Mit Musik hinterlegte Kurzvideos, die über Handy-Bildschirme von Kindern und Jugendlichen flimmern: So nehmen wohl derzeit die meisten über Dreißigjährigen die Plattform TikTok war. Das chinesische Social-Media-Netzwerk ist über die Corona-Krise zur siebentgrößten Social-Media-Plattform der Welt geworden, vor Twitter und Snapchat. Trotz rund 1,2 Milliarden aktiver Nutzer weltweit ist die Plattform hierzulande aber noch vor allem bei den Jüngeren beliebt.

Auf TikTok werden ausschließlich kurze Videos veröffentlicht, die mit Musik hinterlegt sind. Sie zeigen Creatoren beim Tanzen, Witze erzählen oder Sketche aufführen. Ein Creator ist ein Nutzer, der auch eigene Videos auf der Plattform veröffentlicht. Das Suchtpotenzial von TikTok ist hoch - mit einem einzigen Fingerwischen kann man von Video zu Video springen, ohne dabei Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen.

Eine der erfolgreichsten TikTokerinnen Österreichs: Anna Strigl. - © privat
Eine der erfolgreichsten TikTokerinnen Österreichs: Anna Strigl. - © privat

Die meisten Videos ziehen einen sofort in ihren Bann, egal ob es um abenteuerliche Reisen oder um gruselige Geschichten geht. So sind 20 Minuten auf TikTok meist in wenigen Augenblicken vorbei.

Das Social-Media-Netzwerk, das mit TikTok am besten zu vergleichen ist, ist wohl Instagram. Beide Netzwerke haben ähnliche Demografien. Auf TikTok ist es wie auf Instagram möglich, anderen Nutzern zu folgen, um so immer die neusten Videos der Personen angezeigt zu bekommen. Der größte Unterschied zu Instagram ist aber die sogenannte "For You Page". Die "For You Page" zeigt dem Nutzer Videos an, die ihn aufgrund von früherem Nutzerverhalten interessieren könnten. Wenn Videos auf der "For You Page" vieler Nutzer landen, dann können die dahinter stehenden Creatoren schnell bekannt werden.

Einer der erfolgreichsten TikToker Österreichs: Mike Vallas. - © Universal
Einer der erfolgreichsten TikToker Österreichs: Mike Vallas. - © Universal

Trendsetter im Internet

Auch deshalb ist die Plattform im Moment bei Nutzern wie Unternehmen gleich beliebt - jedes Video könnte zum Über-Nacht-Erfolg werden. Der Erfolg von TikTok basiert auch darauf, dass die Plattform in Sachen Internet-Trends den Ton angibt. Wenn ein TikTok-Video besonders beliebt ist, geht es viral und wird für kurze Zeit zum Internet-Meme (es verbreitet sich in allen sozialen Netzwerken im Internet). Manch einer mag sich an das Video des Skateboard fahrenden Mannes erinnern, der genüsslich aus einer riesigen Saftpackung trinkt, während ein Song der Band Fleetwood Mac im Hintergrund spielt. Dieses Video hat es innerhalb kürzester Zeit vom viralen Hit auf TikTok auf alle anderen sozialen Plattformen geschafft. Sogar der Sänger von FleetwoodMac ist auf den Trend aufgesprungen.

Dank der Markierung die auf jedem TikTok Video zu sehen ist, wissen dann auch die Nutzer anderer Social-Media-Plattformen, wo aktuell die witzigsten Videos herkommen. Zusätzlich waren auch viele der aktuellen Musikhits, zuerst auf TikTok beliebt, bevor sie ins Radio kamen.

Die klare Abgrenzung zu anderen Social-Media-Netzwerken war für den Erfolg von TikTok ausschlaggebend. Im Gegensatz zu Instagram steht weniger das perfekt inszenierte Auftreten der Nutzer im Vordergrund, sondern eher die humorvolle und amateurhafte Art der Videos. So spielen die Creatoren, anstatt andere Schauspieler in ihren Videos zu zeigen, meist einfach alle Charaktere selbst. Männliche Nutzer mit einem Handtuch auf dem Kopf sollen beispielsweise Frauen darstellen, während weibliche mit einer Kappe auf dem Kopf Männer verkörpern. Plattform-eigene Begriffe wie "Sus" bedeuten "verdächtig" und wenn man einen Hamster als Profilbild hat, parodiert man damit indirekt die US-amerikanische Sängerin Lana Del Rey - eine Art Protest gegen die Fans der Sängerin, die vor einigen Monaten die Plattform mit Bildern von Lana Del Rey zuspammten. Diese für Außenstehende oft unverständliche (Bild-)
Sprache prägt und verkörpert die Jugendkultur unserer Zeit wie es sonst kein anderes soziales Netzwerk kann. TikTok hat es geschafft, zur neuen Schmiede der Popkultur zu avancieren.

