Hätte man auch nicht gedacht, dass Krakau so ein gefährliches Pflaster ist. Immerhin lungern da lauernde Leguane in Bäumen vor Balkonen herum, die Bewohner trauen sich gar nicht, die Fenster zu öffnen. Der geübte "Universum"- oder "Terra Mater"-Seher hätte den Furchtsamen freilich Entwarnung geben können. Das sieht keineswegs wie ein Leguan aus. Eher wie ein im Balztanz rasch erlahmter Hamster, in fremder Umgebung ohnehin unsicher, zumal das Plastiksackerl, einzige Gesellschaft im Busch, von der Liebesmüh auch seltsam ungerührt blieb. Wahrscheinlich harmlos, aber man weiß ja nie mit dieser Natur.

Tatsächlich handelte es sich in Krakau lediglich um ein traurig im Busch verkeiltes Kipferl, das Sackerl ist überhaupt erfunden und David Attenborough würde sagen: "Seht noch mehr Naturdokus, dann müsst ihr euch nicht mit solchen Notrufen lächerlich machen. Praktischerweise startet in Kürze eine neue Reihe auf Netflix, sogar mit mir!" Ab nächsten Donnerstag ist nämlich "Leben in Farbe" auf dem Streamingdienst abrufbar und beschäftigt sich damit, warum manche Tiere so verschwenderisch mit Farbe ausgestattet sind (der Siebenfarbentangare, dieser Raver unter den Vögeln, müsste eigentlich Seven Shades of Neongrün heißen, und dass ein Flamingo sich nur neben Paris Hilton erfolgreich tarnen könnte, ist ja hinlänglich bekannt) und andere wiederum einfach nur schwarz-weiß gestreift (Zebra) oder getupft (Dalmatiner) sind.



Damals, als es noch kaum Privatsender und schon gar kein Ich-mach-mir-mein-TV-Programm-selbst-Streaming gegeben hat, gab es die Dokureihe "Universum". Es gibt sie übrigens immer noch (seit 1987), sie ist in etwa so langlebig wie dieser Grönlandhai, der 400 Jahre alt werden kann. War sicher auch schon einmal in einer "Universum"-Folge. In diesen Filmen lernte man dann, dass ein Koala exakt nur einmal einen Eukalyptusbaum, der sonst nur zum Anlehnen beim 16-stündigen Dösen dient, flink hinauf eilt, nämlich, wenn er gerade das seltene, weil mühselige Verlangen nach Paarung hat. Und dass so ein Koalaweibchen auch recht grob sein kann, wenn es beim Verdauungsschlaf wegen so ein bisschen Triebstillung gestört wird. Man lernte den gestreiften Knurrhahn kennen, der sieht mindestens so mürrisch drein wie ein unsanft gewecktes Koalaweibchen. Wahrscheinlich, weil er zwar leuchtend rot ist, aber trotzdem nur völlig ungesehen in der Adria unterwegs ist. Nachts. Aufmerksamkeit bekommt er nur im Eisbett am Fischstand - kein Wunder, dass der grantig ist.

Bitte, ein Helmkasuar!

Man lernte, dass die harmonischen Szenen mit den süßen Babys und Küken meist schnell von dramatischer Musik unterbrochen wurde und einen - Achtung, Snowflakes, jetzt weghören - Fressfeind ankündigten. Die Oma sagte dann meist angesichts der weggeschleppten Tierfetzen: "Ja, so ist das mit der Natur." Sie sagte auch oft: "Was sich der Herrgott bei dem Geschöpf wohl gedacht hat?" (Giraffe? Seepferdchen??) Es tauchte auch der gefährlichste Vogel der Welt auf, glücklicherweise in Australien, ein Helmkasuar. Er kann bis zu eineinhalb Meter groß werden. Man traf ihn später in verwandter, leicht trotteliger Form im Disney-Film "Up" wieder. Er hieß Kevin.

Heute ist man längst nicht mehr nur auf "Universum" angewiesen. Auf dem Streamingportal Disney+ kann man sich stundenlang mit National-Geographic-Dokus die Zeit vertreiben. Das passt, hat doch Disney bereits 1953 die Flora und Fauna der Sierra Nevada in "Die Wüste lebt" in den Fokus gerückt. Und statt gezeichneten Mäusen echte Erdmännchen zu nicht minder unterhaltsamen Stars gemacht. So wie später die Billa-Werbung mit der Suche nach Gerti. Aber das führt jetzt zu weit.

