Es ist keine schöne Welt, von der hier berichtet wird. Eine Welt, in der ein Menschenleben nichts zählt. Wo es weder Recht gibt noch Gerechtigkeit. Wo sogar zum reinen Amüsement getötet wird und nicht einmal klar ist, wie lange der Sommer noch dauert. Denn nur eines steht fest: Der Winter wird kommen - und mit ihm das Grauen.

Vor zehn Jahren, genau am 17. April 2011, hatte die HBO-Fernsehserie "Game of Thrones" ihre Premiere. Und sie machte damit eine viel ältere Geschichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Fantasy-Buchreihe "A Song of Ice and Fire" des US-Autors George R. R. Martin. Die Initialen "R. R." (für Raymond Richard) sind dabei Programm. Sie gleichen nicht zufällig den Initialen des Autos John Ronald Reuel Tolkien, dem Schöpfer des "Herrn der Ringe" und des "Kleinen Hobbit" und damit der sagenhaften Welt von Mittelerde. Nichts weniger als das war auch Martins Messlatte: Er wollte mit Westeros und Essos eine Welt schaffen, die Mittelerde um nichts nachstand: Epische Geschichten, heroische Taten, ganze Kontinente als Spielfläche, ja sogar bei eigenen Kunstsprachen, die Tolkien für seine Welt erfand, eiferte man nach. War es bei Tolkien Elbisch und Zwergisch, wurde für "Game of Thrones" durch den Linguisten David J. Peterson Valyrisch und Dothraki entwickelt. Denn nur ganze Passagen in der "Originalsprache", wenn man so will, geben einem Epos wie diesem erst die nötige Tiefe.

Doch damit nicht genug: Denn wer tausende Jahre Vorgeschichte ausarbeitet - nicht zur unmittelbaren Publikation, sondern als Hintergrund zum Schreiben -, der sprengt die Grenzen zwischen Autor und Nerdtum. Und doch sind es genau diese Akribien, die in Summe eine Dichte geben, die das Werk zu etwas Außergewöhnlichem machen.

Dass es sich bei "Game of Thrones" um so eine Jahrhunderterzählung handelte, war rasch klar. Es reichten die ersten Minuten der ersten Folge aus, um die Zuschauer mit dem Phänomen der White Walkers zu fesseln, einer Art Eiszombie, die ihr Dasein hinter der riesigen Mauer fristen, die den Norden vom "echten Norden" trennte. Eine Mauer, die die Urahnen aus gutem Grund so massiv errichtet haben und die die Nachtwache so akribisch verteidigt. Denn hinter der Mauer herrschen andere Gesetze.

Wider den Hollywood-Konsens

Dass sich "Game of Thrones" auch an keinen schreiberischen Konsens hält, wurde dann klar, als sich der Kopf von Publikumsliebling Lord Eddard Stark of Winterfell (Sean Bean) unvermittelt (und aus einer Laune des despotischen Kindkönigs heraus) auf einer Lanze wiederfand. Dass das Faktum, eine Hauptfigur zu sein, ganz und gar nicht davor schützt, ins Gras zu beißen, musste in den insgesamt acht Staffeln so mancher Star zur Kenntnis nehmen.

Denn mit Menschen, auch mit solchen, die man über viele Staffeln lieb gewonnen hat, geht Martin ganz generell gesprochen sehr verschwenderisch um. Der grausame Tod wurde sozusagen zum Markenzeichen der Saga. Eine Auswertung der "Washington Post" ergab, dass im Laufe der Geschichte satte 6.887 Charaktere ihr Leben verlieren. Was aber nicht heißt, dass man nicht wieder zurückkehren kann. Also, in der einen oder anderen Form. Stichwort: Eiszombie.

