Nicht erst seit Corona ist bekannt, dass Soziale Netzwerke und viele "kostenlose" Spiele und Apps Nutzer mit Belohnungssystemen und unter Einsatz von Suchtfaktoren zu binden suchen. Schon in einem geregelten Alltag ist es nicht immer einfach, sich den Verlockungen zu widersetzen, doch in Zeiten von Distance Learning und Homeoffice ist es für viele Menschen geradezu unmöglich. Vor allem für Kinder und Jugendliche.

Bereits zu Beginn der Pandemie warnten Experten vor den negativen Auswirkungen für Personen, die bereits vor den Ausgangsbeschränkungen über wenig Sozialkontakte verfügt haben und die nicht wissen, wen sie über Skype anrufen sollen. Diese Menschen würden sich nun noch mehr in Online-Spiele flüchten und das eventuell auch später beibehalten. Für andere Zielgruppen, vor allem Kinder und Jugendliche erwartete man vor einem Jahr noch keine negativen Auswirkungen. Vor allem deshalb, weil man von einer temporären Zusatzbelastung ausging. Doch nun - ein Jahr später - zeigt sich leider ein anderes Bild. Distance Learning, kaum soziale Kontakte, überforderte Eltern und stets vor dem Rechner oder dem Smartphone sitzen hat deutliche Spuren bei Kindern und Jugendlichen hinterlassen. Die Grenze von schulischer Notwendigkeit vor dem Laptop und Online-Spielen und Ablenkung als Flucht vor der Isolation verschwamm jeden Monat zusehends. Ausgangssperren, kalte Temperaturen und unkontrollierte Mediennutzung taten ihr Übriges.

Auch wenn bereits vor einem Jahr davor gewarnt wurde, dass monetäre Einsätze in zahlreichen Spiele-Apps eine viel größere Gefahr als bei herkömmlichen Computerspielen bedeuten, dürften diese Warnungen teilweise nicht gehört worden sein. Zahlreiche Beschwerden und Rechnungen von mehreren tausend Euro beschäftigen Eltern und Konsumentenschützer. Es sollten daher stets Limits hinterlegt und Berechtigungen installiert werden. Bei neu heruntergeladenen Spielen sollten Eltern vorher genau prüfen, wie das Spiel aufgebaut ist und ob es In-App-Käufe gibt.

TikTok-Kekse und Influencer

Nicht nur Spiele und Apps sorgen für Ärger - heftige Kritik erlebt gerade auch die Influencer-Branche. Nicht nur bei Kindern. Die Werbebotschafter auf Instagram und Co. sind derzeit gefragter den je. Vor allem wenn es um Dubai, Tier- und Kinderthemen oder Einrichtungstipps geht. Aktuelle Umfragen sehen in diesen Bereichen gerade den größten Schub an Werbeinitiativen. Dubai als Urlaubsdestination, Unterhaltung für Kinder als Hilfsmittel für stressgeplante Eltern und wann, wenn nicht jetzt, für ein neueingerichtetes Eigenheim. Der Influencer von Welt sollte sich diesen Themen widmen. Besonders kritisch sehen Experten die Vermischung von Themen, die Kinder interessieren und Werbung - so etwa, wenn Tier- oder Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit dem Geschäftsmodell der Influencer verknüpft sind und direkt Kinder und Jugendliche adressieren.

So setzen Unterhaltungs- und Lebensmittelkonzerne derzeit massiv auf diese Werbeform. Nach Einschätzung der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch werden gezielt junge Social-Media-Stars eingespannt, um ungesunde Produkte an Kinder und Jugendliche zu vermarkten. Das ergab eine Untersuchung tausender Beiträge der deutschen Verbraucherorganisation Foodwatch in Sozialen Medien.

