Die Zukunft von HC Strache, der vermeintlichen Oligarchin, Johann Gudenus, seiner Frau und des Ibiza-Detektivs Julian H. liegt, bitteschön, in: Hollywood. Man darf zu so viel darstellerischer, dramaturgischer Brillanz schon gratulieren, oder sollte man den Oscar in der Kategorie "Finca-Farce" lieber dem Boulevard-Fernsehen bei oe24 überreichen?

Mit viel Trara hat man dort angekündigt, endlich das "ganze Ibiza-Video" zu zeigen, weil Österreich in dieser Pandemie schon lange nach anderen Nachrichten giert als nach den täglichen Neuinfektionen. Da kommt es gelegen, dass das Ibiza-Videomaterial jetzt gänzlich gesichtet werden konnte; zumindest von den Fernsehmachern, bis dato aber nicht vom Publikum selbst. Denn was von der vollmundigen Ankündigung, "das ganze Ibiza-Video" zu zeigen, übrig blieb, sind nun häppchenweise ausgespielte Szenen, die man bislang noch nicht gesehen hatte, die aber eben auch nicht "das ganze Ibiza-Video" sind. So viel einmal zur medial aufgebauschten Mogelpackung.

Korruption? Wo?

Aber ja, es sind hier natürlich neue Sachverhalte zu hören, und wer Russisch kann, der hat vermutlich noch viel mehr verstanden: Der Strache und der Gudenus haben den Braten in der Finca nämlich schon von Beginn an gerochen, das ist jetzt amtlich. Und auch: Dass der Strache nie und nimmer korrupt ist und war. Denn das hat er in dieser Reality-Soap dezidiert ausgeschlossen. "Wenn es aber gemeinsame Ziele gibt, die uns und euch gefallen, dann kömma drüber reden." Aber Korruption? Niemals! "Ich bin jeden Tag sauber, ich bin immer gerade", sagt Strache. "Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat." Sein Motto: "Leben und leben lassen." Korruption ist außerhalb seines Wortschatzes, etwaige Geschäfte müssten nämlich einen Vorteil für alle bringen, auch für die Volkswirtschaft.

Da hat man den blauen Buben seinerzeit ordentlich übel mitgespielt, ist man nach Ansicht des ersten Appetit-Happens von oe24 und Exxpress überzeugt. Wobei: Man hat ja wieder nicht alles gesehen, nur Ausschnitte in der Länge von etwa zehn, 12 Minuten. Der Rest, versichert Niki Fellner auf oe24, kommt in den nächsten drei Tagen. Also einschalten, denn es lohnt sich: Immerhin berieselt uns der Sender zusätzlich mit genug wertvoller Konsumenteninformation: Von der Immobilienberatung bis zur Zahnhaftcreme ist in den Werbebannern alles vertreten - obwohl: Ist man sich sicher, dass der Gudenus in Glock-Pose dafür das richtige Werbeumfeld ist?

Wie auch immer: Wichtig ist der Aufreger. Und davon werden derzeit viele produziert: Etwa, dass HC Strache von seiner "b’soffenen G’schicht" durch "Experten" wie Karl Wendl und Gert Schmidt quasi freigesprochen wird. "Es ist wie der Vorspann zu einem Krimi, wo das Publikum sehnlichst auf die rauchende Pistole wartet, die aber nie kommt", bringt es Letzterer auf den Punkt. Es ist ein Krimi ohne Kriminalfall. "Es fehlt die Tat", so Schmidt.

Mach dir die Nägel!

Dafür gibt es umso mehr sichtverstellendes Brimborium. Wir sehen eingangs die Oligarchin, wie Gott (und Skalpell) sie schuf, freizügig durchs Wohnzimmer tänzeln. Das bringt in Hollywood zwar ein R-Rating, aber dafür redet jeder drüber. Dann der untersetzte Detektiv, aber die müssen ja nicht schön sein. Hauptsache, die Nackerten tanzen durch die Finca.

Nach der Werbepause diskutieren Wendl und Schmidt den körperlichen Zustand der nackerten Oligarchin: Zu dünn, zu wenig auf den Rippen. Bei HC hörte sich das damals noch anders an: "Boah, is die schoaf", wurde seinerzeit kolportiert.

Doch HC Strache bekam die Chance, sich zu erklären: Live im Studio machte er glaubhaft, dass es damals weder Sex noch Drogen noch Korruption gegeben habe, in der Finca. "Jetzt müsste die Schlagzeile eine andere sein: ‚HC Strache ist niemals korrupt‘", wettert der Ex-FPÖ-Chef sinngemäß. Oscarverdächtig!

Aber so ein Hollywood-Thriller lebt auch von schmutzigen Details: Die dreckigen Fingernägel der Oligarchin etwa, die HC stutzig machten. Oder die heikle Unterredung in der Küche zwischen der Russin und Gudenus, wo er ihren Pass einsehen wollte. "Wenn du Infos über mich willst, musst du nur Gudenus googlen. Aber zu dir finde ich nichts", sagt er. Bissi spät, dieser Faktencheck.

Weil Strache in diesem fiktiven Thriller am Ende natürlich freigesprochen und daraus als Sieger hervorgehen soll, braucht es ein paar wichtige Widersprüche: Die Uhrzeiten der Abfolge der Videoclips stimmen nie zusammen, manchmal ist es in der Finca sieben Uhr Früh, obwohl man schon um ein Uhr nachts gegangen sein will. Mystery-Stoffe brauchen solche Verwirrspiele, denn paranormale Phänomene sind ungefähr so beweisbar wie die Wirkung von Globuli-Kügelchen. Oder eine andere Merkwürdigkeit: Strache bekommt von Gudenus nur einen Bruchteil des russischen Geschwafels übersetzt, kennt sich aber trotzdem total aus. Und sagt, dass Benko, Novomatic und Heidi Horten fast alle zahlen. Die Russin ist gar keine echte Russin, analysieren die Studiogäste. Und auch ihre Fußnägel sollen angeblich ungepflegt sein, doch die Beweisbilder dazu fehlen. Man stellt zudem andere wichtige Umstände fest: HC raucht Kette und mag Bettelarmbänder. Der Detektiv hustet in einer Tour. Und nach dem Begrüßungs-Doppler auf der Terrasse gab es Sushi. Somit sind fast alle dramaturgischen Kniffe Hollywoods ausgeschöpft. Bleibt noch: der Kunstfilm! Der Gudenus und die Oligarchin reden in der Küche miteinander wie in einem französischen Problemfilm.

Am Ende zweifeln die Helden und wollen nach Hause. Ganz lässig von Strache gespielt: "Freunde, wie kommen wir jetzt von hier weg?" Freunde waren sie da schon lange nicht mehr. Im Gegenteil, wie Strache in der nachfolgenden "Filmanalyse" erläutert: "Die hätten mich auch umbringen, mir eine Überdosis Heroin spritzen können." Großartige Dialoge!

Was diesem Thriller fehlt, fehlt vielen solcher Filme: die Überdosis G’fühl. Aber die kriegen wir vielleicht in den Sequels der nächsten Tage serviert. Auch Helden sollten manchmal weinen dürfen.