Es herrscht, weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, Wahlkampf in Österreich. Allerdings geht es nicht um eine Bundes- oder Landesregierung, sondern vielmehr um den Vorsitz der "Grafschaft" auf dem Wiener Küniglberg. Denn am 10. August dieses Jahres wird ein neuer Generaldirektor oder eine Generaldirektorin auf dem Küniglberg inthronisiert. Erst kürzlich bat der bisherige Generaldirektor handverlesene Journalisten zum vertraulichen Wahlkampfauftakt und erläuterte sein Wahlprogramm, das natürlich nicht als solches verstanden werden soll. Ganz oben auf der Wunschliste: ein neues, für den ORF besseres ORF-Gesetz.

Subtext der Veranstaltung: Wrabetz (60) will das Feld wohl nicht kampflos räumen. Mit seiner neuerlichen Bewerbung (er hat den Chefposten auf dem Küniglberg seit 2006 inne) ist jedenfalls zu rechnen, sagen Kenner der Materie. Außer in dem Fall, dass ein Scheitern absolut fix ist. Wrabetz hat in seiner mehr als 20-jährigen Karriere im ORF tatsächlich Regierungen nahezu aller Farben überstanden. Es wäre naiv und unklug, ihn vorzeitig abzuschreiben, wenngleich, so ehrlich muss man sein, die Zeichen der Zeit eher auf Generationswechsel auf dem Küniglberg stehen.

Baustelle Küniglberg: Unter Generaldirektor Alexander Wrabetz wird das neue Gebäude für den Newsroom errichtet. - © apa / Herbert Neubauer
Baustelle Küniglberg: Unter Generaldirektor Alexander Wrabetz wird das neue Gebäude für den Newsroom errichtet. - © apa / Herbert Neubauer

Tatsächlich ist die Anzahl der Wahlberechtigten dieser Wahl überschaubar: 35 Mitglieder hat der ORF-Stiftungsrat, der gemäß ORF-Gesetz den ORF-Generaldirektor mit einfacher Mehrheit bestellt. In einer weiteren Wahl, wohl im Herbst, wird das restliche Direktorium bestellt, etwa Fernseh-, Radio- sowie kaufmännischer und technischer Direktor. Auch hier dürfte wohl kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Die Bestellung des Jahres 2021 unterschiedet sich von den vergangenen in einem entscheidenden Punkt. Diesmal sind die der ÖVP nahestehenden Stiftungsräte in der Mehrheit. Denn der Rat setzt sich aus Vertretern der Bundesregierung, der Länder, der Parteien, des Publikumsrats und der Belegschaftsvertreter zusammen. Sechs Ländervertreter, sieben von der Bundesregierung bestellte Vertreter sowie drei Publikumsräte und zwei Parteimandate ergeben auch ohne Belegschaftsvertreter eine Mehrheit für die ÖVP.

Komfortable Mehrheiten

Man kann wohl davon ausgehen, dass die ÖVP die Bestellung in einer laufenden Koalition zudem mit dem Koalitionspartner, den Grünen, akkordieren wird. Diese können weitere drei Mandate im Stiftungsrat zu einer komfortablen Mehrheit beisteuern. Wobei Kenner der Materie darauf verweisen, dass das Thema ORF koalitionsintern in der Verantwortung der ÖVP rangiert.

Bei ähnlichen Bestellungen im Einflussbereich des Bundeskanzleramts hat Bundeskanzler Sebastian Kurz bisher immer wieder mit unkonventionellen Personalentscheidungen von außerhalb der Organisation aufhorchen lassen. Beobachter gehen davon aus, dass der oder die neue im Chefbüro im sechsten Stock des Küniglberges das Vertrauen des Bundeskanzlers genießt.

Schon bisher immer wieder wird etwa "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak genannt. Auch ProSiebenSat1-Österreich-Chef Markus Breitenecker, der den erfolgreichen Österreich-Ableger der Sendegruppe aufgebaut hat, ist jemand, mit dem man rechnen kann. Doch auch Manager, die nicht im Medienbereich arbeiten, werden genannt. Auguren haben etwa Martin Radjaby-Rasset auf dem Zettel. Der Manager übernahm 2017 Verantwortung für die strategische Marketingsteuerung und das Marketing in der Erste Group, startete seine Karriere jedoch bei Ö3, wo er bis 2011 die Programmgestaltung des Senders leitete. Danach entwickelte er erfolgreich politische Kampagnen, etwa jene von Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Aus dem Umfeld

In eine ähnliche Kategorie fällt auch Philipp Maderthaner, ebenso Kampagnen-Experte für die ÖVP und Unternehmer. 2017 war er federführend in der Wahlkampagne von Kanzler Sebastian Kurz engagiert. 2018 wählte ihn die internationale Managementberatung Ernest & Young zum Unternehmer des Jahres. Auch gerne genannt: Gregor Schütze, vormals Finanzdirektor von ATV und Agenturgründer. Er sitzt praktischerweise seit 2018 im ORF-Stiftungsrat. Doch auch ORF-intern gibt es Verantwortungsträger, die Beobachter für höhere Aufgaben auf dem Zettel haben. Etwa Roland Weißmann, Finanzchef des Fernsehens und Vize-Finanzdirektor des ORF und zuletzt für den Auf- und Ausbau der Streaming-Agenden des Öffentlichen-Rechtlichen verantwortlich. Er wäre auch ein Kandidat für den kaufmännischen Direktor.

Aufstieg von innen

Mit der Umgestaltung des seit Jahren unter Quotendruck stehenden ORF1 hat Lisa Totzauer alle Hände voll zu tun. Auch sie gilt seit Jahren als logische Kandidatin für einen Aufstieg ins Direktorium. Selbiges kann man auch über ihren Counterpart von ORF2 behaupten: Alexander Hofer ist auch als Unterhaltungschef des ORF für einige durchaus erfolgreiche Formate verantwortlich. ORF2 steht zudem quotenmäßig relativ gut da.

Wer auch immer das Ruder im Supertanker ORF übernimmt, es gibt im größten Medienunternehmen Österreichs mit einer Milliarde Euro Umsatz und 4.000 Mitarbeitern einiges zu tun. Gegen den schleichenden Bedeutungsverlust am Markt fehlen seit Jahren die Ideen. Dass ein Verlust der Marktführerposition in einem zunehmend diversifizierten Markt kein Muss ist, beweisen die ORF-Radios seit Jahren mit stabilen Marktanteilen. Dass Streaming die Zukunft ist, hat man spät, aber doch erkannt. Hier fehlt nach der Analyse noch rasches, beherztes Handeln. Wer dafür der Beste ist, werden die kommenden Monate zeigen.