Drinnen, hinter der Schiebetür aus Glas, dudelt es in mächtiger Lautstärke. Plötzlich überragt ein Quietschen das Dudeln, dann drängt sich ein Zwirbeln dazwischen, kurz später überlagert von Schießgeräuschen. Und dann hört es sich so an, als wäre etwas explodiert. Wo genau das jetzt herkommt, ist schwer zu sagen. Auf einen suchenden Blick hin sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht: oder eher vor Maschinen.

Zen, stille Bedächtigkeit und Rücksichtnahme haben hier keinen Platz. Dies ist die laute Seite von Japan: eine mehrgeschossige Halle voller Automaten, die zum hektischen Spielen und nervösen Verweilen einladen. Hier kann man mit einem Greifarm Kuscheltiere fangen, in kleinen Kabinen Fotos mit allen möglichen Filtern entwickeln lassen oder klassische Videospiele zocken: von Golf und Tennis über Tetris oder Schiffe versenken bis zum Abknallen von Zombies und Panzern.

Diese Spielhöllen, die im Ausland einst als Arcadehallen bekannt wurden, gehören zu den wohl wichtigsten japanischen Kulturexporten der vergangenen Jahrzehnte. Doch was in Europa, den USA und anderswo nur noch in den Jugenderinnerungen älterer Generationen schlummert, ist hier noch immer Gegenwart. Die Gee-sen - Kurzform für "Geemu sentaa" oder Game Center - prägen bis heute die Stadtbilder in Japan. Jeden Tag treten hunderte Frauen, Männer und Kinder in je eines dieser Lärmparadiese, um sich abzureagieren. Sie kommen mit Kollegen nach der Arbeit, mit dem Date nach dem Essen, direkt nach der Schule oder in der Pause von einer Shoppingtour.

Dabei geht es nicht nur um Nostalgie, sagt die gebürtige Hamburgerin Suzan Lüdemann, die im westjapanischen Kyoto lebt und Videospiele übersetzt. "Ich spiele super gerne dieses Zombie-Spiel, auch wenn das mega schwer ist." Dafür sitzt man in einer Kabine, die so eng ist wie ein Fotoautomat, mit Pistole in der Hand vor einem Bildschirm. "Du bist dann mittendrin, super aufgeregt, weil du die Zombies auf der Leinwand abknallen musst." Vor lauter Ballern vergisst Lüdemann die Zeit, entspannt sich so auf ausgelassene Art. "Du musst immer neue Münzen reinschmeißen, um neue Leben zu kriegen. Das willst du dann natürlich auch. Sonst bist du ja Game over."

Als die Gee-sen in den 1960er Jahren erfunden wurden, waren sie etwas völlig Neues: Das interaktive Elektroentertainment markierte den Beginn der Videospielära. Über die Jahre schossen die "gee-sen" wie Pilze aus dem Boden, auch im Ausland begann man zumindest einzelne Spielautomaten zu schätzen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gehörten sie bald in moderne Kneipen. Heute sind sie manchmal noch auf Rummelplätzen, Jahrmärkten oder Messen zu finden.

So beliebt wie in Japan wurden die Spielhöllen aber nie. In der alternden Gesellschaft, in der ein Großteil der Menschen die Anfangsjahre dieses Spielebooms noch miterlebte, gehören sie mittlerweile zum Kulturerbe. Denn sie erinnern an eine Zeit vor Smartphones und Heimkonsolen, in der man noch rausgehen musste, um in andere Welten abzutauchen. Nur muss man sich dieser Tage auch in Japan fragen: Wie lang bleibt das noch so?

