Medien, Journalismus & Clubhouse".

Man will nichts verpassen

Die schiere Masse an Themen und Gesprächsräumen erschlägt zunächst. Doch der wackere Zuhörer will ja nichts verpassen, wird der neuen App doch eine glorreiche Zukunft prophezeit. Und so betritt man einen Raum nach dem anderen und wird Zeuge, wie Hype, Netzwerke und Corona eine seltsame Mischung zu Tage fördern. Eigentlich ist es unglaublich, wie viel es zu diskutieren gibt.

Wie die Zeit verfliegt, wenn Moderatoren einen Zuhörer nach dem anderen auf die Bühne holen, um sie oder ihn ein Statement abgeben oder eine Frage stellen zu lassen. Nebenbei Kochen, Artikel tippen, Stricken, begeistert teilnehmen oder sich fragen, was mache ich denn eigentlich hier? Nach den ersten paar Tagen in Clubhouse wird klar, dass es gewaltige Qualitätsunterschiede auf der Plattform gibt. Ein gutes Moderatorenteam und eine gute Mischung am Podium ist eine Freude für das Ohr und den Geist. Selbstbeweihräuchernde Sprücheklopfer mit polierter Oberflächlichkeit und großem Ego sind es nicht. Wie im echten Leben eben. Will man es positiv sehen, so kann nun jeder netzwerken und sich in Diskussionen einbringen. Wer das Negative sucht, wird noch schneller fündig, wird man doch von einer unendlichen Masse von Verkäufern und Blendern niedergeredet. Wie mache ich Geld, wie macht mein Start-up Gewinn, in welche Kryptowährungen sollte man schnell investieren, Selbstoptimierung, Verbesserungen für mehr Erfolg und Leadership. Nun gut. Andere Räume, es wird Musik gehört und gemeinsam getanzt.

Vermutlich wird sich hier bald jemand über Urheberrechtsverletzung mokieren. In einem anderen Raum eskaliert die Situation und endet in einer - wenn auch in wunderbarem britischen Akzent vorgetragenen - Schimpftirade. Während Facebook, Twitter und Co. sich derzeit in der Aufarbeitung ihrer dunklen Flecken üben und über Meinungsfreiheit geredet wird, steht man bei Clubhouse noch am Anfang. Auch der Datenschutz ist noch nicht so das große Thema. Eine Gefahrenquelle vor allem für Menschen, die mit ihrem Diensthandy teilnehmen. Zudem sind Datenschützer nicht erfreut, dass die Clubhouse-Gespräche temporär aufgezeichnet werden. Die Betreiber begründen das damit, auf diese Weise schnell auf Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen reagieren zu können.

Ein kurzer Hype?

Der Hype hilft mit: Man will dabei sein, solange es noch exklusiv ist. Man hofft auf Stars, Sternchen und Experten, denen man lauschen kann. Hochrangige Keynotespeaker umsonst und zuhause im Wohnzimmer sozusagen.

Nun ja, es sind ein paar vorhanden, aber noch nicht allzu viele. Man zeigt, dass man dabei ist, aber noch ist kein Geld zu verdienen, daher zeigt man sich, aber nicht viel mehr. Doch die Gründer von Clubhouse sind schon in der nächsten Stufe. Bald werden auch Android-Nutzer beitreten können. In den nächsten Monaten will die App "erste Tests" zur Monetarisierung starten. Von Spenden, Tickets und Abonnements ist die Rede. Über das Ticketing sollen Veranstalter angesprochen werden, die man auf die Plattform bringen will, um virtuelle Events abzuhalten. Mit Spenden, die man von anderen Social-Media-Kanälen oder Patreon gut kennt, sollen auch neue Schöpfer von Inhalten angesprochen werden. Immerhin würde man so auch bekannte Gesichter von YouTube oder TikTok "abwerben" können. Also dreht es sich ums Geldverdienen. Die digitale Agora kann nur bestehen, wenn auch wer bezahlen will. Aber solange man noch nichts zahlen muss, ist es wenigstens eine neue Ablenkung und Abwechslung. Die Augen gehören nach einem Tag am Rechner ja auch einmal entspannt. Die Ohren halten noch einiges aus. Noch ein Netzwerk, dem man an den Tagesrandzeiten Aufmerksamkeit und Präsenz widmen muss? Twitter zum Hören, mit Pseudo-Exklusivität? Es gibt keinen privaten Raum mit tausenden Zuhörern. Schön geordnet im deutschsprachigen oder wilder und chaotischer im anglo-amerikanischen Raum?

Am Ende eines verlängerten Clubhouse-Wochenendes geht man in einen Raum der Stille. Man dreht sein Mikrofon ab und behält seine Gedanken für sich und reflektiert über das Gehörte. Man fragt sich, ob uns wirklich schon so langweilig ist. Was bleibt vom Hype übrig. Will man wirklich dafür zahlen? Ob man irgendwann nicht mehr hören und gehört werden will vor allem, wenn es eigentlich nichts Neues gibt?