Ein Jahr Pandemie und Lockdown haben die Welt verändert. Auch der Kunst- und Sammlermarkt blieb davon nicht unberührt. Während auf der einen Seite Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit schon Spekulationen über eine neue Weltwirtschaftskrise Nahrung boten, wurden Reiche noch reicher und selbst wer kein Millionär war, konnte - aufgrund mangelnder Alternativen - oftmals sein Geld nicht ausgeben. Daher passierte eine Trendwende hin zu Online-Auktionen und einem andauernden Wettlauf um neue Rekorde und wilde Spekulationsgeschäfte. Kurz zusammengefasst: Die einen tragen ihre guten Stücke in die Pfandhäuser, die anderen in die Online-Auktionshäuser. Wer nicht verreist, teuer essen geht oder beim Shopping flaniert, der spekuliert.

Mehr als 365 Tage, in denen die virtuelle Welt offenstand, während in der Realität weder Museums- noch Galeriebesuche, geschweige denn, Kunstauktionen oder Sammlerbörsen möglich waren, haben massive Auswirkungen auf die Preisentwicklungen gehabt. Wirft man einen Blick auf die teilweise wahnwitzigen Weltrekorde wunderlicher Werke im World Wide Web, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus.

Der Porzellan-Sneaker von Adidas und Meissen trägt den Namen "ZX8000 Porcelain" und sollte eine Million Dollar einbringen, es wurden dann 103.000 Euro. - © apa / afp /Kena Betancur
Der Porzellan-Sneaker von Adidas und Meissen trägt den Namen "ZX8000 Porcelain" und sollte eine Million Dollar einbringen, es wurden dann 103.000 Euro. - © apa / afp /Kena Betancur

Ein Paar Turnschuhe aus Leder und Porzellan, vom Sportartikelhersteller Adidas und der Porzellan-Manufaktur Meissen gemeinsam entworfen und auf den Namen "ZX8000 Porcelain" getauft, brachte bei einer Sotheby’s Auktion 103.000 Euro ein. Eigentlich hatte man rund eine Million Dollar erwartet, denn außergewöhnliche Turnschuhe hatten bei Auktionen zuletzt immer wieder mit hohen Preisen für Schlagzeilen gesorgt. So war im Sommer ein Paar weiße Turnschuhe, das ein Mitgründer der Sportartikelfirma Nike vor rund 50 Jahren handgefertigt hatte, für 162.500 Dollar versteigert worden. Kurz zuvor hatte Christie’s ein Paar von Basketballstar Michael Jordan getragene Sportschuhe für den Rekordpreis von 615.000 Dollar verkauft.

Ein enormer Wandel

Die teuerste Pokemon-Sammelkarte aller Zeiten, oder zumindest bis jetzt. 307.000 Euro kostete der schattenlose Glurak Holo (auf Englisch heißt die Figur "Charizard"). - © Iconic Auctions
Die teuerste Pokemon-Sammelkarte aller Zeiten, oder zumindest bis jetzt. 307.000 Euro kostete der schattenlose Glurak Holo (auf Englisch heißt die Figur "Charizard"). - © Iconic Auctions

Die Pandemie habe im Auktionsmarkt und in der Kunstbranche "einen enormen Wandel ausgelöst", sagt Bastienne Leuthe, Senior Director für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s Deutschland. Eine Plastik-Krone des Rappers Notorious B.I.G. brachte fast 600.000 Dollar ein. "40 Prozent der Kunden in unseren Online-Verkäufen sind Neukunden, und mehr als ein Viertel der Onlinekäufer ist unter 40 Jahren", sagt Leuthe. Nicht über eine Online-Auktion, aber auch online und innerhalb von einer Minute wurden 666 Paare eines "Satan-Sneakers" des US-Kunstkollektiv "MSCHF" in Zusammenarbeit mit dem Rapper Lil Nas X verkauft. Die Schuhe zeichnen sich durch ein Pentagramm-Design aus, außerdem durch ein umgekehrtes Kreuz und einen Verweis auf eine Stelle in der Bibel, Lukas 10:18 ("Ich sah Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen"). Die Schuhe wurden zu einem Preis von 1.018 US-Dollar (863,88 Euro) pro Paar, diese Summe als Anlehnung an den Bibelvers, verkauft. Die Turnschuhe sollen einen Tropfen menschlichen Blutes in der Sohle enthalten. Nike klagte wegen Markenrechtsverletzungen, weil die "Satan-Schuhe" demnach inoffizielle Redesigns von Nikes Markenzeichen, dem Air Max 97-Sneaker, darstellen.

