London, 1896. Die legendäre Regentschaft von Königin Victoria neigt sich dem Ende zu und das Leben im British Empire geht seinen gewohnten Gang. Pferdekutschen fahren geschäftig durch die Straßen, Herren in Zylindern ziehen denselben beim Promenieren auf der Straße zum Gruß, Mägde waschen im Hinterhof die Wäsche. So weit, so gut? Nicht ganz. Denn eine mysteriöse Krankheit breitet sich in der Stadt aus. Sie "befällt" Frauen und gibt ihnen plötzlich übernatürliche Fähigkeiten der verschiedensten Arten. Da spricht plötzlich ein Mädchen Chinesisch, Russisch und Türkisch - und zwar alles auf einmal. Und die Eltern wundern sich, wo sie das denn herhaben soll.

Klar, dass bei so vielen "Carrie"-Zitaten Satan persönlich schnell ins Gerede kommt. Zumal die "Maladie" in manchen Fällen mit dem Freitod der Frauen endet. Deshalb werden die Frauen angekettet und weggesperrt oder landen in einem dubiosen "Asylum" - und man weiß ja, wie diese Institutionen mit ihren armen Insassen umgehen. Gut, dass es da Frauen gibt, die den Kampf für die Besessenen aufnehmen. Diese werden - im Original auch für die Serie titelgebend - "The Nevers" genannt (weil man nie so werden soll wie sie).

Da wäre einmal die mysteriöse und schlagfertige Witwe Amalia True (Laura Donnelly). Sie hat die Gabe, für kurze Zeit in die Zukunft zu sehen. Was sehr praktisch ist, wenn man etwa schon vorher weiß, wie der Gegner zuschlagen wird. Amalia scheut auch handfeste Konflikte nicht, wenn sie es etwa wie in der Pilot-Folge mit drei Männern gleichzeitig aufnimmt. An ihrer Seite kämpft die brillante junge Erfinderin Penance Adair (Ann Skelly). Die begabte Bastlerin hat ein großes Labor, in dem sie allerlei nützliche Gerätschaften zusammenschraubt, etwa wenn sich die Kutsche plötzlich in ein Auto verwandelt, um den bösen Männern mit den Dämonengesichtern zu entkommen. "Es ist ja nur ein Prototyp", sagt Penance fast entschuldigend, während sie davonbraust.

Stunden nach der US-Premiere

Beide sind Meisterinnen dieser neuen Kaste, die zum einen den "Berührten" (touched) ein Zuhause geben und zum anderen gegen so ziemlich alle Mächte kämpfen müssen, um für diejenigen Platz zu schaffen, die in der Geschichte, wie wir sie kennen, bislang keinen Platz hatten. Um sie dreht sich die Geschichte von "The Nevers", der neuen Serie auf HBO, die am Montag via Sky Atlantic auch in Europa (nur wenige Stunden nach der Premiere in den USA) ins Pay-TV kommt.

Eine starke Frau im Kampf gegen dämonische Kräfte? Erst ein markiger Spruch, bevor es ordentlich auf die Fresse gibt? Kennen wir das nicht? Natürlich kennen wir das. Das ist das Rezept von "Buffy the Vampire Slayer", die Serie, die zwischen 1997 und 2003 sieben Staffeln lang Erfolgsgeschichte schrieb. Und die Parallelen sind nicht verwunderlich, denn auch "The Nevers" stammt aus der Feder von Joss Whedon, der auch "Buffy" und den Spin-of "Angel" schrieb, Regie führte und später als Produzent wirkte, bevor er mit "Firefly" einen veritablen Flop produzierte, um sich für Marvel den Avengers zu widmen.

Man sieht Whedons Handschrift in "The Nevers" in jeder Pore an. Doch über der Produktionsgeschichte "The Nevers" lagen gleich zwei bleierne Schatten. Zunächst mussten anfang 2020 die Dreharbeiten wegen Covid-19 mitten in der zehnteiligen Staffel unterbrochen werden. Als es im Herbst weitergehen sollte, waren schwere Vorwürfe von Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen ans Tageslicht gekommen, die Whedon vorwarfen, ein frauenfeindliches und toxisches Umfeld geschaffen zu haben. Charisma Carpenter (bei Buffy als Cordelia zu sehen) etwa beklagte jahrelange Beschimpfungen. Auch von Affären und Erniedrigungen war die Rede. Klar, dass auch HBO den Stecker ziehen musste und Whedon den Rückzug nahelegte.

Dass ausgerechnet Joss Whedon ins Kreuzfeuer von vielen Seiten geriet, mag auch an seinem Image liegen, das er jahrelang gepflegt hatte. Immerhin muss "Buffy the Vampire Slayer" auch als Epos der Ermächtigung junger Frauen gelesen werden, die im Kampf gegen das nahezu ausnahmslos männlich besetzte Böse letztlich auch mittels weiblicher Hexenmagie obsiegen. Männliche Hilfe gibt es zwar, doch sie spielte keine wesentliche Rolle. Whedon wurde für die Erschaffung dieser in den auslaufenden Neunziger Jahren höchst willkommenen erzählten Welt auch mehrfach ausgezeichnet und gab sich öffentlich als Feminist. Die sich doch sehr ähnelnden Darstellungen seiner ehemaligen Mitarbeiterinnen zeigen da ein konträres Bild.

Konflikte um Whedon

Die offensichtliche Schwere zwischen diesen beiden nun öffentlich daliegenden Whedon-Bildern kann man nicht ignorieren. Auch wenn "The Nevers" in seinem Grundkonzept natürlich wieder eine Geschichte ist, die von weiblicher Selbstermächtigung erzählt. Seit Jahresbeginn obliegt sie Philippa Goslett, die als Showrunner und Executive Producer von Joss Whedon übernahm. Da war das Material für Staffel eins allerdings längst abgedreht. Ob die Übung gelingen wird, wird das Publikum nun also gegebenenfalls in einer zweiten Staffel zu entscheiden haben. Bis dahin kann man sich freilich dennoch an einem Mix aus Sci-Fi, Fantasy, History und Drama erfreuen, der noch dazu einen feinen Cast mit einschlägiger Erfahrung versammelt hat. In "The Nevers" spielen neben Laura Donnelly ("Britannia", "Outlander") und Ann Skelly ("Vikings") auch Olivia Williams ("Counterpart"), James Norton ("Little Women"), Tom Riley ("Da Vinci’s Demons"), Rochelle Neil ("Das Boot"), Pip Torrens ("Versailles"), Denis O’Hare ("True Blood", "Good Wife"), Zackary Momoh ("Doctor Sleeps Erwachen"), Elizabeth Berrington ("Patrick Melrose"), Kiran Sawar ("Silent Witness"), Nick Frost ("Into The Badlands") und Ben Chaplin ("Die Tore der Welt", "Mad Dogs").

Viktorianischer Western

Auf den ersten Blick geht "The Nevers" dabei erstaunlich geruhsam zu Werke. Es dauert alleine fünf Minuten, bis das erste Wort eines Dialogs fällt. Dass dazwischen bei lieblicher Musik eine Frau in Todesabsicht ins Wasser der Themse geht, ist schon eine ganz erstaunliche Ton-Bild-Schere. Dafür fliegen danach ganz schnell die Fäuste (und die Bösewichte der Reihe nach durchs geschlossene Holz-Fenster aus dem ersten Stock). Ein bisschen Western darf man also auch noch dazu notieren, bei dem ohnehin seltsamen Genre-Mix in "The Nevers".