Wir wissen ja alle, dass Sie nur eingeladen wurden, damit Sie provozieren", sagte vergangene Woche CDU/CSU-Fraktionsführers Ralph Brinkhaus zu Internet-Experte Sascha Lobo in der Talkshow von Markus Lanz. Der Mann mit dem standhaften Irokesenschnitt, der zuvor wortreich die Pandemie-Strategie der deutschen Bundesregierung kritisiert hatte, seufzte hierzu nur. Moderator Markus Lanz freilich schritt ein: "Das kann ich so nicht stehen lassen, so ist unsere Einladungspolitik nicht!", wehrte er sich. Und so mancher Zuschauer mag sich gedacht haben: "Jo, leider."

Gut, das ist natürlich polemisch. Denn die Zeiten, in denen sich die Talkshows Woche für Woche, Sender für Sender in ihrer drögen Besetzung durch Parteienvertreter mit mehr oder weniger NLP-Erfahrung glichen, sind nun schon ein Weilchen vorbei. Also genau genommen ein Jahr circa. Denn damals begann die Herrschaft des Virus über die Talkrunden. Die Stühle rückten auseinander, die Videozuschaltungen vervielfachten sich, und kurz bevor nicht nur, aber vor allem "Markus Lanz" begann, konnte man noch um ein kaltes Quarantäne-Getränk wetten, wer denn heute der "Virologe des Tages" sein würde.

Sündenfall und Kartoffel

Für das Genre war das ein Glücksfall. Besonders in Deutschland waren diese TV-Formate in vergangenen Jahren immer wieder Spielball hitziger Diskurse - hitziger als in mancher auf Sendung gegangenen Diskussion. Nicht nur, weil man oft vor lauter "Lassen Sie mich mal ausreden"-Gezeter gar nicht mehr wusste, was eigentlich besprochen werden sollte. Konzentrierte man sich in den 1990ern noch darauf, dass sich die Parteisoldaten-Gesprächsrunden erschöpft hatten, mokierte man sich später über die Überwucherung im TV-Programm - gefühlt gab es jeden Tag mindestens eine politische Talkshow pro Sender. So viele abwechslungsreiche Themen kann man sich gar nicht ausdenken. Daher schoss man sich auf ein einziges Thema ein: die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik. Glaubt man Kritikern, war dies der Sündenfall dieses TV-Formats, zumindest in Deutschland.

Vier Shows erhielten 2019 den Negativpreis "Die goldene Kartoffel" für "misslungene Berichterstattung über die Einwanderungsgesellschaft". Die ARD-Talkshows "hart aber fair" mit Frank Plasberg, "Maischberger" und "Anne Will" sowie die ZDF-Sendung "Maybrit Illner" - alle ausgerechnet auf öffentlich-rechtlichen Sendern - wurden mit der "Auszeichnung" dafür kritisiert, dass Probleme "reißerisch, klischeehaft und diskriminierend" zu überzeichnen und dazu beizutragen, Vorurteile zu verfestigen. Die Einladungspolitik erhielt von den "Kartoffel"-Initiatoren ein vernichtendes Urteil: "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich an alle Bürger*innen richten. Wenn aber ausgerechnet die Talkshows unserer ARD und unseres ZDF Rechtsradikalen und Rassisten immer wieder Sendezeit schenken, hingegen nur selten ernstzunehmende Vertreter und Vertreterinnen ethnischer und religiöser Minderheiten einladen, dann werden sie ihrem Auftrag nicht gerecht."

Strategie der Populisten

Diese Beurteilung zielte auf einen Vorwurf, der oft bemüht wurde: Die deutschen Talkshows hätten die AfD groß gemacht. Weil sie - um eine knackige Gegenmeinung auf der Couch sitzen zu haben - immer wieder Vertreter der Partei eingeladen hätten. Und so erst Aufmerksamkeit durch die mediale Überpräsenz geschaffen hätten. Beziehungsweise hätten die Redaktionen auch nicht bemerkt - oder nichts dabei gefunden -, sich von den AfD-Politikern für Breitenwirkung instrumentalisieren zu lassen.

