Es war kein angenehmes Interview, das da am Freitagabend im WDR lief. Jan Josef Liefers, "Tatort"-Star und preisgekröntes Mitglied der Top-Liga der Schauspielkunst, ist es offensichtlich nicht gewohnt, im Live-Fernsehen scharfen Gegenwind zu bekommen. Anlass war sein "Allesdichtmachen"-Video, in dem er den Medien in satirischer Form Gleichschaltung und absichtlichen Alarmismus unterstellt. WDR-Moderator Martin von Mauschwitz wollte das nicht auf sich sitzen lassen und fragte Liefers, ob er wirklich "so naiv" wäre, dass er glaube, das Video bediene nicht "das Narrativ der Corona-Leugner und der rechtsextremen Lügenpresse-Schreihälse". Der sichtlich verblüffte TV-Star konterte: "Wissen Sie, wann das letzte Mal jemand zu mir gesagt hat: Sind Sie so naiv? Das war ein Mitarbeiter des Zentralkomitees in der DDR auf der Schauspielschule."

Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten mehr als fünfzig Film- und Fernsehschauspieler, darunter auch prominente österreichische Kulturschaffende, mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik kommentiert. Die Videos waren am Donnerstagabend konzertiert veröffentlicht worden. Sie behandeln unterschiedliche Aspekte der Maßnahmen von Homeschooling über Lockdown bis Masken. Die Videos sind im Tonfall satirisch bis leicht überheblich und erwecken so den Eindruck, die Maßnahmen seien fragwürdig. Nach dem frenetischen Jubel aus der "Querdenker"-Szene und von der AfD haben viele Schauspieler die Videos wieder zurückgezogen und als Fehler bezeichnet. Am Dienstag waren auf dem YouTube-Kanal der Aktion gerade noch ein Dutzend der Videos online.

Ist die Aktion somit gescheitert? Kann man nach Tagen der Debatte zum Normalzustand übergehen und außer Streit stellen, dass es wohl sinnvoller Maßnahmen gegen das tödliche Virus bedarf?

Man muss es wohl. Aber man sollte aus einem Schlagabtausch wie diesem immer noch Lerneffekte ziehen. Denn was besonders schwer wiegt, ist der latente Vorwurf, wonach die Medien in den vergangenen 14 Monaten vor allem eines taten, wie Liefers sagt: "Den Alarm-Pegel dort zu halten, wo er hingehört: ganz oben." Dazu ist zu sagen, dass Liefers selbst Teil eben dieser Medienszene ist und als "Tatort"-Star immerhin auf der Payroll des WDR steht. Er ist nicht irgendein Quer- oder Leerdenker, sondern hat durchaus auch einen gewissen intellektuellen Ruf. Wenn man so ein Video als soliden Debattenbeitrag hinstellen kann, müssen sich die Medien Fragen stellen. Zum Beispiel: Wie kann dieser Eindruck entstehen?

Dazu ein paar Thesen: Zunächst ist offensichtlich vielen Menschen nicht klar, dass auch die Medien seit 14 Monaten im Ausnahmezustand operieren. Eigene Covid-Redaktionen wurden gegründet, Teams aufgestockt, das Thema "Corona" ist online längst ein eigenes Ressort, auf vielen Websites gleichwertig etwa mit Innenpolitik oder Kultur positioniert. Massive personelle und intellektuellen Ressourcen fließen in das Thema. Zumindest Qualitätsmedien tun das, was sie immer tun: recherchieren, checken, hinterfragen, bewerten.

Panikmacher oder Erklärbär?

Das Thema wird mit allen Ausdrucksformen begleitet, vom Leitartikel über die Analyse bis zum Interview. Die Covid-Berichterstattung füllte und füllt weiter zehntausende Seiten. Wer das als "Panikmache" abtut, hat nichts verstanden. Es ist der Job, so ein Mega-Thema mit allen Ressourcen, die man hat, anzugehen. Wer denkt, dass das gemacht wird, um ein Thema künstlich am Leben zu erhalten, glaubt vermutlich auch, dass man nur weniger zu testen braucht, damit die Fallzahlen sinken.

