Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als Nessie. Der Bruch im Versmaß sei nachgesehen, ungebrochen bleibt die Tradition der berühmtesten Schottin. Oder soll man Nessie gendern? Wer sagt, dass Nessie eine Nessine ist und kein Nessus?

Egal: Durch Jahrhunderte beschrieben, erstmals 565 in der "Vita Columbae" des Abtes Adamnan, dann 1527 gesichtet von Duncan Campbell, weiters 1650 ("schwimmende Insel" genannt), dazu undatiert in einer Chronik des 16. Jahrhunderts, dann 1872, dann 1903. Und das sind nur die Sichtungen, die in schriftlicher Form auf Pergament oder Papier festgehalten wurden.

Nessie, wie man sich das Loch-Ness-Monster gemeinhin vorstellt, zu sehen in "Nessieland" in Drumnadrochit. - © apa / afp / Andy Buchanan
Nessie, wie man sich das Loch-Ness-Monster gemeinhin vorstellt, zu sehen in "Nessieland" in Drumnadrochit. - © apa / afp / Andy Buchanan

Jedenfalls Nessie beschrieben - schön und gut. Kann man glauben oder auch nicht: Seemannsgarn, Highlanderwolle, whiskygelöste Zunge. Und dann, endlich...

Ein Foto ist (fast) ein Beweis

Um dieses glorreiche Jubiläum geht es am heutigen Tag: Am 21. April 1934 hat der Verschluss geklickt. Und der Beweis war da. Wobei - um der Korrektheit die Ehre zu geben: Der Verschluss hatte zwei Tage zuvor klick gemacht, am 21. April erschien das Foto in der "Daily Mail". Was nur zeigt, dass Nachrichten nur zählen, wenn sie auf Papier gedruckt werden. Worte verwehen wie Bits und Bytes.

Ja, diese alten Fotoapparate! Die haben halt noch Tatsachen dokumentiert! Heute, das elektronische Zeug, das ist nichts als eine Grundlage für Fakes. Weniger Bauch auf dem Badehosen-Foto gewünscht? - Bitte sehr. Schon mutiert der Biercontainer zum Waschbrett. Umgekehrt kann das Waschbrett auch zu zwei... - aber lassen wir das. Ein Bild jedenfalls sagt mehr als tausend Worte. Und ein Foto von anno dazumal mehr als hunderttausend.

Daher weiß man seit jenem 21. April, dass Nessie eine Tatsache ist.

Oder nicht?

Ja, diese alten Fotoapparate! - Da gibt es nichts zu deuteln. Ein Foto retuschieren, das war ja geradezu ein Geheimdienstjob. Da musste man schon...

Also: Was tun, wenn man das Foto selbst nicht retuschieren kann?

Warum bloß sind all die Fotos von Bigfoots, Yetis und anderer Monstrositäten immer Seeschlangen und anderen Monstern immer so verdammt verschwommen? Die meisten Fotos von UFOs sind dermaßen unscharf, dass man das marsianische Raumschiff nicht von einer Chevrolet-Radkappe unterscheiden kann.

Womit man unfairerweise auch das berühmteste Nessie-Foto aller Zeiten, eben das des 19. bzw. 21. Aprils, in Zweifel zieht. Als ob ein berühmter Arzt wie der Londoner Robert Kenneth Wilson einen Schwindel inszenieren würde...! Sollte das berühmte "Surgeon’s-Foto" ("Chirurgen-Foto") in Wahrheit "the humbugger’s picture" sein?

Also, um jetzt endlich der Wahrheit die Ehre zu geben: Schwindel - so ein bisschen. Aber vor allem war es als ein Scherz gedacht. Wilson liebte so etwas.

Der Hintergrund ist der: Die "Daily Mail" war damals sozusagen Loch-Ness-Monster-narrisch. Im Dezember 1933 beauftragte sie Marmaduke "Duke" Wetherell, seines Zeichens Großwildjäger und Schauspieler, auf der seriösen Seite aber auch Mitglied der "Royal Geographical Society" und der "Zoological Society", das Monster zu erforschen. Mit von der Expedition an die Gestade des schottischen Sees waren der Fotograf Gustave Pauli und der Journalist F. W. Memory. Und die gaben der Redaktion, worauf man sensationshalber hoffte.

