Es war der 13. Mai 1971, als sich eine der Sternstunden des deutschen Fernsehens zaghaft ihren Weg auf den Schirm bahnte. Ein Donnerstag, wohl gemerkt, und nicht etwa ein Samstag, wie man heute für eine Spielshow dieses Kalibers annehmen könnte. Auch konnte man sich beim ZDF noch nicht zur klassischen Hauptabendzeit durchringen. 19.30 Uhr musste es auch tun. Und dennoch änderte sich im deutschen Fernsehen an diesem Tag zu dieser Stunde mehr, als man zunächst erwarten konnte. Denn da präsentierte der bekannte Radio-Unterhalter Hans Rosenthal zum ersten Mal seine neue Fernseh-Spielshow "Dalli Dalli". Eine Show, die er bis zu seinem viel zu frühen Tod 1987 monatlich machen sollte.

Aber das war noch nicht klar, als eine typische knallige 70er-Jahre-Uhr die Sekunden herunterzählte und einige Momente später Hans Rosenthal in der klassischen Bienenwaben-Deko "auch Wiener, Schweizer und andere Ausländer" begrüßte (er meinte das wohl ironisch, aber wie so oft wusste man das bei ihm nicht so genau). Als wenige Minuten später die bekannten Mimen Lilo Pulver und Fritz Eckhardt sich mit zunehmender Verzweiflung dabei abmühten, Glühbirnen in die richtigen Fassungen zu schrauben, war klar: Das könnte lustig werden. Denn hier wurde nicht das Talent gezeigt, für das man bekannt ist. Sondern das Geschick bei völlig anderen Aufgaben. Wenn man Udo Jürgens einlädt und ihn singen lässt, ist das zwar schön, aber erwartbar. Wenn er aber stattdessen Luftballons in einer Scheibtruhe transportieren muss, dann zeigt das eine Seite, die man nicht kannte. Das macht es interessant und lustig zugleich. Und das ist eigentlich schon alles, was man zur Grundidee von "Dalli Dalli" wissen muss.

Freilich stand nicht das Prominenten-Quälen im Vordergrund, das das Privatfernsehen ab den Neunzigern zur Perfektion getrieben hat. Rosenthal war immer darauf bedacht, seine Kandidaten mit Respekt zu behandeln. Sie sollten sich wohlfühlen und dadurch ermuntert werden, Seiten zu zeigen, die sie sonst nicht zeigen. Und das gelang Rosenthal wie keinem anderen vor ihm. Nicht so distanziert, ja fast etwas elitär wie Hans Joachim Kulenkampff und nicht so steif wie Blacky Fuchsberger. Und wenn sich jemand besonders ins Zeug legte, dann zollte auch der Moderator Respekt. Wenn das Publikum das durch Drücken von Knöpfen wollte, rief Rosenthal "Sie sind der Meinung: Das war spitze!" und sprang dabei mit beiden Beinen in die Luft. Diese keine Einlage wurde zu seinem Markenzeichen und schaffte es ins kollektive Fernsehgedächtnis.

Die persönliche Geschichte Rosenthals birgt in sich die ganze Brutalität und Tragik eines Menschen, der 1925 in Berlin in eine jüdische Familie hineingeboren wurde. Sein Vater starb, nachdem er 1937 von der Deutschen Bank als Nichtarier entlassen wurde. Als seine Mutter Else 1941 an Krebs starb, waren er und sein Bruder völlig der Willkür des Regimes ausgeliefert. Der zehnjährige Gert Rosenthal wurde 1942 nach Riga deportiert und im KZ ermordet. Auch die meisten Verwandten kamen ins KZ und überlebten nicht. Hans selbst wurde zu Zwangsarbeiten verpflichtet, zunächst als Totengräber, dann in einer Konservenfabrik. Im März 1943 konnte er in einer Berliner Kleingartenanlage untertauchen und dort bis zum Kriegsende unentdeckt bleiben. Er wurde dabei von Freundinnen der verstorbenen Mutter heimlich versorgt, wie er in seiner 1980 veröffentlichten Autobiografie unter dem treffenden Titel "Zwei Leben in Deutschland" schrieb.