Vor kurzem feierte die Naturdokureihe "Terra Mater" von ServusTV Zehn-Jahres-Jubiläum. Zuletzt konnte man da Kolibris bei ihrem "Leben am Limit" begleiten. Sehr bunte, sehr schwirrende, sehr elegante Tiere. Gut, sowieso, wenn man als Vergleich dazu einen Käfer zeigt, der schwerfällig auf seinem Blatt wankt wie ein Wiener nach der Sperrstunde in Grinzing. Faszinierend an den Kolibris ist ihre völlige Ignoranz der Selbstoptimierungsgesellschaft. Gut, man kann sich natürlich schon etwas darauf einbilden, dass man als Einziger im Stehen fliegen kann und angeberische 80 Mal pro Sekunde mit den Flügeln schlägt. Und der Schwertschnabelkolibri hat auch noch den längsten. Schnabel. Allerdings bedeutet das alles auch, dass der Kolibri immer nur 15 Minuten Pause machen kann vom Nektartrinken und dann muss er wieder Nektartrinken, sonst fällt er nämlich mit Kreislaufproblemen vom Ast. Aber schillert dabei bunt wie Dagmar Koller am Lifeball.

Verliebt in einen Oktopus

Auch auf Arte wird man immer wieder fündig bei Naturdokus und landet in Gegenden der Welt, in die man auch ohne Pandemie eher nicht kommen würde. Und trifft Tiere, die nicht nur so heißen, sondern auch so aussehen, als wären sie frei erfunden und mit Computerprogrammen kreiert worden. Dabei sollte die Sorge weniger sein, dass es diese völlig unglaublichen Tiere in echt nicht gibt. Sondern, dass es sie bald nicht mehr geben wird. Zum Beispiel in so einem Korallenriff, wo es ganz besonders blubbert vor fantastischen Unwahrscheinlichkeiten. Also noch. Und eigentlich auch oft schon nicht mehr.

Innige Momente unter Wasser: "Mein Lehrer, der Krake". - © Netflix
Innige Momente unter Wasser: "Mein Lehrer, der Krake". - © Netflix

Das unterscheidet Naturdokus heute von jenen der 80er-Jahre: der Anspruch der Planetenrettung. Manchmal eher subtil, wie im gehypten Film "Mein Lehrer, der Krake" auf Netflix. Da schließt ein Mann in einer Lebenskrise Freundschaft mit einem Krakenweibchen. Immer wieder besucht er sie, sie sucht sogar Körperkontakt zu ihm, aber natürlich: dramatische Musik, Fressfeinde und der ganz normale, nicht gerade grönlandhaiartig angelegte Lebenszyklus der Kraken überschatten die Beziehung. Es ist eine interessante Studie darüber, wie man eben genau niemals ein unbeteiligter Beobachter sein kann als Naturfilmer. Und es ist ein Appell an eine emotionalere Bindung an das Meer und seine Bewohner. Die Doku "Seaspiracy", ebenfalls auf Netflix, hat eine ähnliche Motivation, aber ganz andere Mittel: Die Tiere - Delphine, Haie, Wale -, die hier zu sehen sind, sind fast alle tot. "Ja, so ist das mit der Natur?" Nein, hier nicht. Der einzige Feind ist der Mensch. Und er tötet nicht, um zu überleben.

Kann man also Naturdokus nicht mehr unbeschwert als Entspannung betrachten? Vielleicht. Womöglich hat sich deshalb die Faszination der Menschen an Tieren ins Internet und in Soziale Medien verlagert. Ganz abgesehen von Witzbildern, in denen beispielsweise einem Hamster das Gesicht entgleist im Kampf mit einer (!) ungekochten Spaghetti, wird da etwa ein Laienvideo millionenfach geteilt, in dem eine zunehmend entnervte Bärenmutter ihre Jungen über eine Straße schleppt. Die Autos warten brav, während ein Bärchen nach dem anderen wieder ausbüxt.

Damit kann man sich identifizieren. Anthropomorphisierend? Ja, natürlich. Das ist das Geheimnis der Bindung, die Menschen zu Tieren im Internet und wohl auch sonst haben. Und für die kleinen Bären hat das sicher Hausarrest mit Fernsehverbot gesetzt. Eine Woche keine Tierdoku.