Die einen sind vielleicht Pioniere in der medizinischen Forschung. Die anderen sind vielleicht Pioniere in der Quantenphysik. Und dann gab es Larry Flynt. Der war Pionier darin, weibliche Genitalien ohne verschleierndes Beiwerk auflagenstark in schmuddeligen Magazinen abzudrucken. In Milos Formans Film "The People vs. Larry Flynt" gibt es eine einprägsame Szene, in der der Nachtclubbesitzer und Verleger auf diese gewinnbringende Idee kommt. Trotz der widerwärtigen Objektifizierung der Frau empfindet man unwillkürlich eine Art Sympathie für den Enthusiasmus, mit dem Flynt sehenden Auges in weitreichende Schwierigkeiten läuft.

Das kann natürlich an der Darstellung von Woody Harrelson liegen, aber Larry Flynt selbst war ziemlich begeistert von dem Film. Er hat auch einen Mini-Auftritt als Richter darin und verurteilt sich quasi selbst. Und das passte, denn wenn Flynt eins noch war außer Pionier, dann ein streitbarer Mann. Mit keinerlei Berührungsängsten vor den Gerichten der Vereinigten Staaten. Unzählige Male stand er wegen Obszönität vor Gericht, er landete auch kurz im Gefängnis. Wegen Verbreitung von Pornografie wurde er 1977 zu 25 Jahren hinter Gittern verurteilt, ein Berufungsgericht hob das Urteil aber wieder auf. Flynt berief sich immer auf die Meinungsfreiheit und wehrte sich aus seiner Perspektive her gegen Zensur.

Ein Prospekt macht Karriere

Larry Flynts Geschäft waren nackte Tatsachen, das Bild zeigt eine Tänzerin in einem seiner "Hustler"-Clubs.  - © APA / AFP / JOEL SAGET
Larry Flynts Geschäft waren nackte Tatsachen, das Bild zeigt eine Tänzerin in einem seiner "Hustler"-Clubs.  - © APA / AFP / JOEL SAGET

Geboren wurde Flynt 1942 in Kentucky, im laut seinen eigenen Aussagen "ärmsten County". Mit Reichtum war auch seine Familie nicht gesegnet, ganz im Gegenteil. Mit 15 schrieb er sich mit gefälschter Geburtsurkunde beim Militär ein, später war er auch bei der Navy. Erst 1965 fand er seine Berufung, als er die Bar seiner Mutter übernahm. Wenig später eröffnete er den ersten "Hustler Club", eine Bar, in der die Kellnerinnen nackt waren. Mit diesen Etablissements, die er auf mehrere Bundesstaaten ausweitete, machte er schließlich bis zu 500 Mal mehr Profit als mit der "normalen" Bar. Anfang der 70er schlitterte die USA aber in die Rezession und auch Flynt spürte das in seinen Clubs. Da kam er auf die Idee, den Werbeprospekt für die Lokale auszubauen – das Personal für einschlägige Fotos war ja reichlich vorhanden. "Hustler" kann auf Deutsch übersetzt werden als Prostituierte, aber auch als Schwindler. Zumindest Letzteres kann man als unzutreffend betrachten, direkter als der "Hustler" zeigte damals niemand die Wahrheit über die weibliche Physiologie – außer vielleicht gynäkologische Fachpublikationen: Flynt brachte die ersten sogenannten Pink Shots und hob sich dadurch von der Konkurrenz etwa durch Hugh Hefners "Playboy" ab.

Aber den wahren Auflagenkracher bescherte ihm eine andere Freizügigkeit: Ein Paparazzo bot ihm Fotos von Jacqueline Kennedy Onassis, die nackt sonnenbadete, an und Flynt griff beherzt zu. Das machte ihn zum Millionär.

Gelähmt seit Attentat

Nicht nur Gerichtsprozesse waren der Preis, den Flynt für die aus seiner Sicht hyperliberalen Ansichten zahlte: 1978 wurde er auf der Straße angeschossen und blieb von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Tat gestand später ein rassenfanatischer Serienkiller, den eine Pornostrecke eines weiß/schwarzen Paares erzürnt hatte. Flynt hatte nach dem Attentat noch CIA und FBI verdächtigt, wegen Artikel über das Kennedy-Attentat.

Larry Flynts politische Seite: Er war ein selbst ernannter Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen konservative Strömungen, in der Washington Post bot er tatsächlich 10 Millionen Dollar an für Informationen an, die sich gegen Donald Trump richteten. - © APA / AFP I SAUL LOEB
Larry Flynts politische Seite: Er war ein selbst ernannter Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen konservative Strömungen, in der Washington Post bot er tatsächlich 10 Millionen Dollar an für Informationen an, die sich gegen Donald Trump richteten. - © APA / AFP I SAUL LOEB

Für besondere Anlässe fuhr Flynt mit seinem vergoldeten Rollstuhl auf. Zum Beispiel, wenn er sich in der Politik engagierte. Vor einigen Jahren forderte er staatliche Förderungen für die Pornoindustrie mit diesem Argument: "Es ist Zeit für den Kongress, den sexuellen Appetit Amerikas wieder aufzufrischen." Angesichts der Wirtschaftskrise seien die Amerikaner zu depressiv, um sexuell aktiv zu sein.

Er wollte nicht nur statt Ronald Reagan Präsident werden, sondern auch Gouverneur von Kalifornien – da unterlag er einer anderen Showbusiness-Persönlichkeit: Arnold Schwarzenegger. Aber er bekam immerhin mehr Stimmen als Erwachsenenfilmstar Mary Carey.

Vor vier Jahren setzte er eine 10-Millionen-Dollar-Belohnung für Beweise, die zu einer Amtsenthebung Donald Trumps führen würden, aus. Dass es zu dieser vielleicht nun noch kommen könnte, wird Larry Flynt nicht mehr erleben. Die so schillernde wie umstrittene Erscheinung der Popkultur ist mit 78 Jahren am Mittwoch gestorben.