Die Konstruktion der ungeheuren Meldung war langfristig angelegt: Schon im Dezember 1933 schürte Wetherell die Erwartungen, indem er mysteriöse Fußabdrücke meldete. Die Vermutungen wurden auch nach Wetherells Rückkehr über Monate am Köcheln gehalten.

Mittlerweile hatten Wetherell seinen Stiefsohn Christian Spurling, einen brillanten Modellbauer, ein Spielzeug-U-Boot in einen Plesiosaurus verwandeln lassen. Das Ergebnis fotografierte man mit einer Kleinbild-Leica und fotografierte es mit einer Plattenkamera.

Hätte Wetherell selbst die Fotos weitergegeben, hätte man vielleicht den Hoax gerochen. Also kommt jetzt der scherzboldische Arzt ins Spiel: Er bringt ein paar Platten, die angeblich er aufgenommen hat, zwecks Entwicklung zu einem Apotheker namens Morrison in Invermoriston. Und da - kann das sein, ja, indeed, Mr. Morrison braucht jetzt einen wee drop o’ Inchmurrin, denn was er sieht, ist ein Foto von Nessie. Nicht gestochen scharf, das ist angesichts der Eile, in der Doktor Wilson das Bild machen musste, auch nicht zu erwarten, aber was soll’s. Der Beweis ist erbracht. Wilson reicht das Foto bei der "Daily Mail" ein.

Der 60-jährige Scherz

Und es dauert knapp 60 Jahre, nämlich bis 13. März 1994, dass der "Sunday Telegraph" den Schwindel entlarvt.

Ist Nessie damit gestorben? - Lässt sich der Schotte seinen Haggis schmecken?

Wobei man das Nessie-Foto und die Fotobeweise (ähm...) für die Existenz anderer Monster, Fabelwesen und kryptide Seltsamkeiten wirklich auch, wenn schon nicht als Fotografie-Geschichte, aber wenigstens als Fotografie-Geschichterln erzählen kann.

Heutzutage hat jeder eine Handykamera - und nicht nur das. Da die Leute selbst im Wald und auf hoher See Smart- und iPhone nicht aus der Hand legen, ist die Kamera stets schussbereit. Und wo sind sie nun, all die digital gestochen scharfen Fotos von Nessie, den Bigfoots, den Seeschlangen und den Fliegenden Untertassen auf Erd-Kurs?

Das Handy tötet die Monster

Das Handy hat eine beispiellose Bild-Revolution gebracht. Nie zuvor war jederzeit eine Kamera zur Hand. Nie zuvor schoss man Fotos und Videoclips häufiger, weil es nie zuvor so billig war. Früher musste man für die Entwicklung bezahlen - jetzt lädt man selbst und kostenlos Bilder und Videos auf seinen Instagram-, Facebook- und YouTube-Account.

Dennoch sind keine tauglichen Nessie-Fotos dabei und keine Videoclips von UFOs und dergleichen.

Doch, natürlich gibt es sie. Aber die Qualität, die ist halt so eine Sache: Entweder sind die Bilder und Videos scharf genug, dass selbst laienhafte Augen das Self-made-Monster erkennen, oder sie sind so undeutlich, dass der Skeptiker ahnungsvoll die Frage stellt, wie und vor allem weshalb, trotz all der modernen Digitalität, so verwackelte Bilder zustande kommen können.

Dann wären die guten alten Monster doch nur teils absichtliche Tricks, teils unabsichtliche Irrtümer mit dank der guten alten Fotoapparate gewesen? Das UFO - ein Belichtungsfehler? Nessie - eine falsche Entfernungseinstellung?

Der Schock sitzt tief.

Da hilft kein Whisky mehr, da braucht’s was Stärkeres. Eine Tasse Tee, bitteschön.

Der hat übrigens auch heute seinen Feiertag. Very British, dieser
21. April. The Queen ist amused.

Nessie, obzwar Schottin, auch.