Über eine Milliarde Kundendaten von Sozialen Netzwerken sind in den letzten Wochen in einschlägigen Internetforen veröffentlicht worden. 533 Millionen Facebook-Nutzer, über 500 Millionen LinkedIn-Anwender und gut 1,3 Millionen Menschen, die die Audio-App Clubhouse verwenden, sind betroffen. Noch sind nicht alle Einzelheiten bekannt, es scheint, als würde es sich um Sicherheitslücken beziehungsweise um sogenanntes "Scraping", das Zusammensammeln bereits verfügbarer Kundendaten, handeln. In Österreich sollen in Zusammenhang mit diesem neuen Datenskandal rund 1,5 Millionen Nutzer betroffen sein.

Seit es das kommerzielle Internet gibt, sind Unternehmen und Anwender ein Abkommen eingegangen: Daten gegen kostenlose Dienste. E-Mail-Adressen und Postfächer, Soziale Netzwerke, Spiele und Apps, es gibt keinen Bereich, in dem es keine entsprechenden Angebote gibt. Daten als das Gold der Informationsgesellschaft, heißt es zumeist. Privatanwendern wird eingetrichtert, dass man nicht überall das gleiche Passwort verwenden soll, Unternehmen weisen ihre Mitarbeiter an, alle paar Monate die Zugangsdaten zum internen Netzwerk zu ändern, und Firmen, die leichtsinnig mit Daten umgehen oder Datenschutzregelungen missachten, drohen empfindliche Strafen. So weit, so nachvollziehbar.

Friss oder stirb?

In Zeiten, in denen an Türschildern keine Namen mehr stehen, das öffentliche Telefonverzeichnis immer dünner wird und der Schutz der eigenen Daten im Netz eigentlich bekannt sein sollte, wie kann es dann sein, dass Unternehmen, die mit den Daten der Anwender arbeiten, konsequenzlos weitermachen können? Facebook kündigte etwa an, dass die einzige Antwort auf die Veröffentlichung der Datensätze sei, dass man die betroffenen Kunden nicht einzeln informieren würde, da es ohnehin zu spät sei und diese zudem auch nichts ändern könnten. Dieser Ansatz der "Friss oder stirb"-Mentalität ist zugegebenermaßen keine Neuigkeit, es stellt sich mittlerweile aber durchaus verstärkt die Frage der Verhältnismäßigkeit. Nicht nur das. Man sollte als Kunde doch wenigstens davon ausgehen können, dass die Daten, die man hergeben muss, dann auch entsprechend geschützt werden und nicht an Unbefugte gelangen können.

Apropos befugt beziehungsweise unbefugt. Datenbroker sammeln, verkaufen und lizenzieren die persönlichen Daten bestimmter Personen, zu denen sie keine direkte Beziehung haben, oder geben sie anderweitig an andere Anbieter weiter. Ein solches Unternehmen sammelt Daten von 700 Millionen Verbrauchern weltweit und erstellt Verbraucherprofile mit bis zu 5.000 Merkmalen. Nicht einmal man selbst wusste, dass man so viele Merkmale aufweisen kann.

Eine Trendwende scheint, langsam, aber doch einzusetzen. Selbst Unternehmen, die in digitalen Zeiten als unverzichtbar gelten, werden umdenken müssen. Das Vertrauen in eine ganze Branche ist durch die unzähligen Datenskandale erschüttert. Experten sind daher der Meinung, dass Konsumenten von den Unternehmen schon bald wieder einen neuen, alten Wert einfordern werden: Vertrauen. Nämlich darauf, dass man die eigenen Nutzer als mündige Konsumenten wahrnimmt und endlich echte Transparenz und richtige Wahlmöglichkeiten anbietet.

Einen Schritt in diese Richtung geht derzeit der US-Konzern Apple, der mit App Tracking Transparenz und neuen Infos zum Datenschutz im App Store ein Umdenken einläuten will. So sollen App-Entwickler in Zukunft nicht mehr von ihren Kunden verlangen können, dass man Tracking zustimmen muss, um den vollen Funktionsumfang der App zu nutzen. Es wird sich zeigen, ob dieser Schritt funktionieren wird, darf aber leider schon davon ausgehen, dass die Anbieter andere Wege finden werden. Aber ein Anfang scheint geschafft. Es ist auch wahrlich an der Zeit.

Doch schon bevor Datenschutz, Transparenz und Vertrauen wiedergewonnen sind, müssen sich Firmen und Gesetzgeber überlegen, wie sie mit dem Thema Sicherheitslücken umgehen. Wie oft hat man gehört, dass es hundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Gut und schön, aber wenn Unternehmen Sicherheitslücken nicht rechtzeitig schließen und Kunden nicht über Zwischenfälle informiert werden, ist das noch immer nicht ausreichend. Zum ersten Mal seit langer Zeit kommt Bewegung in festgefahrene Strukturen und veraltete Geschäftsmodelle. Aber auch die Konsumenten müssen umdenken und sich anpassen, um zu zeigen, dass ihnen ihre Daten nicht egal sind.