Ein original verpacktes "Super Mario Bros."-Computerspiel aus dem Jahr 1985 ist bei einer Auktion in den USA für eine Rekordsumme von 660.000 Dollar (etwa 561.000 Euro) versteigert worden. - © Heritage Auctions
Ein original verpacktes "Super Mario Bros."-Computerspiel aus dem Jahr 1985 ist bei einer Auktion in den USA für eine Rekordsumme von 660.000 Dollar (etwa 561.000 Euro) versteigert worden. - © Heritage Auctions

Rekorde purzelten auch bei Sammelkarten und Videospielen. Ein original verpacktes "Super Mario Bros."-Computerspiel aus dem Jahr 1985 ist bei einer Auktion in den USA für eine Rekordsumme von 660.000 Dollar (etwa 561.000 Euro) versteigert worden. Die aktuell teuerste Pokemon-Karte ist die erste Edition des "schattenlosen" Glurak. Für rund 307.000 Euro wechselte sie den Besitzer. Die Karte weist einen Druckfehler auf, wodurch das Hologramm der Karte keinen Schatten hat.

"Everydays - The First 5000 Days" brachte US-Künstler Mike Winkelmann, bekannt als Beeple, in die Top drei der wertvollsten lebenden Künstler. Das digitale Kunstwerk ist bei Christie’s in London für fast 70 Millionen Dollar (58,86 Mio. Euro) verkauft worden. - © reuters / Christie’s Images LTD. 2021 / Beep
"Everydays - The First 5000 Days" brachte US-Künstler Mike Winkelmann, bekannt als Beeple, in die Top drei der wertvollsten lebenden Künstler. Das digitale Kunstwerk ist bei Christie’s in London für fast 70 Millionen Dollar (58,86 Mio. Euro) verkauft worden. - © reuters / Christie’s Images LTD. 2021 / Beep

Man könnte nun einwenden, dass diese Preise immer schon utopisch waren. Dass immer schon mit Kunstwerken spekuliert wurde, aber in diesem Jahr wurden neue Maßstäbe erzielt. Online-Dienste ermöglichen, dass Privatpersonen um wenig Geld Anteile an getragenen Sportschuhen, seltenen Uhren, Gemälden und ähnlichen Sammler- und Kunstwerken erwerben und dann bei einem Verkauf dieser Gegenstände ihren Anteil am Verkaufspreis erhalten.

In einer eigenen Liga spielen derzeit die hochspekulativen Kryptowährungen, wie Bitcoin (das einen Wert von 60.000 Dollar erreichte) oder Ether. In deren Windschatten erhoben sich die Geister der NFTs (Non fungible Tokens), die "Wiener Zeitung" berichtete, und sorgte dafür, dass etwa ein vom menschenähnlichen Roboter Sophia gemaltes Selbstporträt für nahezu 700.000 Dollar versteigert worden ist. Tesla-Chef Elon Musk wollte einen Technosong über NFT als NFT verkaufen, brach dann aber den Verkauf ab, nachdem die Gebote in astronomische Höhen gingen. Twitter-Chef Jack Dorsey hat seinen ersten Tweet für 2,45 Millionen Euro versteigert. Das bekannte NFT-Werk ist natürlich die Collage "Everydays - The First 5000 Days", das dem US-Künstler Beeple, gut 69,3 Millionen Dollar einbrachte und ihn in die Top drei der wertvollsten lebenden Künstler hievte. Der Musikexperte Michail Stangl übte kürzlich bei der Karajan Music Tech Conference einige Kritik an dem Werk, das aus 5.000 kleinen Bildern besteht: "Niemand hat sich vorher die Mühe gemacht, sich alle anzusehen", so Stangl. Dabei fänden sich in dem Werk auch homophobe oder rassistische Bilder, denen auf diese Weise nun eine Plattform gegeben worden sei. Umso wichtiger sei es, den kuratorischen Prozess nicht außer Acht zu lassen und sich nicht vom Hype blenden zu lassen.

Künstler können über diese Technologie ihr Einkommen in direkter Interaktion mit den Usern sichern. Die Technologie selbst ermögliche einen "unzerbrechlichen Link zwischen dem Künstler und seiner Kunst", wie die Kunsthistorikerin und Blockchain-Spezialistin Masha McConaghy meint. "NFT ermöglicht es, auch digitale Kunst zu verkaufen und einem Zweitmarkt zuzuführen." Museen werden in Zukunft immer mehr Mischformen zwischen digitaler und nicht-digitaler Kunst zeigen. Ob "Spielwiese für Reiche" oder "Entmachtung des Plattformkapitalismus", das kann man derzeit nicht sagen. Aber wenn es so weitergeht, könnten riesige Blasen am Kunstmarkt entstehen, die die Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts ziemlich alt aussehen lassen könnte, mahnen Kritiker.