Der ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz appelliert an die Regierung, bereits geführte Gespräche für eine ORF-Gesetzesnovelle wieder aufzunehmen. Nur so seien zentrale Elemente des geplanten Online-Players, aber auch eine gemeinsame Vermarktung mit Verlegern und privaten Sendern umsetzbar, sagte Wrabetz bei einem Pressegespräch am Dienstag. Nach einer Wiederkandidatur für die Generaldirektorwahl im August gefragt meinte er, es "spricht schon viel dafür".

Um in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit großen US-Plattformen mithalten zu können, sei es nötig, dem ORF gesetzlich zu erlauben, vom "Broadcaster zur Public-Service-Plattform" zu werden, betonte Wrabetz. Er hofft, dass der Gesetzgeber dem größten Medienunternehmen des Landes noch im Herbst ermöglicht, Plattform-Prinzipien wie "online-first" und "online-only" oder auch die Abschaffung der 7-Tage-Beschränkung für Inhalte in der TVthek umzusetzen. In England, Deutschland und skandinavischen Ländern sei all das, was er fordere, für öffentlich-rechtliche Sender "mehr oder weniger unbeschränkt" möglich. "Ich hoffe, dass Österreich nachzieht", so der Generaldirektor. "Wir wissen aber auch, dass das nur funktionieren wird, wenn klar ist, dass das kein Alleingang des ORF ist", meinte er und sprach davon, dass Privatsender, der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der ORF selbst zunächst zu einem Einverständnis untereinander kommen sollten.

Dem ORF-Generaldirektor schwebt eine gemeinsame Vermarktungsplattform im digitalen Bereich mit gemeinsamer Login-Strategie vor. "Wenn Millionen Österreicher einen gemeinsamen Log-in nutzen, dann wird auch die Schwelle, bestimmte Bezahlangebote zu nutzen, niedrig gehalten", erklärte Wrabetz die dahinterstehende Überlegung. Inhalte sollen darauf leicht wechselseitig empfohlen und verschoben werden können. Zusätzlich über die Plattform generierter Werbeerlös – etwa in Form von automatisiertem Werbeverkauf, der durch ein gemeinsames Auftreten attraktiver würde - solle asymmetrisch verteilt werden.

Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) reagierte gegenüber dem Branchenmedium "Horizont" positiv auf die Vorstellungen des ORF-Generaldirektors. Es mache durchaus Sinn, Gespräche zur Entwicklung des Medienstandortes Österreich im Allgemeinen und Innovationsprojekte im Besonderen zu führen, meinte VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger. Ein gemeinsames Login für österreichische Nachrichtenportale wird ausdrücklich begrüßt. Eine gemeinsame Vermarktungsplattform zwischen dem ORF und Verlegern, um ein Konkurrenzangebot zu Werbeplattformen wie Google oder Facebook zu etablieren, sieht Grünberger hingegen nicht in naher Zukunft.

Hinsichtlich des Players bereitet der ORF sich darauf vor, einzelne Teile noch heuer zu starten. Drei Module wären auch ohne Gesetzesänderung vor Jahresende umsetzbar: "Newsroom", "Live" und "Sound". Letzteres stellt eine Weiterentwicklung der Radiothek in Richtung Podcasts dar. In voller Stärke solle der ORF-Player 2023 aufgestellt sein.

Player mit Schranke

Abseits eines freien Zugangs werden manche Teile des Players hinter einer Registrierungsschranke liegen. Wrabetz nannte beispielhaft ein noch heuer geplantes Streaming der ORF-Programme rund um die Uhr. Um derartige Inhalte abrufen zu können, dürfte man künftig einen Code benötigen, der an die Bezahlung der GIS-Gebühren gekoppelt ist. Pläne für eine Erhöhung der GIS-Gebühren hat Wrabetz, obwohl noch heuer ein Antrag darauf gestellt werden müsste, noch nicht. "Wir wissen, dass wir nicht mehr finanzielle Mittel haben und zusätzliches Angebot in diesem Rahmen realisieren werden", so der Generaldirektor. Um das finanziell leisten zu können, setze man auf Synergien aus Umstrukturierungen.

Extra bezahlen müssten Nutzer des ORF-Players Inhalte der österreichischen Film- und Serienplattform Flimmit und des Klassikportals fidelio. Wrabetz kann sich zudem vorstellen, dass externe Anbieter ihre Angebote auf den Startseiten des ORF bewerben - etwa Kultureinrichtungen, die "in letzter Zeit viele Streamingangebote entwickelt haben, die bisher aber schwer zu finden waren", so Wrabetz. Kaufvorgänge sollen bei den Anbietern bleiben. Verdienen wolle der ORF damit nichts.

Die Umsetzung des multimedialen Newsrooms am Küniglberg befindet sich zeitlich und budgetär im Plan. Im 2. Quartal 2022 soll mit der Besiedelung begonnen werden. Anfang 2023 will der ORF alles aus den Räumlichkeiten produzieren. Dabei sieht die neue Struktur einen anstatt wie bisher drei Newsdesks vor. Gleichzeitig sollen jedoch multimediale Fachressorts bestehen bleiben, da "ich sehr an den Fachjournalismus glaube", sagte Wrabetz. Auch manche Sendungs- und Plattformteams bleiben bestehen. "Wir wollen auf die inhaltlichen und medialen Besonderheiten der einzelnen Sender und Sendungen eingehen", erklärte er.

Der neue Newsroom verlangt die Ausschreibung so mancher Führungsposition. Dabei ist ein multimediales Newsroom-Management bestehend aus mehreren Personen vorgesehen. "Wir wollen die verschiedenen medialen Welten erhalten und setzen deswegen keinen zentralen Chefredakteur ein, der alles alleine entscheidet", erklärte Wrabetz. Nach dem Sommer und damit auch nach der ORF-Generaldirektorwahl erfolgt die Ausschreibung der Funktionen. Bis Mitte 2022 soll die neue Führungsstruktur etabliert sein.

600 bis 700 Pensionierungen stehen in den kommenden Jahren im ORF an. "Wir nützen den natürlichen Wandel, um die nächste Journalistengeneration an den ORF zu binden", so Wrabetz. Rund zwei Drittel der Pensionierungen werden nachbesetzt. Dafür sollen bis 2025 unter anderem 150 Personen einjährige Trainee-Programme im redaktionellen Bereich durchlaufen.

Wrabetz will seine Aussagen fünf Monate vor der nächsten ORF-Kür nicht als Wahlprogramm verstanden wissen. Aber: Er findet, es spreche viel für eine Wiederkandidatur und hält nicht viel davon, wichtige Änderungen "mittendrin stehen zu lassen".