Doch gerade das wurde im Laufe der späteren Folgen zum ernsten Problem. Denn Autor Martin ist kein schneller Schreiber. Bis heute fehlt der siebente Teil des Werks. Dessen Erscheinen wurde immer wieder angekündigt und verschoben. Zu Weihnachten soll er nun fertig sein - sofern noch irgendjemand solche Ankündigungen ernst nimmt.

Wie kann das denn sein, wo die finale achte Staffel doch schon 2019 im Fernsehen lief? Ganz einfach: Da ein verbrieftes Ende von Martin nicht zur Verfügung stand, erfanden die Serienautoren einfach eines, natürlich nach Ecksteinen, die Martin nannte. Daher liefen die Buchreihe und die TV-Serie zusehends auseinander: Figuren, die im TV längst das Zeitliche gesegnet haben, "sind für mich sehr am Leben", sagte Martin in einem Interview. Man darf also gespannt sein, ob Martin ein besseres Ende zustande bringt als das der TV-Serie.

Denn die vorletzte und letzte Staffel, die mehr oder weniger frei von den Serienautoren erfunden wurde, kam weder in Sachen Kreativität noch in Dichte an das gewohnte Niveau heran. Die Fans hassten die finale Staffel im Fernsehen sogar so sehr, dass sie einen Neudreh verlangten. Unglaubwürdige Wendungen, hastiges Heruntererzählen von Auflösungen, auf die man seit Jahren gewartet hat, und vor allem ein Ende, das man bestenfalls als lieblos hingeschludert bezeichnen muss. Ohne Martins Literaturvorlage war es den Machern der Serie nicht möglich gewesen, ein vernünftiges Produkt auf den Schirm zu bringen.

Da lebt also noch die Hoffnung, dass sich Martins finale Bücher der Sache noch einmal mit der liebevollen Hand des wertschätzenden Autors annehmen werden. Und nicht des durch GoT erst richtig groß gewordenen TV-Machers, der einfach nur möglichst rasch zum nächsten lukrativen Projekt wechseln will. Wie auch immer, retrospektiv betrachtet ändert das nichts daran, dass "Game of Thrones" eine der erfolgreichsten Serien des vergangenen Jahrzehnts war. Am Ende gewann die Reihe eine Rekordzahl von 59 Emmys. Allein in Amerika schauten zwischenzeitlich rund 43 Millionen Menschen pro Folge zu. Nicht nur die Darsteller der beiden zentralen Figuren Emilia Clarke als Daenerys Targaryen und Kit Harington als Jon Snow wurden zu Superstars. Städte wie Belfast, Sevilla oder Dubrovnik, in denen viele Szenen gedreht wurden, verzeichneten einen Ansturm an Touristen. Das kroatische Dubrovnik, in dem etliche Szenen aus der Hauptstadt Kings Landing gedreht wurden, konnte seine Nächtigungszahlen in zehn Jahren von 11,5 Millionen jährlich auf fast 20 Millionen im Jahr 2019 steigern.

Nachschub kommt

Doch die nach dem vermurksten Finale verbliebenen Fans dürfen sich auf Nachschub nicht nur in Buchform freuen. Kürzlich wurde ein Theaterstück angekündigt. Und HBO entwickelt bereits mehrere Ableger der Serie. Der erste, "House Of The Dragon", soll schon im kommenden Jahr anlaufen. Unschwer zu erraten, dass es sich bei dem Prequel um eine Geschichte der Familie Targaryen handelt, die mit ihren fürchterlichen Drachen das Land über Jahrhunderte regierten.

Dass die in der Serie doch recht exzessiv dargestellte Gewalt auch problematische Seiten hat, sehen nicht alle so. Sibel Kekilli, die vier Staffeln lang die Geliebte von Tyrion Lannister spielte, sieht das pragmatisch: "Wenn man solche Dinge nicht sehen will, sollte man Disney-Filme gucken." Gewalt gehöre zu einer mittelalterlichen Darstellung eben dazu. "Es ist nicht immer alles Sonnenschein." Vor allem, wenn der Winter kommt.