Aus dem Versteck ins Radio

Und doch war es nach dem Krieg sein Streben, als Unterhaltungsredakteur im Rundfunk zu arbeiten. Schon 1945 begann er, als Regieassistent zu arbeiten. Zwischen 1950 und 1980 erfand und präsentierte er zahllose Rate- und Unterhaltungssendungen, die er auch meistens selbst entwarf. Eine davon, das "Sonntagsrätsel" gibt es heute jeden Sonntag um 9.30 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.

Dass ein Mann mit dieser Vita Anfang der Siebzigerjahre eine der beliebtesten Spielshows im deutschen Fernsehen moderierte, ist an Symbolkraft schwer zu überbieten. Da stand nun der ehemalige Zwangsarbeiter, dessen Familie vernichtet wurde und macht Spaß zu einem Zeitpunkt, als von Aufarbeitung der NS-Zeit noch kaum die Rede war. Denn - und das darf man nicht vergessen: Im Publikum saßen auch die Täter, die davongekommen waren.

Wie wenig sensibel damals mit diesem offensichtlichen Thema umgegangen wurde, zeigt eine Episode aus 1978. Ausgerechnet am 9. November, dem 40. Jahrestag der Pogromnacht von 1938, war "Dalli Dalli" angesetzt. Rosenthal, damals im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland engagiert, bat darum, die Sendung zu verschieben. Er scheiterte aber mit dem Ansinnen. Aus stillem Protest moderierte er an diesem Abend im schwarzen Anzug.

Rosenthals Tochter Birgit sah in ihrem Vater einen Mann ohne Vorurteile: "Obwohl er in seiner Jugend als verfolgter Jude viel Schlimmes erlebt hat, ist er später auch unbekannten Menschen freundlich, offen und ohne Argwohn, was ihre Vergangenheit betrifft, gegenübergetreten. Ich glaube, das spürten seine Kandidaten und auch das Publikum. Er hatte eben die Erfahrung gemacht, dass ihm ganz uneigennützig geholfen wurde, sonst hätte er nicht überlebt."

Das Publikum jedenfalls liebte "Dalli Dalli", das Fernsehkritiker Oliver Kalkofe die am meisten unterschätzte deutsche Fernsehsendung nennt. "Es war die erste Sendung ihrer Art, die sich traute, einfach nur verspielt und albern zu sein. Kein verkopftes Abfragen von Schulbuchwissen, um dem Bildungsbürgertum zu gefallen, und keine künstliche Ernsthaftigkeit, sondern simple Spiele mit dem einzigen Ziel, zu unterhalten und dem Publikum gute Laune zu machen", so Kalkofe. Ein absolutes Novum im deutschen Fernsehen.

Im Februar 1987 starb Hans Rosenthal für das Publikum unerwartet an den Folgen von Magenkrebs. Die Krankheit hatte ihm bereits zugesetzt, wie man in den letzten Aufnahmen sah. Eine Möglichkeit, sich vom Publikum zu verabschieden, gab es für ihn nicht. Rosenthal musste eine schon geplante Sendung absagen und verstarb wenige Tage später. Nach seinem Tod wurde eine Stiftung in seinem Namen gegründet, um die karitative Arbeit von Dalli-Dalli fortzuführen: Dort gingen Gewinne stets an Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind.

Eine Hommage zum Jubiläum

Zwei Versuchen, das Konzept von "Dalli Dalli" in den Dritten Programmen neu zu beleben, war 2011 und 2013 kein dauerhafter Erfolg beschieden. Diesen Samstag um 20.15 Uhr probiert es nun das ZDF mit einer Geburtstagsshow, moderiert von Johannes B. Kerner (auch zu sehen auf ORF2). Legendäre Spiele wie das Bilderrätsel "Dalli-Klick" und die "Dalli-Tonleiter" werden mit prominenten Gästen, darunter Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer, neu belebt.

In der ZDF-Mediathek gibt es zudem die Originale von damals zu sehen. Da kann man dem Meister der deutschen Fernsehunterhaltung seinen ganz persönlichen Tribut zollen. Am besten - wohl verdient - zur besten Hauptabendzeit.