Es ist eine fröhliche Gartenparty. Männer und Frauen in ihrem besten Sonntagsstaat tanzen ausgelassen in der Wiese, andere sitzen noch beim lukullischen Mahl. Keine zehn Meter von ihnen steht ein Galgen, dort ist ein entflohener, wieder eingefangener Sklave aufgehängt. Er lebt noch, als sein Besitzer, Plantagenbesitzer Randall unter ihm ein Feuer entfacht und ihn bei lebendigem Leibe verbrennt. Dazu spielt Menuett-Musik.

Klingt nach einem besonders grausamen Horrorfilm? Absolut. Diese eindringliche Szene stammt aber aus der Serie "Underground Railroad", die kürzlich bei Amazon Prime gestartet ist. Sie ist die Verfilmung eines von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeierten Romans von Colson Whitehead aus dem Jahr 2016. Er arbeitet mit sogenannter alternativer Geschichtsschreibung, um von einem der größten Verbrechen der Geschichte der USA zu erzählen. Die "Underground Railroad" gab es tatsächlich, es war ein unter diesem Codewort operierendes Netzwerk, das Sklaven zur Flucht aus den Südstaaten in den Norden verhalf. Aus dieser Metapher macht Whitehead eine wahrhaftige unterirdische Eisenbahn, die seine Romanheldin Cora Station für Station einer ungewissen Freiheit entgegenführt.

Der Roman besticht durch einen seltsamen, weil an sich schwer verdaubaren Sog aus überspitzter Gewalt, die man sich aber genauso auch real-historisch vorstellen könnte, und einer sciencefictionhaften Apokalyptik, die doch bedrückend naheliegend erscheint. Wenn Cora etwa mit ihrem Fluchtkumpan Caesar in South Carolina als erster Station ihrer Flucht ankommt - da wissen sie noch nicht, dass es nur die erste sein wird -, lassen sie sich von den neuen Freiheiten schnell einlullen und merken (fast) zu spät, dass sie hier in eine Art Ausmerzungsprogramm geraten sind: Mit medizinischen Experimenten werden Afroamerikaner gezielt sterilisiert oder getötet. Man kennt dies aus der späteren Weltgeschichte von anderen Ausrottungsprogrammen und weiß also schon, dass der Mensch zu so etwas in der Tat fähig ist.

Regisseur Barry Jenkins, Oscar-prämiert für den Film "Moonlight", hat die Herausforderung angenommen, diesen Roman in eine fiebrige Serienform zu bringen. Er hat es nicht so mit strengen Formen, da kann eine Folge (von insgesamt zehn) schon mal nur 19 Minuten dauern.

Wälder voll Gelynchter

Die ist übrigens die (verdächtig märchenhaft) optimistischste - und bezeichnenderweise ist sie von Jenkins hinzufabuliert. Er nimmt sich manche Freiheit, so gibt er der Hintergrundgeschichte des Sklavenjägers Ridgeway, der Cora verfolgt - mit besonderer Motivation, weil ihre Mutter Mabel ihm einst entwischt ist -, viel mehr Raum, als ihm im Roman (zu Recht?) gegönnt ist. Hauptdarstellerin Thuso Mbedu ist der Angelpunkt des Stationendramas des Schreckens - von South Carolina geht es nach North Carolina, in dem die Wälder von gelynchten Afroamerikanern voll sind, deren bloße Existenz bei Todesstrafe verboten ist. Sie trifft auf Helfer, die sich ihren eigenen Mut nicht ganz erklären können, sie trifft auf erschütternde Kollaboration, und sie muss immer wieder aufs Neue feststellen, dass ihre Hoffnungen nur Illusionen sind. Mbedu vermittelt diese brüchige Kraft aus Verzweiflung extrem eindrücklich, und ihr verdankt die Serie zu großen Teilen, dass sie den Sog des Romans gut übernehmen kann und eben nicht ein depressives Horror-Epos in schwülen, dunklen Südstaatenbildern ist.

Am Ende mancher Folgen untermalt zeitgenössische Musik etwa von Kendrick Lamar den Abspann und schlägt einen beklemmenden Bogen ins Heute. Das wäre aber gar nicht nötig, die fantastische Überhöhung dieser alternativen Geschichte macht die Grausamkeit der realen Geschichte und ihre nach wie vor anhaltenden gesellschaftlichen Folgen ohnehin schmerzlich spürbar. Wer diese Serie gesehen hat, kann nie wieder romantisierende Sklaverei-Filme sehen, ohne wütend zu werden.