Das Wort Jahrhundertprozess wird mitunter inflationär gebraucht. Was sich derzeit aber in einem Gerichtssaal in Oakland (USA) abspielt, kommt dem Begriff schon ziemlich nahe: Ein Rechtsstreit könnte das milliardenschwere Geschäft mit Handy-Apps umkrempeln und die Entwicklung der Smartphone-Branche maßgeblich verändern.

Am Montag startete der Prozess, den Epic Games gegen den Tech-Giganten Apple angestrengt hat, eine Entscheidung wird für Ende Mai erwartet. Epic Games entwickelt und vertreibt Videospiele wie "Fortnite", und das mit einigem Erfolg: Im April wurde das US-Unternehmen mit 28,7 Milliarden US-Dollar bewertet.

Epic Games will einen eigenen App Store auf dem iPhone betreiben und Apple keine Gebühren für dortige Einnahmen zahlen. Apple will das verhindern, da dem Konzern sonst ein Milliardengeschäft entgeht. Der Konzern pocht darauf, dass alle Apps weiterhin über den hauseigenen App Store verkauft werden müssen.

Wollen Kunden auf einem iPhone Apps oder Spiele herunterladen, können sie das nur über den App Store von Apple machen. Bei kostenpflichtigen Produkten schreibt Apple dabei die Bezahlmethode Apple Pay vor: Für den Anbieter des Spiels oder der App werden bis zu 30 Prozent der Einnahmen als Gebühr fällig, den Rest kann er sich behalten. Das zahlt sich für Apple aus: Laut Medienberichten soll Apple alleine an Epic Games Kassenschlager "Fortnite" 360 Millionen US-Dollar verdient haben.

PR-Offensive mit Video

Epic Games hat damit keine Freude. Die Gebühren seien zu hoch, es handle sich um ein unzulässiges Monopol und eine "Apple-Steuer", beklagt das Unternehmen. Im August 2020 eskalierte der Streit: Epic Games umging die Bezahlmethode Apple Pay und bot bei "Fortnite" auch die Möglichkeit an, virtuelle Artikel direkt bei Epic zu erwerben. Das war ein Verstoß gegen die Vertragsbedingungen, Apple fiel um seine 30-Prozent-Gebühr um. Apple kickte "Fortnite" noch am selben Tag aus dem App Store. Das Spiel kann seitdem nicht mehr auf iPhones heruntergeladen werden.

Apples Schritt hatte Epic Games einkalkuliert. Das Unternehmen startete eine PR-Offensive, auch das rechtliche Geplänkel wurde eröffnet, Epic Games zog vor Gericht.

"Marktübliche Gebühr"

Das Unternehmen will, dass Apple auf dem iPhone auch Anbieter anderer App-Stores zulässt. Denn Apples Vorgehen sei derzeit wettbewerbsverzerrend, so die Argumentation. Wolle ein Entwickler die Gebühren nicht zahlen, habe er auf dem iPhone keine alternative Möglichkeit, um sein Produkt anzubieten. Epic-Anwältin Katherine Forrest verglich Apple mit einem Autobauer, der jedes Mal 30 Prozent vom Preis beim Auftanken haben wolle.

Apple hält dagegen: Als Erfinder des App Stores und privates Unternehmen könne man frei entscheiden, welche Gebühren man verlange. Auch sei die Verteilung von 30/70 ein marktüblicher Schlüssel. Im Kreuzverhör vor Gericht wiesen Apples Anwälte Epic-Chef Tim Sweeney darauf hin, dass Epic Games kein Problem habe, zu den gleichen Konditionen auf Spielekonsolen wie Sonys Playstation oder Microsofts Xbox aktiv zu sein.

Tim Sweeney, der Chef des "Fortnite"-Entwicklers Epic Games, vor dem Gericht in Oakland. - © afp / getty images / Ethan Swope
Tim Sweeney, der Chef des "Fortnite"-Entwicklers Epic Games, vor dem Gericht in Oakland. - © afp / getty images / Ethan Swope

Sweeney konterte, dass die Ausgangspositionen unterschiedlich seien. Die Herstellung und der Verkauf der Spielekonsole selbst seien ein Verlustgeschäft, das Geld werde über die Spiele verdient. Das iPhone sei hingegen hochprofitabel, so Sweeney. Spielekonsolen seien ein Verlustgeschäft, bestätigte eine Microsoft- Managerin vor Gericht. Microsoft verdiene grundsätzlich kein Geld mit dem Verkauf der Konsolen. Stattdessen sei man etwa darauf angewiesen, beim Verkauf von Spielen auf der Plattform 30 Prozent vom Erlös einzubehalten.

Eine weitere rechtliche Schlüsselfrage ist, ob der App Store als Teil der iPhone-Nutzung zu betrachten ist. Das argumentiert Apple. Dadurch werde auch ermöglicht, sämtliche Apps auf ihre Sicherheit zum Vorteil der Kunden zu überprüfen. Epic Games sieht das anders: Die App-Plattform müsse als ein separates Produkt gesehen werden. Schließlich lasse Apple auf seinen Mac-Computern seit jeher auch das Laden von Software aus anderen Quellen als dem hauseigenen App Store zu. Apple verweist darauf, dass die Sicherheitsanforderungen beim Smartphone höher seien.

Die Verhandlung ist für gut drei Wochen angesetzt und soll bis Ende Mai dauern. Es ist davon auszugehen, dass die unterlegene Partei in Berufung geht. Sollte Apple verlieren, könnte das nicht nur das App-Geschäft auf dem iPhone umkrempeln. Epic führte die eigene Bezahlmethode nämlich auch in der "Fortnite"-App für Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android ein. Google verbannte die App daraufhin ebenfalls aus seiner Download-Plattform Play Store. Epic hat dagegen ebenfalls geklagt, das Verfahren soll laut "New York Times" voraussichtlich ebenfalls noch in diesem Jahr über die Bühne gehen - bei der gleichen Richterin.

Rüge der EU

Das Verfahren weist Parallelen zu den Ermittlungen der EU-Kommission auf, die Apple vergangene Woche unfairen Wettbewerb im App Store vorgeworfen hatte. Apple benachteilige andere Anbieter von Musikstreaming-Apps, erklärte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Die EU sieht unter anderem ein Problem in der Regel, dass die Verkäufe von Abos in den Apps über Apples Bezahlplattform abgewickelt werden müssen.