Die Wiener Zeitung bietet viele unterschiedliche, journalistische Facetten. Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Arbeitswelten geben. Wie funktionieren, wie arbeiten Journalistinnen und Journalisten in den Zeitreisen und Online? Wo liegen die Unterschiede und welche Arbeitsweisen verlangen diese Produkte.

Andrea Reisner über ihre Arbeit und den Alltag bei den Zeitreisen:

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Zu den "Zeitreisen"
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Als ich vor 14 Jahren das erste Mal das Zeitreisenzimmer in der Redaktion der "Wiener Zeitung" betrat, bot sich folgendes Bild: Ein kleiner Raum voller Papierstapel, teils meterhoch. Von einem Wandbrett quollen Korrekturfahnen, Briefe, Zeitungen, die an allen Seiten herabhingen. Ganz oben auf einem Wust klemmte, gut sichtbar, das historische Bild einer Lawine. Daneben alte Lexika, gespickt mit Lesezeichen. Man sah es gleich: Hier standen keine Folianten zur Zierde in den Regalen, sondern zerlesene Bände. Hier wurde mit Geschichte gearbeitet.

Zwischen dem Papier waren hie und da kleine Kuriositäten zu entdecken. Eine Kette bunter Filztiere baumelte von der Decke. Eine Walnuss kullerte auf dem Schreibtisch herum. Was es mit diesen Dingen auf sich hatte, wusste ich noch nicht. Aber es gefiel mir in diesem Zimmer.

Der eigentliche Schatz kam aus schmucklosen weißen Kästen zum Vorschein: Alte Zeitungsbände – eine kleine Auswahl aus dem Archiv der "Wiener Zeitung", wie mir Zeitreisenschreiber Alfred Schiemer damals erklärte – in verschiedensten Formaten. Von in Leder gebundenen Jahrgängen im sogenannten Gebetbüchelformat, fast dicker als breit, bis hin zu unhandlichen Riesen-Exemplaren aus 1848, die man kaum stemmen konnte.

Diese Bände waren und sind die wichtigste und wertvollste Quelle, aus der die Zeitreisen ihre Themen schöpfen. Das hat sich in den zwei Jahrzehnten, seit es das Geschichtsfeuilleton nun gibt, nicht geändert, auch wenn inzwischen die meisten historischen Jahrgänge unseres Blattes auf der Online-Plattform ANNO verfügbar sind – ein Angebot der Österreichischen Nationalbibliothek, das vom Zeitreisenteam intensiv genutzt wird.

Und dennoch: Eintauchen in eine vergangene Ära lässt es sich am besten, indem man einen Zeitungsband aufschlägt und blättert. Sich festliest. Und abschweift. Sich verzettelt. Und so zu einem lebendigen Bild einer für uns nicht mehr greifbaren Epoche kommt. Volltextsuche, also die Möglichkeit, digital nach bestimmten Worten oder Phrasen zu fahnden, hilft enorm, wenn man konkrete Fragen hat. Aber sie funktioniert nicht zwischen den Zeilen und genau dort verstecken sich oft die wichtigsten Informationen, besonders bei Zeitungen der Zensur-Ära.

Damit zur zweiten Hauptquelle des Geschichtsfeuilletons: Die Leserinnen und Leser beliefern die Zeitreisen seit Anbeginn mit Stoff und sorgen mit ihrem Engagement für Staunen. Jede Nummer beinhaltet Fragen, die sogenannten Nüsse. Die Recherchen dazu kommen inzwischen zum Großteil via E-Mail, aber auch per Post (oft handgeschrieben). Manche umfassen wenige Worte, andere -zig Seiten. So sind auch die Stapel zu erklären, die sich im Zeitreisenzimmer türmten (mittlerweile, nach mehreren Übersiedlungen, sind sie in zusätzliche Kästen gewandert).

Auch Überraschungen purzeln manchmal aus den Kuverts. Etwa ein handgemaltes Bildchen oder ein Lesezeichen mit aufgesticktem "Zeitreisen"-Schriftzug. Bei der erwähnten Kette mit Tiermotiven handelt es sich übrigens um chinesische Sternzeichen, die eine sinophile Leserin dem Geschichtsfeuilleton zukommen ließ, lange bevor ich Zeitreisenredakteurin wurde. Der Talisman baumelt vor mir von der Decke, während ich diese Zeilen schreibe, und bringt immer noch Glück.