Das habe deswegen funktioniert, weil Talkshows und Populisten eine ähnliche Strategie teilen. Schreibt zumindest Oliver Weber in seinem Pamphletbuch "Talkshows hassen." Er diagnostizierte schon vor zwei Jahren, noch ganz ohne globalen Ausnahmezustand: "Talkshows sind ständige mediale Krisengipfel, die sich als Beitrag zur Diskurs-Kultur in der Demokratie längst totgelaufen haben." Zudem beklagte er eine "Versteinerung der Diskussion": Man wisse ohnehin schon, wer welche Meinung vertreten werde.

Meinung, das ist der Kernpunkt: Nach dem Krieg haben die Alliierten in Deutschland und Österreich Diskussionsformate genutzt und eingeführt, um die Debatte als demokratischen Wert zu etablieren. Also, um nach Jahren der Diktatur wieder zu lernen, dass man auch anderen Meinungen zuhören kann oder muss und dass man auch eine andere Meinung haben darf. Das ist interessant, denn die Briten etwa haben eine ganz andere Form der TV-Debatte - die große Gesprächsrunde ist dort nicht sehr populär. Auch in den USA folgt man diesen angelsächsischen Traditionen.

In Österreich ist man schon näher dran an der deutschen Entwicklung des Formats. Der ORF lädt wöchentlich "Ins Zentrum", wo man sich auch nicht viel anders geriert als bei "Anne Will", und das liegt nicht am gleichen Sendeplatz nach dem "Tatort". Auf Puls4 will man oft - und nicht selten mit Erfolg - der bessere Öffentlich-Rechtliche sein und das zeigt sich auch in den Talkshows. Einen ganz anderen Weg geht - jedenfalls seit der Pandemie - ServusTV. Dort macht man sich einen Sport daraus, besonders abwegige Meinungen auch vertreten zu sehen. Irrige Virologen, die zum Beispiel kein anderer Sender mehr einladen würde, sind dort noch Stammgäste. Und Diskutanten streiten sich ein Jahr nach dem ersten Lockdown immer noch, ob Masken nicht vielleicht doch eh gar nichts helfen.

Talkshow-Formate sind in der Demokratie wichtige Vehikel für die Meinungsbildung der Zuschauer. In Zeiten, in denen zwischen (wissenschaftlichen) Fakten und Meinung oft kein Unterschied mehr gemacht wird, wird diese Verantwortung besonders brisant. Und die Erfahrung mit der Debatte über die AfD hat zumindest in Deutschland bei der Einladungspolitik Wirkung gezeigt. Es bleibt aber ein schmaler Grat - Meinungen zu unterdrücken, kann kein Weg sein.

Die legendärste Ausformung des Formats in Österreich hat übrigens weniger mit den Alliierten zu tun als mit einer progressiven Auffassung von Fernsehen: Der "Club 2" gilt als unerreichtes Diskussionsfreestyling, bei dem sogar Alkoholgenuss in Zigarettenrauchschwaden ganz normal war. Auch wenn der "Club 2" heute gerne mystifiziert wird, hat man doch den Eindruck, dass noch ohne Strategie gestritten wurde. Wenigen formellen Zwängen unterworfen ist man auch, wenn man zu Wolfgang Fellners Talkrunde geladen wird. Und doch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Diese Talks heißen nicht zufällig wie ein Boxkampf, "Andreas Mölzer vs. Robert Misik" zum Beispiel. Da kann man das Gegenüber auch einmal ungestraft fragen: "San Se no gonz dicht?", und während Lanz hier schon ein Papiersackerl zum Veratmen bräuchte, sagt Fellner nur: "So Burschen" - und zerkugelt sich vor Freude darüber, dass genau das passiert, was der Plan war: ein "unterhaltsamer", quotenträchtiger Konflikt.

Immer nur hart bleiben

Dass so etwas irgendjemandem bei einer Meinungsbildung helfen kann, ist wohl getrost abzuschreiben. Zumal solche Paarungen auch nur das fortschreiben, was man in der Gesellschaft ohnehin viel zu oft beobachtet: die Unfähigkeit, sich auf andere Meinungen einzulassen. Eine Entwicklung, die wiederum nicht den Talkshows anzulasten ist, sondern den Sozialen Medien.

Das wäre wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe von Talkshows heute: den Zusehern zu zeigen, dass diskutieren nicht heißen muss, dass jeder borniert bei seiner Meinung bleibt; sondern dass man sich manchmal auch in der Mitte treffen kann, man sich überzeugen lassen kann. Und: Danke, dass ich ausreden durfte.