In der Existenz bedroht

Durch die Pandemie scheint sich in den letzten Monaten ein Trend beschleunigt zu haben, der sich schon seit Jahren schleichend gezeigt hat: Die Gee-sen werden weniger. Laut einer Polizeistatistik hat sich die Zahl der Game Center in ganz Japan zwischen 1986 und 2019 von knapp 27.000 auf gut 4.000 dezimiert. Und da auch im vom Coronavirus noch relativ milde betroffenen Japan die Regierung ihre Menschen bittet, Freizeitaktivitäten lieber daheim zu betreiben, fühlen sich viele Gee-sen-Betreiber in ihrer Existenz bedroht.

"Bei uns haben schon Filialen geschlossen", sagt Koichi Kodama vom Game-Center-Betreiber Taito, einem der führenden Anbieter im Land. In stark betroffenen Regionen jenseits der großen Stadtzentren seien die Umsätze auf die Hälfte gefallen. "Von der Regierung erhalten wir im Gegensatz zu Restaurants auch leider keine Unterstützungsgelder für unsere Ausfälle." Im Jahr 2020 wurde in japanischen Medien immer wieder von Schließungen einst beliebter Etablissements berichtet.

Dass die Gäste wegbleiben, verwundert in diesen Zeiten nicht. In den Gee-sen bewegen sich Menschen auf engem Raum, die Luftzirkulation ist dürftig, die Maschinen werden immer wieder von neuen Personen angefasst. "Wir tun aber, was wir können, um sicher zu sein", beteuert Koichi Kodama. "Alle müssen sich vor dem Spielen natürlich die Hände desinfizieren, Maske tragen ist Pflicht. Die Joysticks muss man auch desinfizieren. Und es gibt Schutzschilde zwischen den Automaten."

Hoffen auf das Danach

Für die Gee-sen ein zusätzliches Problem: In der Pandemie haben die Verkäufe von Heimkonsolen deutlich zugelegt. So ist nicht auszuschließen, dass die lärmigen Spielparadiese auch in Japan allmählich zum Anachronismus werden. Bei Taito, das quer übers Land verteilt noch rund 160 Center betreibt, will man sein Geschäft deshalb diversifizieren. Die Kranspiele, bei denen man mit einem Greifarm einen Gegenstand aus einem Automaten fischen muss, werden jetzt auch online angeboten. Das Hauptbusiness soll aber weiter mit den physischen Game Center gemacht werden.

"Wenn die Pandemie endet, werden die Leute wieder rauswollen", hofft Koichi Kodama. "Ich glaube, wir müssen das einfach durchstehen. Aber wir müssen auch schauen, wie wir uns noch weiter verändern können. Auf den Konsolen kann man ja mittlerweile auch in großen Gruppen spielen." Dies ist ein weiterer Vorteil, der den Game Centern allmählich abhandenkommt: das Zocken als soziales Ereignis. Längst kann man mit Spielen wie Pokémon Go über Smartphones interaktiv in der Natur spielen, oder im Mehrspielermodus an Nintendo-Konsolen eine Gamingparty steigen lassen.

Körperlicher Spaß

Trotzdem glauben die Liebhaber, dass in den Gee-sen etwas zu finden ist, das Heimkonsolen nicht bieten können. Denn mit ihrem Verschwinden ginge auch ein spezifisches Spielerlebnis verloren: mit anderen Menschen in einer großen Halle zu stehen und gemeinsam ausgelassen an Automaten zu zocken. Ein ästhetischer Reizüberfluss und ein Spaß, der oft so körperlich wird, dass er einen zum Schwitzen bringt. Und all das bei einem Geräuschpegel, der bis auf die Straße reicht.

Auch deshalb wünscht sich Suzan Lüdemann, dass die Gee-sen nicht verschwinden: "Das gehört einfach in die Amüsierviertel japanischer Städte. Da gehen Shoppingstraße und Restaurantstraße immer Hand in Hand. Und dazwischen ist eigentlich immer irgendein Game Center." Und das müsse schon aus touristischen Gründen lieber so bleiben: "Wenn ich Besuch aus Deutschland hab’, gehört ein bisschen Spielen im Game Center immer zu den Highlights."