Foodwatch nahm Beiträge und Videos auf den Plattformen YouTube, Instagram und TikTok unter die Lupe, die Millionen junge Fans haben. Einige Beiträge sind sichtbar als "Werbevideo" gekennzeichnet, andere geben einen scheinbar ganz normalen Einblick in den Alltag der Influencerinnen und Influencer. Diese sitzen dann bei McDonald’s, trinken Coca-Cola oder Red Bull oder preisen eine Box mit Sackerln von Haribo an.

Die Influencer genießen dabei häufig sehr viel Vertrauen und hohe Glaubwürdigkeit oder werden sogar von ihren Fans als Freunde wahrgenommen. "Diesen Einfluss machen sich Lebensmittelunternehmen zunutze, um für ihre süßen Limonaden, Torten und Schokoriegel zu werben", sagte Heidi Porstner, Leiterin von Foodwatch Österreich.

Für die Recherche hat Foodwatch im Jahr 2020 über einen Zeitraum mehrerer Wochen tausende Posts, Storys und Videos bekannter Social-Media-Stars untersucht und zahlreiche Belege für entsprechende Werbung dokumentiert. Unter den untersuchten Influencern befanden sich auch zwei Österreicherinnen. Manches ist als Werbung gekennzeichnet, anderes jedoch nicht. Kinder können zudem noch nicht oder nur schwer erkennen, dass Werbung darauf abzielt, ihr Konsumverhalten zu beeinflussen.

Rechtlich seien den Unternehmen wenig Grenzen gesetzt, wenn sie mit Influencern Lebensmittel an Minderjährige bewerben wollen. Die seit Jahresanfang geltenden neuen Werberegeln für Rundfunkveranstalter und Mediendiensteanbieter - darunter fallen auch YouTuber - im Audiovisuelle Mediendiensteanbieter-Gesetz und im ORF-Gesetz setzen auf Selbstregulierung statt auf konkrete gesetzliche Beschränkungen. Die neuen Vorschriften verlangen lediglich, dass sich Mediendiensteanbieter selbst Richtlinien auferlegen müssen, welche Bewerbung von unausgewogenen Lebensmitteln im Umfeld von Kindersendungen sie für unangebracht befinden.

Fehlende Regelungen in Sozialen Netzwerken haben in jüngster Zeit immer mehr Kritik verursacht. Die beliebte Kurzvideo-App TikTok geriet ins Visier europäischer Konsumentenschützer. Der europäische Verbraucherverband Beuc reichte eine Beschwerde über das Videoportal bei der EU-Kommission und dem Netzwerk nationaler Verbraucherschutzbehörden ein. "TikTok lässt seine Benutzer im Stich, indem ihre Rechte massenhaft verletzt werden", sagte Generaldirektorin Monique Goyens. "Kinder lieben TikTok, aber das Unternehmen versagt darin, sie zu schützen." Konkret bemängeln die Konsumentenschützer etwa, dass Kinder und Jugendliche nicht ausreichend vor versteckter Werbung und potenziell schädlichen Inhalten geschützt würden. Auch sei das Vorgehen bei der Verarbeitung persönlicher Daten irreführend.

Doch jeder Trend hat auch einen Gegentrend: In der aktuellen Situation zeigt sich etwa, dass immer mehr Kinder und Jugendliche anstatt moderner Smartphones auf einfache Handys setzen und den persönlichen Kontakt, nach der langen Zeit ohne Freunde, wieder präferieren. Für viele wurde in Zeiten des Homeschooling aus dem PC ein Arbeitsmittel und weniger ein Spielzeug. Man wird aber erst sehen, wie nachhaltig diese Entwicklung ist und wie schnell Negatives korrigiert wird.

Aus der Überforderung heraus wünschen sich zudem viele Kinder klarere Regeln und Kontrolle von ihren Eltern, die ihrerseits auch erst in ihre Vorbildrollen wachsen müssen. Vor allem im Homeoffice ist bildschirmfreie Zeit auch für Erwachsene essenziell und das Abschalten und Wegräumen von Laptop und Co. wichtig. Doch geschieht auch dies oft noch viel zu selten.