Gregor Kucera über den Online-Journalismus in der Wiener Zeitung:

Böse Zungen behaupten ja, dass man in einer Online-Redaktion im Vergleich zu den Kollegen aus Print oder Rundfunk in Hundejahren altert. Der Wettlauf um Aktualität, der Druck, stets neue Meldungen auf der Webseite zu haben und die vielfältige Welt der sozialen Netzwerke, die befüllt und beachtet werden wollen, hinterlassen Spuren.

Doch der Online-Journalismus hat sich gewandelt. Seit die Wiener Zeitung, als eines der ersten deutschsprachigen Medien 1995 auch online ging, gilt Schnelligkeit zwar immer noch als ein wesentliches Kriterium, doch bei Weitem nicht mehr als das einzige. Seit 1998 dreht sich bei mir alles um Internet, Innovationen, die IT-Branche, Computerspiele und vieles mehr. So wie sich die großen Konzerne wie Google, Amazon, Microsoft oder Apple wandelten, so wuchs auch das Themenfeld an. Netzpolitische Fragen, Datenschutz oder die Zukunft von Künstlicher Intelligenz und Algorithmen machen die Arbeit in diesem Feld jeden Tag abwechslungsreich. Die neuen Kennzahlen im Onlinejournalismus sind Verweildauer - also wie lange die Nutzer auf der Webseite bleiben, was auch erklärt, warum Videos, Podcasts und aufwändige Grafiken verstärkt in das Nachrichtenangebot eingebettet werden.

Die Recherche erfolgt heute zunehmend im Netz. Das ist auch der Grenzenlosigkeit der digitalen Welt geschuldet. Eine Entwicklung startet in den USA und ist innerhalb weniger Sekunden auch schon in Europa auf den Nachrichtenwebseiten oder einschlägigen Blogs. Newsfeeds, Blogeinträge, soziale Netzwerke und Foren ergänzen somit die klassischen Agenturmeldungen, Presseaussendungen und Pressekonferenzen. Und somit beginnt ein Tag auch meist mit dem Durchforsten bekannter und vertrauenswürdiger Quellen und einem Springen von Link zu Link, bis man möglichst nahe an der Quelle der Nachricht ist. Der Browser stets mit unendlich vielen geöffneten Tabs und die Kunst des Querlesens und des Auffindens der Querverlinkungen perfektioniert.

In Zeiten von Corona finden die bekannten großen IT-Veranstaltungen als reine Onlinestreams statt und zeigen, wie es in Zukunft aussehen könnte. Videos, Podcasts und Multimedia werden nicht mehr nur als Informationsquellen genutzt, sondern werden Teil der eigenen Arbeit. Die Innovationsschraube dreht sich weiter.

Daten und ihre Auswertung und grafische Aufbereitung wollen ebenfalls neuentdeckt und genutzt werden. Gerade im Homeoffice sind die Online-Schulungen und Weiterbildungen in diesem Bereich nicht nur willkommene Abwechslung, sondern auch notwendig, um zu sehen, was man selbst noch alles erledigen kann und wo es eines Teams bedarf. Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass eine umfangreiche Online-Geschichte nur das Werk eines Teams sein kann. Zu viele unterschiedliche Tools und Fähigkeiten sind gefragt. Genau hier setzen dann aber auch immer neue Tools an. Interaktive Grafiken und Landkarten können über eine Art Baukastensystem erstellt werden. Als Journalist stellt man die bereinigten und überprüften Datensätze bereit, ein Tool erstellt die passende Grafik dazu. Es wird somit immer wichtiger, dass man weiß, welche Personen beziehungsweise welche Tools bei der Umsetzung eines Artikels helfen können. Nicht selbst programmieren, aber wissen, was man programmieren lassen kann, lautet die Devise.

Das Leben in der (Online-)Redaktion ist somit auch immer eines des steten Lernens, Ausprobierens, Scheiterns und Neuentdeckens.