Und so wie Instagram seine eigenen Stars hervorgebracht hat, gibt es auch auf TikTok schon national und international bekannte Creatoren. In Österreich ist das beispielsweise die 23-jährige Tirolerin Anna Strigl, der über 1,6 Millionen Menschen auf der Plattform folgen. Anna Strigl hat vor etwa zwei Jahren aus Spaß bei TikTok begonnen, für sie war es ein Experiment, das sie von einem USA-Aufenthalt mitgebracht hat. Mittlerweile ist sie so etwas wie das Aushängeschild der heimischen TikTok-Szene. In ihren Videos sieht man sie beim Rodeln, Haar-Styling oder Springen ins kalte Seewasser. Als Geheimnis für ihren Erfolg nennt die Vollzeit-Influencerin vor allem ihren Mut, schon früh unkonventionelle Ideen ausprobiert zu haben. "Damals habe ich mich als eine der ersten TikToker im deutschsprachigen Raum getraut, mit Voice-over über meine Videos zu sprechen", erzählt sie, wobei man ihr anmerkt, dass dies eine kleine Überwindung gewesen sein muss. Seitdem polarisiert die Österreicherin auch mit Videos, wo sie sich ihre Achsel- oder Beinbehaarung färbt. Ihr ist es wichtig, sich nicht für Social Media zu verstellen und auch ein positives Beispiel im Bereich Selbstakzeptanz zu sein. Auf ihr authentisches Auftreten haben bisher schon Marken wie Spar oder Fossil gesetzt.

Ein weiterer bekannter österreichischer Name auf TikTok ist Mike Vallas. Der Medizinstudent, der mit bürgerlichem Namen Michael Raab heißt, hat vor etwas mehr als einem Jahr damit angefangen, TikTok-Videos zu produzieren. Davor war Mike Vallas allerdings schon als Musiker bekannt, einige seiner Lieder liefen auf Ö3. Doch das kreative Multitalent wollte sich auch auf der neuen Plattform ausprobieren. Ohne viel Aufsehen um seine Musikerkarriere zu machen, begeistert der 25-Jährige mit Videos, in denen er Geschichten aus seinem Alltag erzählt, mittlerweile über 1,4 Millionen Menschen. Medizinstudium, TikTok und Musik unter einen Hut zu bringen, sei für ihn nicht immer leicht, erklärt er mit seiner bodenständigen Art: "Es gibt Tage, wo ich kaum Zeit zum Essen habe."

Das Erfolgsgeheimnis

Nach seinem Erfolgsgeheimnis befragt, sagt er, "ich habe mich viel damit auseinandergesetzt, wie ich die Aufmerksamkeit meiner Zuschauenden halten kann." Womit er wohl seine schnell geschnittenen Videos meint, die den Zuschauer aufgrund der vielen Bild- und Tonreize (Musik, Text und Sprache) in ihren Bann ziehen. Seit mehreren Monaten ist Mike Vallas bei Universal Music Austria unter Vertrag und hat erst vor kurzem seine neue Single "I don’t want you to love me" veröffentlicht.

Dass TikTok schon lange nicht mehr nur für eine junge Zielgruppe geeignet ist, da sind sich die beiden einig. "Die ältere Generation interagiert nicht sonderlich viel, das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Nutzer alle jung sind," meint Anna Strigl, der auch ein großer Anteil von Menschen über dreißig folgt. "Es ist logisch, dass TikTok sich etablieren wird, die großen Firmen schauen auf die Reichweite und werden sich daher langfristig für TikTok entscheiden," ergänzt Mike Vallas.

Während in den USA tatsächlich schon die meisten großen Marken von Starbucks bis hin zu Microsoft auf TikTok aktiv sind, sind viele österreichische Firmen bisher noch zurückhaltend. Zwar sind schon Unternehmen wie Hofer oder A1 auf TikTok aktiv, oftmals fällt es Firmen allerdings noch schwer, die Kultur von TikTok zu verstehen und Anklang bei den Nutzern zu finden. Nichtsdestotrotz gibt es derzeit keine bessere Plattform, um schnell auf Social Media bekannt zu werden.