Wir sind umgeben von Algorithmen. Sie sind immer und überall und wir handeln danach. Die meisten Menschen denken bei dem Wort an Software, Computer und Suchmaschinen, doch jeder, der Palatschinken kocht, handelt nach einem Algorithmus, dem Kochrezept. Auch ein Gesetzestext ist eine schriftliche Form eines Algorithmus, der eine bestimmte Abfolge von Regeln und Maßnahmen definiert. Doch erst mit der wachsenden Intransparenz und der schieren Menge an Algorithmen, die es den Menschen nicht mehr möglich machen, sie zu kontrollieren, wird das Thema kritischer hinterfragt.

Werden Algorithmen bald unser Verhalten voraussehen und uns in eine bestimmte Richtung lenken? Oder gar Wahlen mehr und mehr beeinflussen? Wie viel Freiheit wir an Algorithmen abgeben wollen und wie wir sie bändigen können, war Thema der Online-Diskussion der "Future Ethics"-Reihe der "Wiener Zeitung" im Albert-Schweitzer-Haus in Wien.

Diese Fragen diskutierten Günther Ogris, Managing Partner und Scientific Director am Sora Institut, Astrid Mager vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Hannes Werthner, emeritierter Professor für Informatik an der TU Wien und Begründer der Initiative "Digital Humanism". "Wiener Zeitung"-Chefredakteur Walter Hämmerle moderierte die Diskussion.

"Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsanweisung zum Lösen von Aufgaben. Den Vorteil sehen wir in der Corona-Krise. Wenn wir keine Algorithmen hätten, gebe es diese Veranstaltung nicht und Forschung ist ohne Informatik nicht möglich", eröffnete Hannes Werthner die Runde. Auch für Astrid Mager hat die Corona-Krise Auswirkungen in diesem Bereich: "Der Bias (die Voreingenommenheit, Anm. d. Red.) des AMS-Algorithmus, Datenschutzfragen bei der "Stopp Corona"-App und auch demokratiepolitische Fragen zeigen sich in der Krise, die wie ein Brennglas funktioniert und die Probleme aufzeigt, die es vorher schon gab."

"Einen Großteil der Algorithmen, die wir nutzen, kennen wir. Ampeln werden geschaltet nach einem Algorithmus. Es gibt zwar keine Studien zum Bewusstsein von Algorithmen. Aber ein gutes Bewusstsein über Algorithmen haben wir in der Bevölkerung nicht", ergänzt Günther Ogris. Und genau dieses Verständnis bräuchte es aber, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Politik.

Alle Diskutanten sind sich einig, dass es in diesem Bereich um soziotechnische Probleme geht. Nicht der Algorithmus ist schuld, sondern verzerrte Daten, die dahinter liegen, oder Zielvorstellungen, die einen wertneutralen Algorithmus unmöglich machen. Und natürlich auch das politische Umfeld und wirtschaftliche Überlegungen. "Man muss über die Ziele im Algorithmus diskutieren und es braucht eine gute Kenntnis, was evidenzbasierte Politik betrifft", so Ogris. Für Mager war die Datenschutzgrundverordnung ein erster wichtiger Schritt, doch "nun braucht es jemanden, der diese Gesetze umsetzt. Es braucht Durchsetzungsbehörden" und diese müssten auch entsprechend ausgestattet sein. Werther zeichnete ein Zukunftsszenario: "Google, Amazon und Apple sind bereits so mächtig, dass sie unausweichlich sind, wir sind alle auf sie angewiesen. Letztendlich wird es zur Zerschlagung kommen."

Neustart der digitalen Welt

"Wie kann die Politik steuernd eingreifen?", fragte Hämmerle und der Grundtenor lautete: "Durchsetzen gewisser Grundrechte von Menschen" (Ogris), "mehr Geld für ein interdisziplinäres Forschungszentrum" (Werthner) und Satisfaktionsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und ein politischer Wille" (Mager).

Auf die Frage, ob es die Politik auch schaffen wird und ob ein Neustart der digitalen Welt möglich ist, gaben sich alle drei Diskutanten sehr optimistisch. Man sei auf dem richtigen Weg, die Corona-Krise habe Digitalisierung und Fragen ins Bewusstsein gebracht und auch die Politik will die Lücken schließen. Es scheint nun eine Möglichkeit zu sein, diese Herausforderungen zu lösen. Und so endete diese Diskussion mit einem Optimismus, den man in diesen Zeiten schon lange nicht mehr erlebt hat.