Es ist eine sehr unwahrscheinliche Karriere. Zumindest, wenn man sie auf der Bilderteilplattform Instagram macht. Denn die "Wiener Alltagspoeten" teilen kein einziges Bild. Sondern immer nur Text. Alltagszitate von Wienern, jedes Mal mit dem Ort des Geschehens versehen, schwarze Buchstaben auf weißen Hintergrund. Das war’s. Da finden sich dann solche Perlen wie "U2 Schottentor Rolltreppe. Mann stellt sich direkt, ohne eine Stufe freizulassen, hinter eine Frau. Frau dreht sich um: ,Na, wos is, soll i di huckepack trogn?‘" Oder: "Würstelstand MQ. Junge Frau: ,Haben Sie auch was Vegetarisches?‘ Verkäufer. ‚Jo, a Servietten‘".


Andreas Rainer steht ganz allein hinter diesem Instagram-Account, er hat ihn vor dreieinhalb Jahren mit einer Sammlung von aufgeschnappten Zitaten gegründet. "Wenn man durch Wiens Straßen geht, mit den Öffis fährt, im Kaffeehaus sitzt: Man begegnet wahnsinnig vielen Leuten, es passiert unfassbar viel, aber als Großstadtbewohner blendet man das normalerweise aus. Ich habe dann beschlossen, ich nehme das bewusst auf."

Der Hauptberuf von Andreas Rainer ist Journalist, von Posts kann man nicht leben. - © privat
Der Hauptberuf von Andreas Rainer ist Journalist, von Posts kann man nicht leben. - © privat

Rainer startete mit wenigen Followern, aber dem Gefühl, dass diese "das nicht ganz furchtbar finden". Bald folgte die erste Einsendung einer Leserin: "Das war der erste Knackpunkt. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, das ist etwas, dass ich länger machen werde." Heute bekommt Rainer am Tag etwa zehn solche Einsendungen - und ohne sie könnte er den Account, der mittlerweile über 130.000 Follower hat, gar nicht betreiben. Und es gäbe auch nicht das Buch, das nun im Milena Verlag erschienen ist.

Nicht nur, weil Rainer im Lockdown nicht so viel rauskommt, sind die von Lesern beigesteuerten Zitate wichtig: "Das soll ja die ganze Stadt abbilden, von der Hietzinger Dame bis zum Simmeringer Hackler. Und für eine Einzelperson ist das unmöglich, ich kann ja nicht den ganzen Tag U-Bahn fahren, bis jemand etwas Tolles sagt."

Aber so sehr man sich um Ausgewogenheit bemüht, nicht jeder Bezirk in Wien gibt gleich viel her: "Wien ist aus meiner Sicht da spannend, wo viel Leben ist, wo viele Kulturen aufeinandertreffen. Hietzing ist da eher ein fader Bezirk, da wohnen nur Österreicher, keiner ist auf der Straße, alle fahren mit dem eigenen Auto herum. Es gibt von dort trotzdem sehr lustige Einsendungen! Aber natürlich ist im 15. oder im 12., 11. oder 10. Bezirk auf den Straßen mehr los, da treffen mehr unterschiedliche Menschen aufeinander. Da ist auch mehr Reibung. Wobei, der Wiener reibt sich ja an allem."

Die Zitate sind oft lustig, mitunter traurig, und manchmal bleibt einem auch das Lachen im Hals stecken. Das ist meistens der Fall, wenn Alltagsrassismus dokumentiert wird. "Ich mache das immer mit einer klaren Markierung, dass ich das schlimm finde. Ich finde, da muss man den Finger in die Wunde legen." Trotzdem kam er mit dem Zitat "U1 Favoriten. Fahrer: ,Willkommen auf Ihrem Linienflug von der Türkei nach Wien‘" in einen kleinen Shitstorm, ein klassisches Social-Media-Missverständnis.

Hassliebe zur Stadt

Es gibt einige rote Fäden, die sich durch die Postings ziehen, etwa die Hasslieben, die die Wiener kultivieren. Sei es zu den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu den Deutschen. "Hassliebe ist überhaupt das, was Wien als Allererstes auszeichnet. Als echter Wiener hat man ja eine Hassliebe zur gesamten Stadt. Das gibt’s ja nirgends auf der Welt. Überall haben die Leute unglaublichen Patriotismus zu ihrer Stadt, die Wiener haben das auch, aber sie würden’s nie zugeben."

Die wienerische Grundeinstellung ist auch ein wichtiger Topos der Poesie der Postings, allumfassender als der zitierte Mann auf der Thaliastraße kann man es kaum formulieren: "Keine fünf Minuten aus der Tür heraußen und es gehn mir schon wieder olle am Oasch." Rainer weiß: "Es geht uns ja alles am Ooasch. Man darf in Wien auch nie zugeben, dass es gut rennt. Das Schlimmste, was du machen kannst, wenn dich jemand fragt, ist, wenn du sagst, es geht dir gut. Wenn man sich nicht beschwert, ist man komisch, oder vielleicht ein Deutscher. Oder Amerikaner."

Wenn man sich bei den Postings nicht denkt, dass man selbst so etwas schon einmal gesagt haben könnte, so hat man zumindest oft das Gefühl, solches schon gehört zu haben: "Das Geheimnis der Alltagspoeten ist ja, dass man sich so extrem damit identifizieren kann. Man weiß, so passiert es, das ist die Realität."

Sechs Postings der "Wiener Alltagspoeten" erschienen auf schwarzem Hintergrund: in den Tagen nach dem Terroranschlag in Wien im November des Vorjahres. "Das war für mich der prägendste Moment der Alltagspoeten. Ich fand das unglaublich toll, wie Wien damit umgegangen ist, man hat keinen Tag das Gefühl gehabt, dass wir uns einschüchtern lassen. Und die Stimmung, diesen speziellen Moment, wollte ich einfangen und verbreiten. Ich habe da wahnsinnig viele Zuschriften bekommen, die sich bedankt haben. Das hat mir viel bedeutet."

Auch das Klischee vom morbiden Wiener bestätigt sich in den Zitaten wieder einmal, nicht zuletzt bei jenen, die sich auf die Corona-Pandemie beziehen ("I loss des Corona und mein Krebs sich ausschnapsen, wer das Licht abdreht"). "Das ist die Waffe der Wiener gegen das Virus. Die Italiener stehen am Balkon und singen und wir hauen ihm den Grant und den Schmäh entgegen. Aber es gab auch sehr berührende Begebenheiten: Ein Mann kauft 15 Tafeln Schokolade und verteilt sie wortlos ans Supermarktpersonal. Der Wiener hat ein riesengroßes Herz, er gibt’s halt nicht gern zu."