Netflix-Serien aus Ländern, deren Fiction-Produktionen nur selten im Licht der Öffentlichkeit stehen, sind oft nicht der große Renner. So war es auch mit den ersten zwei Staffeln von "Shtisel". Die Serie, die eine ultraorthodoxe jüdische Familie über vier Generationen zeigt, war lange so etwas wie ein Geheimtipp. So war es auch nicht verwunderlich, dass fünf Jahren vergingen, bis die dritte Staffel erschien. Es ist kein Geheimnis, dass es die dauerhafte Nachfrage auf Netflix war, die eine dritte Staffel erst möglich gemacht hat.

Nun, rechtzeitig zum jüdischen Pessach-Fest, ist sie da: die dritte Staffel, die zwei Jahre nach dem Ende der zweiten Staffel ansetzt und die vor allem eines bietet: kontinuierlich hohe Qualität, tolle Dialoge und einen Cast, der die Serie famos über die zehn Episoden trägt. Die Macher, Ori Elon und Yehonatan Indursky, haben einen geschulten Blick auf das ultraorthodoxe Milieu, einer selbst ein Aussteiger aus der Community, der andere zumindest ein genauer Beobachter.

Unter dem Brennglas ihres analytischen Blicks findet sich noch immer die Vier-Generationen-Familie Shtisel, die in Geula, einem Vorort Jerusalems, lebt. Im Zentrum steht Akiva Shtisel, genannt "Kive", gespielt von Michael Aloni, der in Israel ein Star ist. Kive hatte stets wenig Glück mit dem anderen Geschlecht und hat einen Ruf darin, für ihn arrangierte "Matches" zu versauen. Daher lebt er mit seinem strengen Vater Shulem (grandios: Dov Glickman) zusammen. Shulem ist Direktor einer Bibelschule und als solcher eine respektierte Figur in der Community. Dass "Kive" ständig alles vergeigt, stört ihn als Witwer nur bedingt. Immerhin muss er so nicht alleine leben, was jedoch das Verhältnis zwischen den beiden nicht verbessert.

Neben Michael Aloni ist es die mittlerweile international bekannte Shira Haas, die als starrköpfige Enkeltochter Ruchami brilliert. Die Rolle ist der mädchenhaft wirkenden Haas auf den Leib geschneidert. Zwischen Staffel 2 und 3 schaffte sie in einer anderen jüdischen Serie den Durchbruch: Als Esty in der vierteiligen Netflix-Miniserie "Unorthodox", basierend auf dem gleichnamigen Buch von Deborah Feldman, begeisterte sie als Aussteigerin aus der verschlossenen ultraorthodoxen Community in New York, die ausgerechnet im liberalen Berlin zu sich selbst findet.

Eine Serie wie eine Fernreise

Bemerkenswert ist, dass keiner der Schauspieler tatsächlich aus einem orthodoxen Elternhaus kommt. Das tut dem Einfühlungsvermögen, mit dem hier vorgegangen wird, jedoch keinen Abbruch. Immerhin gilt die Serie doch auch in der jüdischen Community als gefeierter Geheimtipp.

Nun also zur dritten, und möglicherweise finalen, Staffel: Wie immer leidet man mit Kive mit, der nach dem Tod seiner großen Liebe als Maler nur ein Motiv kennt: seine verstorbene Frau. Das fällt der jungen Kunstsammlerin Racheli auf, die mehrere Bilder erwirbt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine verzwickte Geschichte, mit Wendungen, die man nicht kommen sieht. Vater Shulem indessen gerät unter Druck, weil er einen Schüler geohrfeigt hat. Ein Video könnte gar das "Aus" bedeuten. Wird der wortgewaltige Rabbi sich rausreden können?

Gerade in Zeiten, da an Fernreisen nicht zu denken ist, ist es wunderbar, mit "Shtisel" in das orthodoxe Jerusalem einzutauchen. Dass es keine Synchronisation, sondern nur Untertitel gibt, ist wahrlich ein Glücksfall, der die Zuschauer auf eine virtuelle Reise nach Israel mitnimmt. Gesprochen wird Hebräisch, aber auch Jiddisch, das für deutsche Native Speaker über weite Strecken problemlos zu verstehen ist. Eine Neuverfilmung der Serie mit New York als Basis ist übrigens bereits in Planung.