Mit "Wetten, dass..?" verbinden viele Menschen vor allem eines: Erinnerungen. Erinnerungen an früher, als die Zeiten noch besser waren. Als das Fernsehen noch besser war (die guten Teile verblassen ja bekanntlich langsamer als die schlechten). Und als Moderatoren noch für zu groß karierte Sakkos gescholten, aber für Altherren-Witze mit US-Starlets belobigt wurden. "Wetten, dass..?" ist für eine ganze Generation, die heute in der Mitte des Lebens steht, vor allem eines: Kindheitserinnerung. Wie Florian Illies in seinem prägenden Nullerjahre-Buch "Generation Golf" nostalgisch schreibt: "Die heile Kinderwelt der 80er Jahre, in denen man im Kapuzenbademantel "Wetten, dass..?" gucken durfte. Niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun."

"Wetten, dass..?", das war einmal Europas größte Fernsehshow. Diesen Sonntag vor 40 Jahren ging die erste Ausgabe der ZDF-Sendung in Düsseldorf über die Bühne. Damit fiel der Startschuss für eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, die bisher 215 Ausgaben und vier Moderatorenwechsel andauerte. Zwar wurde die Show 2014 nach drei harten Jahren mit dem dafür einfach nicht geeigneten Markus Lanz als Moderator eingestellt. Aber schon im Herbst 2020 wollte man die Show zum 70. Geburtstag von Moderatorenlegende Thomas Gottschalk wieder ins Programm heben. Corona machte da noch einen Strich durch die Rechnung - das Revival wurde auf Herbst 2021 verschoben.

Vorerst freilich einmalig. Wenngleich man sicher sein darf, dass das für das ZDF mehr Probeballon als Geburtstagsgeschenk sein dürfte. Denn das lineare Fernsehen hat in Europa in Zeiten der Dominanz des Streamings bekanntlich nur zwei Chancen: lokalen Content und Live-Shows. Und die schlechten Quoten von damals, die zur Einstellung führten, wären für das ZDF im heutigen Umfeld ein glatter Triumph. Warum also nicht den Oldtimer aus der Garage holen und noch ein paar Quoten damit einfahren? Gottschalk steht bereit und ist mit seinem Publikum gealtert. Und diese Menschen wollen wirklich noch lineares Fernsehen.

Eine schlaflose Nacht

Doch zurück ins Jahr 1981. Als Frank Elstner angeblich (so will es die Legende) in einer schlaflosen Nacht "Wetten, dass..?" erfand, wollte er eine Samstagabendshow, über die die Leute noch am Montag sprachen. Als der Vorspann mit seiner Disco-Musik zu ersten Mal erklang und die Zuschauer telefonisch über ein obskures System namens Teledialog ("TED") Tipps abgeben konnten, war noch nicht klar, dass hier in den kommenden Jahren viele Momente Fernsehgeschichte geschrieben werden sollten. In der dritten Ausgabe im Mai 1981 legte Karlheinz Böhm den Grundstein für seine Äthiopienhilfe. Er wettete, dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schillinge für Notleidende in der Sahelzone spende - und gewann. Er stiftete damit eine Tradition des karitativen Wettens, bei der viele Prominente nachzogen.

Gefühlt jede zweite Sendung kam nicht ohne einen Bagger oder einen Lkw aus. Die Außenwetten wurden immer aufwendiger, das Überziehen der Sendezeit immer maßloser. Einsamer Rekordhalter hierbei ist immer noch Thomas Gottschalk mit satten 73 Minuten.

Es ist retrospektiv erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln in der Sendung Skandälchen gezimmert werden konnte. So gelang es 1988 einem Satiremagazin, einen "Kandidaten" einzuschleusen, der vorgab, "Buntstifte am Geschmack" erkennen zu können. In Wahrheit schaute er unter der nicht ganz ideal sitzenden Augenabdeckung durch. Dass es dem ZDF nicht in den Sinn gekommen war, vorher zu überprüfen, ob andersfarbige Buntstifte überhaupt anders schmecken, zeugte von einer gewissen ungesunden Selbstsicherheit.

Wie auch immer, für Gesprächsstoff war gesorgt. Als 1998 der für seine Ruppigkeit bekannte Fernsehstar Götz George Gottschalk rüde zurechtwies, weil dieser sich schlecht über seinen neuen Film informiert hatte, war das am Montag immer noch Tagesgespräch. Karl Lagerfeld nahm ebenso auf der Wettcouch Platz wie Mickey Rourke (rauchte live auf Sendung), Tina Turner, Madonna oder Michail Gorbatschow. Papst Johannes Paul II. wurde zwar vom ZDF eingeladen, sagte jedoch dankend ab.

Der Flieger wartet

Gerade bei den Gästen aus den USA, die nur da waren, um ihre neuesten Filme oder Songs zu promoten, sprach sich herum, dass man stundenlang herumsitzen musste, ohne etwas zu verstehen. Es ist nicht ganz klar, wer den Trick erfand, aber immer mehr Gäste mussten dann nach ihrem Auftritt "leider, leider" gleich "zum Flieger". Popstar Robbie Williams sagte dazu der "Welt", er sei stets gerne in die Show gekommen: "Ich will nur nicht drei Stunden auf diesem Sofa sitzen. Meine Ausrede war immer: Mein Flugzeug wartet draußen auf mich." Williams wusste, wovon er redete: Immerhin war er auch im November 2012 in jener Sendung zu Gast, in der sich Hollywood-Star Tom Hanks eine Katzenmütze aufsetzen musste - warum auch immer. Auch das Genre "wir lassen Stars deutsche Worte sagen, weil das ist ja so lustig haha" war eine Erfindung dieser Show.

An die 885. Wette erinnern sich vermutlich die meisten Zuschauer. Samuel Koch wollte am 4. Dezember 2010 mit sogenannten "Powerjumpern" (gefederte Stiefel) über fahrende Autos springen. Bei einem missglückten Salto brach er sich den Rücken und blieb gelähmt. Besonders tragisch: Sein eigener Vater fuhr das Auto, das den Sprung auslöste.

Die Sendung wurde abgebrochen. In der danach folgenden Show erklärte Moderator Thomas Gottschalk überraschend seinen Rücktritt. Es liege "ein Schatten auf der Sendung" und er könne nicht "zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie zu Recht von mir erwarten". Es dauerte mehr als ein Jahr, bis ein neuer Moderator gefunden wurde. Hape Kerkeling und Jörg Pilawa sagten öffentlich ab. Markus Lanz bekam das Image des braven Notnagels nie wieder weg.

Dass "Wetten, dass..?" in einer modernisierten Form eine Chance hätte, liegt auf der Hand. Sofern es Corona wieder zulässt, dass sich mehr als eine Handvoll Menschen treffen. Als Saalwette würde sich eine thematische Wette anbieten: Hundert Impfungen in drei Minuten.