Wer die Berichterstattung zu einseitig findet, dem sei als Gedankenexperiment das Gegenteil ans Herz gelegt: Ist es die Aufgabe der Journalisten, Experten Gehör zu verschaffen, die die "Gegenmeinung" vertreten? Ist es tatsächlich sinnvoll, die oft genannten Poster-Boys der "Querdenker" zu interviewen, die oft nicht einmal Experten im Thema sind und deren krude Thesen in der Wissenschaft nicht mehrheitsfähig sind?

Das wäre ein grundsätzliches Missverständnis von Journalismus: Es ist nicht die Aufgabe zu berichten, dass der eine Experte sagt, dass Virus ist gefährlich, und der andere, das Virus ist harmlos - und der Leser kann dann glauben, wem er will. Es ist die Aufgabe, aus der Fülle an Informationen jene herauszufinden, die nach allen qualitativen Standards am ehesten der Wahrheit entsprechen.

Sicherlich, jeder Journalist würde nichts lieber schreiben, als dass die Pandemie vorbei ist. Das ist verständlich. Und ja, es ist auch verständlich, dass es wirklich niemand mehr hören kann. Aber soll man deswegen jenen eine Plattform geben, die schon immer gesagt haben, dass es gar kein Virus gibt und die Tests ja alle falsch sind? Die Medien dafür verantwortlich zu machen, dass die Nachrichten nicht und nicht besser werden, ist in der Tat "naiv". Denn es liegt einfach daran, dass die Nachrichten eben nicht besser werden. Oder nur teilweise besser. Und an manchen Tagen auch Rückschläge zu vermelden sind, die natürlich keiner hören will. Ja, das ist enttäuschend, ermüdend, frustrierend. Aber es ist vor allem eines: die Realität.

Bekanntlich reagieren Menschen auf schlechte Nachrichten alle ähnlich, wie man aus der Traumabewältigung weiß. Die erste der vier Phasen ist dabei immer die Ungläubigkeit. Man will einfach nicht wahrhaben, dass zum Beispiel ein geliebter Mensch gestorben ist. Erst in weiteren Phasen folgt dann das Arrangieren mit dem Trauma und letztlich dann Heilung. Manchmal hat man den Eindruck, dass manche, auch an sich durchaus intelligente Menschen in Sachen Covid noch immer in Phase I der Bewältigung steckengeblieben sind. Dass es ihnen angesichts des massiven Schocks dieses einzigartigen Ereignisses nicht möglich ist, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.

Und dann kommt das Leugner-Lager daher und bietet ihnen eine einfache Lösung aus dem Schock an: Es ist doch alles nicht wahr/erfunden/von bösen Mächten arrangiert. Offenbar fällt es manchen leichter, sich das Leben in einer Diktatur herbeizufantasieren, als zu akzeptieren, dass die ganze Welt in einer gefährlichen gesundheitlichen Ausnahmesituation ist. Die Annahme, dass sich weltweit hunderttausende Journalisten verschworen haben, um das gigantische Konstrukt einer geplanten Pandemie zu pushen, ist zwar absurd, scheint manchen aber noch immer plausibler als die Wirklichkeit. Da muss man sich doch fragen, wo der Zeitpunkt war, wo wir diese Menschen im öffentlichen Diskurs verloren haben? Mutmaßlich schon lange vor der Pandemie.

Und so ehrlich muss man sein: Die Filterblasen, die Menschen mit den abstrusesten Meinungen Räume eröffnen, wo sie sich Tag für Tag gegenseitig bestätigen können, sind nicht hilfreich. Viel zu lange haben wir über Anhänger der Reptiloiden-Verschwörung und die Flacherdler gelacht, anstatt sie als Spitze eines gigantischen Eisberges zu sehen, an dem nun der Diskurs zu zerschellen droht. Von "die Queen ist eine außerirdische Echse!!!" zu "die Medien haben sich verschworen, um uns eine Pandemie vorzugaukeln" ist der Schritt offenbar kleiner als gedacht - ein Fehler. Und nicht der einzige, über den man nachdenken muss.