Es war einer der prägendsten Filme Anfang der Achtzigerjahre: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" war ein naturalistisches Schocker-Drama, das den Absturz seiner Protagonistin Christiane F., selbst noch fast ein Kind, in bestem Technicolor auf Celluloid bannte. Ein Film, der klarmachte: Das mit dem Heroin ist nicht "cool": Es lässt destruktive Kräfte frei, die Du nicht mehr beherrschen kannst, auch wenn Du das vorher noch glaubst.

Ein Film wie ein Manifest also: dreckig, krass, realistisch. Wie passt dieser derbe Naturalismus, der den blubbernden Drogenlöffel und den Schuss am schmierigen Bahnhofsklo zeigt, in das Hochglanz-Environment, das sich das Streaming-TV geschaffen hat? Wo sich kein gnädiger Schleier des SD über die Szenerie legt. Bestes 4k lässt hier keinen Spielraum für Andeutungen. Die Adaption des umstrittenen Bestsellers durch Amazon Prime Video spielt zwar vom Setting her Ende der 70er, ist aber für heutiges Publikum aufpoliert. Hinter der zunächst hippen Fassade verbirgt sich jedoch eine tiefer greifende Aufarbeitung des Stoffes. Seit Freitag kann man das Epos in acht Folgen zu einer Stunde auf Amazon Prime erleben.

Alte Kassetten als Quelle

Das erlaubt natürlich einen viel genaueren Blick auf die Situation als der Film. Vielmehr orientiert sich die Produktion am Buch und an den Originalkassetten, die die Autoren Kai Hermann und Horst Rieck mit der jungen Christiane F. damals im Rahmen der Interviews besprochen haben. Nur ein Bruchteil schaffte es in das Buch und in Uli Edels Film. Die Produzenten Oliver Berben und Sophie von Uslar, Drehbuchchefin Annette Hess und Regisseur Philipp Kadelbach konnten daher aus dem Vollen schöpfen. Es wird nicht durchgezappt, sondern jeder Schritt bedächtig gezeigt. Der Fall von Christiane F., die zum Entsetzen ihres Umfelds immer tiefer in die Suchtprostitution fällt, wird so noch unerbittlicher und nähergehend erzählt.

Der Cast ist großteils wenig bekannt. Alles dreht sich um die österreichisch-australische Schauspielerin Jana McKinnon, die die Christiane F. authentisch-zögerlich verkörpert. Regisseur Kadelbach nimmt sich die Zeit, die einzelnen Charaktere einzuführen, verfolgt das Zusammenfinden der Gruppe, schält die sich einschleichende Dynamik des zunehmenden Drogenkonsums heraus und macht klar: "Nur mal probieren" oder "Ich hab das unter Kontrolle" sind leere Phrasen. Und so manövrieren sich die eigentlich verantwortungsvolle Stella (resolut: Lena Urzendowsky) die dünnhäutige Babsi (traurig: Lea Drinda), der naive Benno (verträumt: Michelangelo Fortuzzi), der charmante Axel (Jeremias Meyer) und der hoffnungslos in Benno verliebte Michi (Bruno Alexander) sukzessive in den Abgrund.

Der Bahnhof selbst hat in der ersten Folge noch eine kleine Rolle. Christiane kauft sich als 13-Jährige dort eine Packung Zigaretten, deren Namen sie nicht einmal kennt. Sie will im Raucherhof mit dabei sein. Noch ahnt sie nicht, dass die dunklen Gänge in wenigen Wochen jener Ort sein werden, wo sie am Babystrich Geld für ihre Heroinsucht verdienen wird. Als zweiter Schauplatz dient die Disco "Sound", in der die Jugendlichen erst im Triprausch schweben und deren Toiletten dann zum Fixen verwendet werden.

Dass die Ästhetik der Produktion zwar an den späten 70ern angelehnt ist, sich aber auf der Soundebene nicht zeitlich verorten lässt, war eine bewusste Entscheidung, wie Kadelbach erklärte: "Wir wollten eine Distanz aufbauen, uns von einer bestimmten Epoche frei machen und eintauchen in eine Zeitlosigkeit." Die ruhige Indiemusik muss man freilich mögen.